Eri Inh 1960-80
Video - mein Leben bis 2018
1960-1980 anhören (1:21:32)
Übersicht 1981 - 2000
Übersicht 2001 - 2020
01 Vorwort
02 Prolog
03 Da kloane Bäääda ist gelandet
04 Onkel Hugo und der große Hunger
05 Peter freut sich
06 Westwärts ist rechtwärts
07 Onkel Hugo und die Feuerwehr
08 Vom Radfahren und der Akrobatik
09 Von Aliens und Indianern
10 Ludwig "Wiggerl" Christerer
11 Es geht weiter
12 Von der Wilderei und Machtkämpfen
13 Marianne "Mutti" Christerer
14 Liane und ich – ein schwieriges Unterfangen
15 's grüne Manderl und Schule ade
16 Peter freut sich
17 Lehrjahre sind keine Herrenjahre
18 Übermut tut selten gut
19 Kühlschrank und Girls
20 Faulheit schützt vor Strafe nicht
Vorwort
Irgendwann ist es so weit, dass man begreift: Das Leben ist endlich! Ob es Tage, Jahre, Jahrzehnte… dauert, bis ich den letzten Weg nach oben, unten oder ins Nirgendwo nehme, weiß ich nicht. Doch ich finde es ist an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen, ob es den "Hype" wert war, den unsere Gesellschaft heutzutage veranstaltet. Gab es genügend "Events", ausreichend "Spaß", eine vernünftige "Work-Life-Balance"?
Um das beurteilen zu können muss man -nach meiner Meinung- eine ehrliche Bestandsaufnahme durchführen. Genau das mache ich jetzt und stelle sie mir selbst zur Verfügung. Außenstehende dürfen es aber genauso zur Kenntnis nehmen und mich vielleicht in einem noch schlechteren Licht sehen oder doch sagen: "A Hund war a scho". Ganz ehrlich: Das kann jeder halten wie er will, denn ein Motto von mir war stets: "I don't care! I don't give a damn, I don't give a fuck!"
Viel zu viele Menschen sind ständig damit beschäftigt, sich für das, was sie tun (oder auch nicht) zu entschuldigen. Nööö, das liegt mir nicht. Wer weiß schon was aus mir oder meinem Leben geworden wäre, wenn ich mich ständig nach Anderen gerichtet hätte.
Auf den nächsten paar Seiten werde ich
ungeschönt mein Leben darlegen. Sollte jemand mit manchen Darstellungen ein Problem haben, darf er es gerne behalten, ist ja schließlich seins! Die Ausführungen entsprechen nach bestem Wissen und Gewissen der Wahrheit. Es wäre nur noch dämlich, sich bei seinem "Lebensfazit" selbst zu belügen.
Eine maximal pigmentierte Ex-Freundin brachte es innerhalb einer Diskussion voll auf den Punkt: "Peter ich kann den ganzen Tag lügen, bis sich die Balken biegen, doch in der Nacht im Bett bin ich mit meinem Kopfkissen allein. Diese Tränen kann ich nicht leugnen."
Yooo, so is es. Wer auch immer das G'schreibsl liest, für Kritik -so lange es sachlich bleibt- bin ich sehr empfänglich und würde mich freuen, die Meinung anderer Menschen zu hören. Langweilig sollte es nicht werden, obwohl ich manche meiner Erlebnisse beim BND und Berliner Nachtleben nicht veröffentlichen werde. Trotzdem dürfte einiges ungewöhnlich sein.
Entspannte Kurzweiligkeit wünscht Euch
da Bäääda
Prolog
Donnerstag, 21. Dezember 1995. Ich war in Eile. Wie so oft lief mir die Zeit im angesagten Computerladen "Vobis" nahe dem Münchner Hauptbahnhof davon. Auf den letzten Drücker musste ein Weihnachtsgeschenk für meinen Schwiegervater in spe besorgt werden. Ein Epson Tintenstrahldrucker der neuesten Generation. Um die nächste U-Bahn zu erreichen, gab ich richtig Gas. Die Verabredung mit meiner damaligen Freundin, späteren Ehefrau, heutigen Ex-Frau war mir wichtig. Wir freuten uns auf einen gemütlichen "Kellerschänke" Abend im Restaurant des bekannten Schauspielers Sepp Schauer. Er war unser Freund und Gastwirt.
18:12h verließ ich das Geschäft und rannte zur U-Bahnstation. 4 Minuten später war ich tot. Ich wurde zweimal geboren. Zuerst als süßes Baby im April 1960 in München. Dann als ausgewachsener Mann mit 35 Jahren auf der Intensivstation des Krankenhauses München-Pasing.
Mehr als ein viertel Jahrhundert später lege ich markante Erlebnisse meines Lebens dar. Weil ich ein Leben hatte, habe ich etwas zu erzählen. Um klarzustellen: Das Schreiben ist nicht gedacht, um mich besser zu fühlen oder nachträglich etwas zu rechtfertigen. Aber es erleichtert mein Verständnis für mich selbst, sowie es hilft, die Vergangenheit zu begreifen.
Ihr werdet keine umfassende Chronik von Christi Geburt bis heute erfahren. Ihr werdet auch kein Register von A bis Z zu lesen bekommen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der begriffen hat, dass man das Leben nur rückwärts verstehen kann, es aber vorwärts leben muss. Diese Welt mit ihren vielfältigen Möglichkeiten ist fabelhaft! Selbst wenn es nicht immer danach aussieht und Gott manchmal einen harten rechten Haken raushaut.
Es gab Ereignisse in meinem bisherigen Leben, die mich an den Rand der Verzweiflung brachten, die mich ans Aufgeben denken ließen. Ihr werdet traurige, lustige, skurrile, spannende Episoden aus meinem Leben erfahren. Alles geschah tatsächlich, nichts ist beschönigt oder stellt mich "geschminkt" dar. Ob "big chief" ganz oben oder "bad guy" ganz unten, einer der beiden wird sein Urteil über mich fällen.
Das Verwerflichste an Autobiographien ist für mich, dass das Dargelegte zu häufig in einen manipulierenden Dunst gehüllt wird. Wer nicht den Mut hat -wenn er über sich selbst schreibt- auf jegliche abschirmende Ebene zu verzichten, sollte gar nicht erst starten, sein Innerstes zu Papier zu bringen. Eine Selbstbeschreibung, die Wohlwollen mit ihrem Verfasser zu erzeugen versucht, ist keine. Es gibt nicht ernsthaft genug Menschen, dessen Inneres tatsächlich liebenswert ist. Doch selbst wenn euch manche Worte abstoßen werden und ihr mich wegen einiger Absätze ablehnen werdet, weiß ich dennoch, dass ihr meine Story weiterverfolgen werdet. Ihr seid nun mal, was ihr seid: Menschen und somit neugierig!
Im Buch kommt es nicht ausdrücklich vor, deshalb erwähne ich es hier: Als Ur-Bayer und Mann im fortgeschrittenen Alter, nehme ich am Gender-Wahn schlicht und ergreifend nicht teil. Männlich, weiblich oder irgendetwas anderes wird es schon sein. Hauptsache der Leser versteht mein Geschreibsl.
Noch etwas: Über die lebenden Mitglieder meiner Familie schreibe ich wenig. Familieninterna heißen so, weil sie intern bleiben sollen.
Gute Unterhaltung wünscht euch
Peter "Bäääda" Christerer
Kapitel I ~ Frühling
Da kloane Bäääda ist gelandet
Mein Name ist Peter Alexander Christerer, geboren 1960 am Palmsonntag in München, Deutschland. Zwei Brüder erblickten vor mir das Licht der Welt. Der Älteste heißt Otto, geboren im Juni 1953. Ein weiterer Junge wurde im Oktober 1956 als Ludwig getauft. Bis heute bleibt der starke Verdacht, dass
Peter Alexander aufgrund einer Schwärmerei meiner Mutter für einen Mega-Schlagerstar dieser Zeit zustande kam. Trotz mancher Ereignisse, auf die jeder zu 100% verzichten kann, es war eine schöne Zeit. Sicher gab es hin und wieder Stress mit den Eltern, meine Brüder nervten mich zur Genüge, doch wuchs ich in einer Familie auf, die ich liebte und mich geliebt fühlte.
Umgeben von Münchner Dom, Rathaus, Kirche St. Peter ("Alter Peter" ein Münchner Wahrzeichen) verbrachte ich meine ersten Jahre in der Hochbrückenstraße 8. Die Wohnverhältnisse im Herzen dieser wunderschönen Stadt, waren etwas beengt. 15 Jahre nach Ende des entsetzlichen 2. Weltkrieges war das nicht außergewöhnlich. Die Wohnung bestand aus einem Flur, einem Alkoven, einer Kammer, einer Küche sowie einem Schlafzimmer. Die Toilette befand sich außerhalb der Behausung im Zwischengeschoss des Gebäudes.
Die nicht gerade riesige Unterkunft bewohnte außer mir, Mutter Marianne, Vater Otto, Oma Reichardt, Onkel Hugo, Otto ("Burschi") und Ludwig ("Wiggerl"). Mein Vater -ein rechtschaffender Metzgermeister- war von früh bis spät damit beschäftigt, den Lebensunterhalt für die Familie heranzuschaffen. Onkel Hugo arbeitete in München-Thalkirchen bei einer Fabrik für Fette wie Schmalz, Butterfett, Margarine. Mutter half in unserer Metzgerei tatkräftig mit.
Das Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg zeigte Wirkung. Deutschland blühte auf. In den 1960ern war Bayern noch reines Agrarland, somit eines der ärmsten Bundesländer. Laptop und Lederhose begann erst später. München hingegen war schon immer eine "reiche" Stadt. Das Rathaus ist seit Juli 1948 bis auf eine Ausnahme fest in "roter" Hand. Das Soziale wurde großgeschrieben, überall an den Randbezirken wuchsen Neubausiedlungen aus dem Boden. Überwiegend wurden die Wohnhäuser staatlich gefördert. Dann galt für 20-30 Jahre eine Preisbindung nach sozialen Gesichtspunkten.
Gerüchten zufolge nutzte Oma Reichardt ihre guten Beziehungen. Möglicherweise wurde deshalb der Antrag für eine schöne 5-Zimmer Wohnung in Fürstenried West etwas beschleunigt bearbeitet und bewilligt. Die Berechtigung stand außer Zweifel, die Wohnsituation an der Hochbrückenstraße war selbst für damalige Verhältnisse nicht mehr tragbar. 1963 erfolgte der Umzug zum Münchner Stadtrand. Dort fühlte ich mich von Anfang an sehr wohl.
Onkel Hugo und der große Hunger
Hugo war das, was man damals wie heute "Lieblingsonkel" nennt. Öfters überraschte er uns mit kleinen Geschenken, zudem war Hugo stets zu Schabernack aufgelegt. Ein Manko war jedoch seine Ungeduld, was die Nahrungsaufnahme betraf. Kam das Essen nicht pünktlich auf den Tisch, wurde er ziemlich wütend.
Mein Bruder Otto erzählte mir folgende Geschichte, sie beschreibt Onkel Hugo zu 100%. Oma (mütterlicherseits) Reichardt versorgte den Haushalt, gab auf die Kinder acht, erledigte Einkäufe, kochte usw. Gegessen wurde zu unterschiedlichen Zeiten, nur am Sonntag waren meist alle zur selben Zeit zuhause.
Sehr aktiv in Kirchenangelegenheiten und gut vernetzt mit zahlreichen Kirchenoberhäuptern, pflegte sie einen Gesprächskreis katholischer Frauen. Eines dieser Mitglieder besuchte Oma regelmäßig am Donnerstagnachmittag. Waren die beiden Damen zu intensiv ins Gespräch vertieft, geriet Onkel Hugo ins Hintertreffen. Dieser kam müde nach Hause, sah die Kirchenfrau, schon rauschte seine Stimmung im Bruchteil einer Sekunde auf Halbmast.
Zwar wusste Oma, was die Uhr geschlagen hat, doch das Gespräch abrupt zu beenden, stand nicht zur Debatte. Die Frau hingegen erkannte den Ernst der Situation nicht und plapperte munter weiter. Grummelnd, mit ansteigendem Ärger, begab sich Hugo zu seinem Alkoven. Einmal platzte ihm der Kragen. Er rief Otto, dieser war etwa 3 Jahre alt, zu sich. Hugo drückte ihm ein Marmeladen Messer in die Hand und schickte ihn mit der Auflage nur ein Wort zu sagen, zur Küche.
Der kleine Bub marschierte mit hoch erhobenem Messer zur Küche und sagte immer wiederholend: "abstechen, abstechen, abstechen…". Glücklicherweise verstand ihn die Frau im Gegensatz zu Oma nicht. Eine Verabschiedung erfolgte nun umgehend. Ob es nachhaltig Wirkung zeigte, ist mir nicht bekannt.
Unleugbar steht fest: Zwischen Onkel Hugo und mir besteht eine starke genetische Verwandtschaft.
Peter freut sich
Bei Kindern im Alter von 2-6 Jahren herrschen oft Ängste in ihrem Innern. 1963 dürfte bei mir "Fremdeln" vorbei gewesen und von der sog. "magischen Phase" abgelöst worden sein. Der bevorstehende Umzug erzeugte allerdings keinerlei Angst.
Im Gegenteil! All die Versprechungen wie schön es dort wird, wieviel Platz und Spielfläche zur Verfügung steht, das machte mich neugierig. Konkret vorstellen konnte ich es mir als 3-jähriger natürlich nicht, aber selbstverständlich ließ ich mich von der allgemeinen Aufregung anstecken.
Es blieb nicht mein letzter Umzug. Noch heute freue ich mich, eine neue Welt erkunden zu dürfen. Menschen, Natur, Infrastruktur, genau das Richtige für einen Adrenalinjunkie wie mich
Westwärts ist rechtwärts
Was für ein Kontrast zur hektischen, vollen Münchner Innenstadt! Fürstenried ist seit dem Jahr 1200 in den Geschichtsbüchern erwähnt. Erhebliche Bauaktivitäten verwandelten das Viertel ab 1959 zur Trabantenstadt. Zuerst Fürstenried Ost, dann Fürstenried West. Eine gemischte Siedlung mit Einfamilienhäusern, Bungalows und Wohnblöcken entstand. Ich lebte im "Schweizer Teil". Straßennamen wurden von Schweizer Kantonen entliehen.
1963: Ein Traum! Wohnung, Nachbarn, Umgebung, alles perfekt. Tessiner Str. 163, 5 Zimmer Erdgeschoss-Wohnung, zuzüglich großer Diele, Küche, Bad, separater Toilette. Wir Brüder belegten zwar zusammen einen Raum, trotzdem ein unglaublicher Luxus. Abhängig von der finanziellen Situation wurden Teppiche verlegt, Tapeten angebracht.
In der Glarus Straße, parallel hinter unserem Wohnblock mit 4 Hauseingängen à 8 Wohnungen wohnten u.a. die Familien Reich und Schneller. Dahinter folgte die Unterwalden Straße, dort lebten Neidlingers. Im Erdgeschoss der Tessiner Str. 161 logierte Familie Lohmeier. Herr und Frau Lohmeier mit den Kindern Hannes, Herbert, Heidi. Seit nunmehr 63 Jahren besteht Freundschaft zwischen Günter Neidlinger, Herbert Lohmeier und mir.
Damals wie heute ist dieser Teil von Fürstenried eine reine Wohngegend ohne Industrie. Ein kleiner Katra Laden als Einkaufsmöglichkeit, sonst nichts. Fürstenried West war Endhaltestelle der "8er" Straßenbahn, dort befand sich ein kleines Einkaufszentrum. Zirka 10 Minuten Fußweg von der Wohnung zur Kepa, Coop, sowie kleinerer Geschäfte.
Es folgen einige kleine "G'schichterln" aus dem Umfeld der neuen Heimat. Nichts spektakuläres, mega aufregendes, sondern alltägliches, um den Zeitgeist und das "feeling" darzustellen.
Onkel Hugo und die Feuerwehr
Das erste Weihnachten kam in Sichtweite, die Vorfreude stieg ins Unermessliche. Zurecht! Onkel Hugo übertraf sich. Mit strahlenden Augen öffnete ich das verpackte Geschenk. Mein Herz wurde warm, ein Feuerwehrauto kam zum Vorschein. Das absolute Superteil. Blaulicht, Sirene, ausfahrbare Leiter, zusätzlich echter Wassertank. Unfassbar für einen knapp 4-jährigen Jungen.
Die Sirene wurde leider stark reglementiert, sie nervte über Gebühr. Feiertage vorbei, schon legte ich los. Fantasievoll stand unser Wohnzimmer in Flammen. Peter -größter Held aller Zeiten- rettete alle. Unzählige Male füllte ich die Wasserspritze, löschte den Brand entlang der gesamten Wandbreite. Anstrengend, aber es war noch nie leicht ein Held zu sein.
Das dicke Ende kam am Abend, nachdem sich Vater ins Wohnzimmer begab. Gefühlt vergingen keine drei Sekunden, als er wutentbrannt aus dem Zimmer stürzte und ein Tohuwabohu veranstaltete. Bis in ca. 1m Höhe hatten sich links Tapetenbahnen gelöst, sie hingen etwas sehr schlaff herab. Okay, leugnen keine Chance. Die Schuldfrage nicht diskussionswürdig. Meine Strafe sowie die Predigt für Onkel Hugo sind mir nicht mehr erinnerlich. Doch eines ist tief in meinem Gedächtnis verankert: Das Ende meines Feuerwehrautos, der Gang zum Autofriedhof war nicht zu verhindern.
Vom Radfahren und der Akrobatik
Das Kinderleben spielte sich im Freien ab. Umgeben von Feldern, Wald, einer spannenden Bungalowsiedlung ohne Straßenverkehr, boten sich unzählige Möglichkeiten große Heldentaten zu vollbringen. Damals wie heute herrschen diesbezüglich konträre Auffassungen zwischen Erwachsenen und Kindern.
Im Jahr 1964 war am Münchner Stadtrand der Straßenverkehr noch spärlich ausgeprägt. Mein groß angekündigter Auftritt begann. Freihändig auf dem Fahrrad mit verbundenen Augen in eine Straße einzubiegen, daran glaubte niemand aus dem Kiez. Im Alter von 4 Jahren waren wir für gewöhnlich froh, nicht vom Rad zu fallen. Natürlich erntete ich Spott und wurde aufgefordert den Beweis anzutreten.
Gesagt, getan. Ein kleines Kinderfahrrad, einen Pullover zum Augen verschließen und ab ging die Post. Startplatz Unterwalden Straße, ganz vorne neben dem Katra-Markt. Kaum gestartet, lies ich den Lenker los. Wenige wacklige Meter weiter kam der Zuruf "links abbiegen". Riesenerfolg! Es war vollbracht. Warum allerdings die Frau mit ihrem braunen VW Käfer meinen Weg kreuzte, ist mir schleierhaft.
Ein knirschendes Geräusch, ein heftiger Stoß, schon landete ich etwas unsanft auf der Motorhaube des Pkw. Glücklicherweise fiel der Pullover herunter, sonst wäre es kein Rätsel geblieben. Die arme Frau war völlig irritiert und fragte immer wieder, wie es sein konnte, dass ich sie übersehen habe. Passiert ist Gott sei Dank nichts, auch kein Schaden am Fahrrad. Die Bewertung, ob es einfach nur dumm oder eine gehörige Portion Mut mit Zielstrebigkeit war, bleibt dem Leser überlassen. Doch diese Risikobereitschaft zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.
Von Aliens und Indianern
Außerirdische zu besiegen, war ein riesiges Abenteuer und eine Heldentat. Herr Steinacher betrieb den Katra-Markt und dieser Mann war -sachte ausgedrückt- etwas geschäftstüchtig. Am Hinterausgang standen im Hof einige Mülltonnen. Irgendwann lehnten an den Mülltonnen drei etwa 150cm lange Neonröhren.
Ohne Zweifel Material eines außerirdischen Raumschiffes. Kampf war angesagt. Hannes, Herbert und ich legten uns gegenüber hinter die Einfriedung. Dann begann der Versuch mittels kleiner Steinchen, die gefährlichen Waffen zu zerstören. Mit spärlichem Erfolg. Trafen wir tatsächlich einmal, ertönte bestenfalls ein leises "biiiiing".
Es stellte sich umgehend heraus, dass diese Angriffstaktik wenig erfolgversprechend war. Hannes als Ältester nahm seinen ganzen Mut zusammen. Er rannte -größere Steine in Händen- über die Straße und startete eine Attacke. Schwungvoll warf er alle Steine auf die Neonröhren. Yooo, ein wahrhaft durchschlagendes Ergebnis. Alle drei Röhren zerplatzten lautstark. Blitzartig stand fest: Radau, Glasklirren etc. bedeutete, Erwachsene im Anmarsch. Unser Einsatz zur Rettung des Viertels wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nicht anerkannt worden. Einzig mögliche Lösung bedeutete Flucht.
Das Ende vom Lied: Wir wurden erwischt und Herr Steinacher tobte. Die Röhren waren sehr teuer, neu, ungebraucht. Doch wer stellt neue Röhren unverpackt an Mülltonnen? Die Forderung betrug happige 36 DM.
Zuhause erzählte ich Oma, dass Onkel Hugo (er war bereits ausgezogen) noch Schulden bei Herrn Steinacher hat. Funktionierte perfekt. Oma war es außerordentlich peinlich, sie schickte mich umgehend samt Betrag zurück. Ein Hochgefühl beschlich mich. Allerdings nur von kurzer Dauer. Selbstverständlich fragte Oma beim nächsten Einkauf Herrn Steinacher, wieso dieser eine so hohe Summe anschreiben ließ. Seither verstehe ich den Spruch: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
Kameradschaft war damals selbstverständlich. Peter Schneller ist ein Jahr älter als ich. Die Schaustellerfamilie verkauft auf Jahrmärkten wie dem Münchner Oktoberfest erfolgreich "Schnellers kandierte Früchte". Das Familienoberhaupt war bekannt als autoritärer Mensch, der auch manchmal handgreiflich wurde.
Peter Schneller unser Häuptling hatte einen Speer mit einer ca. 3cm langen Eisenspitze gebastelt. Versehentlich traf er mich beim Cowboy und Indianer spielen in den rechten Fuß. Ziemlich tief, ziemlich stark blutend, ziemlich schmerzhaft. Nie wäre mir in den Sinn gekommen ihn zu verraten. Mit einer hanebüchenen Geschichte log ich Vater an. Leider hielt Peter selbst dem Druck nicht stand. Er offenbarte sich seinem älteren Bruder Robert. Dieser erzählte es Otto, er informierte Vater.
Nach einer Ohrfeige wegen der Lügerei, stellte sich heraus, lügen wäre überflüssig gewesen. Mein Vater hatte nicht die Absicht es Herrn Schneller mitzuteilen. Botschaft der Story ist, dass wir eine Gemeinschaft waren. Als kleiner Junge gab es mir das Gefühl von Geborgenheit, von Verbundenheit. Ich liebte meine Eltern, Oma, Brüder, doch mit Freunden war es ein Zusammenhalt anderer Art. Wir Kinder gegen die Erwachsenen. Es gab wenig Anonymität, Nachbarn passten auf alle Kinder auf. Jedoch gaben sie auch Informationen an die anderen Eltern weiter. Trotzdem eine schöne Zeit, ich möchte sie nicht missen.
Ludwig "Wiggerl" Christerer
In den späten 1960ern, aber richtig ausgeprägt ab 1970 entstanden Jugendgangs. Otto war mit 7 Jahren Altersunterschied "zu weit weg" von mir und belegte inzwischen Onkel Hugos Zimmer.
Im Gegensatz dazu Wiggerl, die 3,5 Jahre Differenz waren optimal. Wiggerl hatte bedauerlicherweise ein großes Problem: Er litt an Asthma mit Erstickungsanfällen und Panikattacken. Natürlich gewährten ihm Erwachsene einen Bonus.
Trotz Krankheit war Wiggerl leistungsfähig, intelligent und nicht immer ganz so hilfsbedürftig wie es öfters den Anschein hatte. Er gründete in Fürstenried die "Wiggerl-Clique". Eine Bande, aus etwa 40 Mitgliedern bestehend, stellte etwas dar. Ich beschwerte mich nicht. Ein großer Bruder von diesem Rang erzeugte erheblichen Eindruck.
Schule, nicht gerade mein Lieblingsort. Als Zappelphilipp mit feinmotorischen Einschränkungen blieb mir oft nur Gewalt, um mich durchzusetzen. Ein großer Bruder als "Pate" ist hierbei von Vorteil. Ob Wiggerl oder seine Kumpane tatsächlich jedes Mal geholfen hätten, steht auf einem anderen Blatt.
ACHTUNG! Der nachfolgende Text enthält stark emotionale Passagen. Empfindsamen Personen empfehle ich, mit dem nächsten Beitrag fortzufahren.
Die Tage verliefen gleichmäßig, ziemlich routiniert. Schule, Hausaufgaben, mit Freunden raus ins Gelände, Abendessen, der abschließende Kampf um Fernseherlaubnis. Für mich war es nicht so schwer, Freiheiten zu erlangen. Die älteren Brüder hatten gute Vorarbeit geleistet. Meine Mutter Marianne -ein vollständig herzensguter Mensch- trug mir zahlreiche Dummheiten und Schabernack nicht lange nach. Wirklich anhaltend verärgert war sie nie.
Otto (das Schicksal des Erstgeborenen) wurde zum Metzger ausgebildet. Wiggerl besuchte die Realschule. Gegen 20:00h war für mich Nachtruhe angeordnet. Oft schlief ich schon, wenn sich mein Bruder ins Bett begab. Seine Asthmaanfälle weckten mich häufig. Wiggerl sprang aus dem Etagenbett, schrie lautstark um Hilfe und rannte zur Toilette.
Ein Erwachsener versuchte ihn dann zu beruhigen. Anschließend ging Wiggerl zurück ins Bett. Am 11.11.1970 kurz nach Mitternacht hatte Wiggerl einen seiner Anfälle. Er schrie zweimal hörbar nach Hilfe. Gegen 04:30h hörte ich laute Geräusche im Flur. Mein Vater musste aufstehen, um sich auf den Arbeitstag vorzubereiten und wollte zur Toilette.
Diese war versperrt, niemand antwortete auf sein Klopfen. Die Verriegelung der Toilettentür konnte man von außen mit einem Schraubendreher oder Geldstück öffnen.
Neugierig stand ich auf und betrat den Flur. Dieser endete genau an der Toilettentür, welche Vater gerade öffnete. Mein Bruder Ludwig saß regungslos auf der Toilettenschüssel. Er hatte eine Embolie erlitten. Es war sein letzter Asthmaanfall.
Am 11.11.1970 irgendwann zwischen Mitternacht und 04:30h morgens verstarb mein Bruder Ludwig "Wiggerl" Christerer im Alter von 14 Jahren und 12 Tagen allein auf der Toilette. Sein letzter Anblick ist in meinem Gedächtnis eingebrannt. Dies beeinflusste mein weiteres Leben stark. Mir wurde unbewusst der Boden unter den Füßen weggezogen. Es war einer dieser kraftvollen rechten Haken von Gott oder einfach nur Schicksal. Weitere Schicksalsschläge folgten.
Heute kann ich sagen, dass es keinen Sinn macht, zu zweifeln und grübeln. Auf Regen folgt Sonne.
Ludwig "Wiggerl" Christerer
In den späten 1960ern, aber richtig ausgeprägt ab 1970 entstanden Jugendgangs. Otto war mit 7 Jahren Altersunterschied "zu weit weg" von mir und belegte inzwischen Onkel Hugos Zimmer.
Im Gegensatz dazu Wiggerl, die 3,5 Jahre Differenz waren optimal. Wiggerl hatte bedauerlicherweise ein großes Problem: Er litt an Asthma mit Erstickungsanfällen und Panikattacken. Natürlich gewährten ihm Erwachsene einen Bonus.
Trotz Krankheit war Wiggerl leistungsfähig, intelligent und nicht immer ganz so hilfsbedürftig wie es öfters den Anschein hatte. Er gründete in Fürstenried die "Wiggerl-Clique". Eine Bande, aus etwa 40 Mitgliedern bestehend, stellte etwas dar. Ich beschwerte mich nicht. Ein großer Bruder von diesem Rang erzeugte erheblichen Eindruck.
Schule, nicht gerade mein Lieblingsort. Als Zappelphilipp mit feinmotorischen Einschränkungen blieb mir oft nur Gewalt, um mich durchzusetzen. Ein großer Bruder als "Pate" ist hierbei von Vorteil. Ob Wiggerl oder seine Kumpane tatsächlich jedes Mal geholfen hätten, steht auf einem anderen Blatt.
ACHTUNG! Der nachfolgende Text enthält stark emotionale Passagen. Empfindsamen Personen empfehle ich, mit dem nächsten Beitrag fortzufahren.
Die Tage verliefen gleichmäßig, ziemlich routiniert. Schule, Hausaufgaben, mit Freunden raus ins Gelände, Abendessen, der abschließende Kampf um Fernseherlaubnis. Für mich war es nicht so schwer, Freiheiten zu erlangen. Die älteren Brüder hatten gute Vorarbeit geleistet. Meine Mutter Marianne -ein vollständig herzensguter Mensch- trug mir zahlreiche Dummheiten und Schabernack nicht lange nach. Wirklich anhaltend verärgert war sie nie.
Otto (das Schicksal des Erstgeborenen) wurde zum Metzger ausgebildet. Wiggerl besuchte die Realschule. Gegen 20:00h war für mich Nachtruhe angeordnet. Oft schlief ich schon, wenn sich mein Bruder ins Bett begab. Seine Asthmaanfälle weckten mich häufig. Wiggerl sprang aus dem Etagenbett, schrie lautstark um Hilfe und rannte zur Toilette.
Ein Erwachsener versuchte ihn dann zu beruhigen. Anschließend ging Wiggerl zurück ins Bett. Am 11.11.1970 kurz nach Mitternacht hatte Wiggerl einen seiner Anfälle. Er schrie zweimal hörbar nach Hilfe. Gegen 04:30h hörte ich laute Geräusche im Flur. Mein Vater musste aufstehen, um sich auf den Arbeitstag vorzubereiten und wollte zur Toilette.
Diese war versperrt, niemand antwortete auf sein Klopfen. Die Verriegelung der Toilettentür konnte man von außen mit einem Schraubendreher oder Geldstück öffnen.
Neugierig stand ich auf und betrat den Flur. Dieser endete genau an der Toilettentür, welche Vater gerade öffnete. Mein Bruder Ludwig saß regungslos auf der Toilettenschüssel. Er hatte eine Embolie erlitten. Es war sein letzter Asthmaanfall.
Am 11.11.1970 irgendwann zwischen Mitternacht und 04:30h morgens verstarb mein Bruder Ludwig "Wiggerl" Christerer im Alter von 14 Jahren und 12 Tagen allein auf der Toilette. Sein letzter Anblick ist in meinem Gedächtnis eingebrannt. Dies beeinflusste mein weiteres Leben stark. Mir wurde unbewusst der Boden unter den Füßen weggezogen. Es war einer dieser kraftvollen rechten Haken von Gott oder einfach nur Schicksal. Weitere Schicksalsschläge folgten.
Heute kann ich sagen, dass es keinen Sinn macht, zu zweifeln und grübeln. Auf Regen folgt Sonne.
Es geht weiter
Fürstenried war geschockt, dennoch folgte alles seinem gewohnten Gang. Obwohl etwa 4 Jahre jünger als die meisten Mitglieder, nahm man mich als "Benjamin" in die "Wiggerl-Clique" auf. Keine Ahnung warum, denn 4 Jahre waren erheblich. Möglicherweise war das eine posthume Anerkennung von Wiggerl.
Eine große Stütze sowie "Trostkissen" war Reichard-Oma. Oft saß ich bei ihr, lauschte ihren historischen, unterhaltsamen Geschichten. Ihre weichen, glatten Hände, die sanfte, ruhige Stimme sind mir noch gut erinnerlich. Oma hatte glücklicherweise ein starkes Nervenkostüm, denn sie musste einiges wegen mir aushalten. Ein Vorfall war aber selbst für sie grenzwertig. Kurz vor Sylvester hatte ich mir einen riesigen Vorrat von Böllern besorgt. Gut sortiert und abgepackt in Plastiktüten lagerten diese unter meinem Bett. Natürlich musste ich immer wieder einige Kracher schon vor Sylvester aus dem Fenster werfen. Einmal sprang jedoch die Glut über, es blieb keine Zeit mehr, sollte der Böller nicht in meiner Hand explodieren. Dummerweise warf ich ihn nicht aus dem Fenster, sondern unters Bett.
Halleluja, da ging der Punk ab. Ca. 500 Böller explodierten mit einem Höllenlärm, verursachten ein richtiges Chaos und kokelten sogar den Fußboden an. Nach einer kleinen Standpauke beseitigte Oma das ganze Zeugs. Sie verriet mich nicht bei den Eltern!
Keinen Spaß verstand sie, wenn es ums Gießen der Gräber im Waldfriedhof ging. Nicht gerade beliebt der Job. Dabei geschah mein erster schwerer Unfall. In Begleitung von Stefan Schwab fuhren wir mit Rädern auf den Friedhof. Am Ende einer langgezogenen Kurve stand plötzlich ein Friedhofsangestellter. Vater drohte immer, die Strafe wegen des Radfahrens im Friedhof, würde er mir vom Taschengeld abziehen. Das durfte nicht geschehen, also sprang ich bei voller Fahrt vom Rad. Hätte funktionieren können. Hätte, wäre nicht die Gießkanne am Lenkrad gehangen.
Darüber stürzte ich und schlitterte in voller Geschwindigkeit diagonal über den mit scharfkantigen Kieselsteinchen bestückten Weg. Das Ende vom Lied war ein zerfetztes Knie, mehrere Operationen samt einigen Wochen Krankenhaus Aufenthalt. Zeitweise stand es sehr schlecht um das Knie, sogar eine Amputation drohte. Was ich daraus lernte? Sei aufmerksam, wenn du Verbotenes tust!
Die fünfte Schulklasse war der Horror. Mit Schulrektor W. Schmid als Klassenlehrer hatte ich die "A…Karte" gezogen. Ein fürchterlicher Mensch! Nur einmal ist er mir in guter Erinnerung geblieben: An Wiggerls Todestag. Da zeigte er einen Anflug von Empathie. Trotzdem war die "5." ein Meilenstein! Keine "Schönschreibnote" mehr. Drei Kriterien hatten für Vater Bedeutung bei der Zeugnisausgabe: Religion, gutes Benehmen, Schönschrift. Was für Zeiten!
Das Positivste: Endlich lernte ich die englische Sprache. Nicht mehr "Meidle of the reid", sondern "Middle of the Road". Diese Gruppe werden heutzutage allerdings nur noch die Alten auf dem Schirm haben.
Von der Wilderei und Machtkämpfen
Tante Frieda -meine Taufpatin- lebte zusammen mit Onkel Walter, meinen Cousinen/Cousins Brigitte, Monika, Rudolf, Bernhard in Hohenwart nahe Burghausen. Ein prächtiges, ehemaliges Pfarrhaus samt riesigem Garten und Gewächshaus. Onkel Walter, ein strenger, ehrgeiziger Mann. Gymnasiallehrer und zeitweise Landtagsabgeordneter. Er flößte mir infolge seiner Autorität einigen Respekt ein. Tante Frieda hingegen ähnelte Mutti und Oma. Im Sommer 1972 verbrachte ich einige Wochen der Schulferien in Hohenwart.
Den größten Spaß hatte ich, wenn mich Rudi zum Landwirt Sepp S. mitnahm. Alles war spannend auf diesem Bauernhof. Besonders der riesige Neufundländer Hasso. Größe als auch Masse -sicher deutlich über 70kg- waren beeindruckend. Mich mochte er sehr gern. So gern, dass er sich am Abend in der Stube öfters zu meinen Füßen legte. Einmal musste ich über 2 Stunden die Beine zusammenkneifen. Ich wollte zur Toilette, wagte aber nicht meine Füße unter seinem massigen Körper rauszuziehen. Bei der geringsten Bewegung kam von unten ein tiefes, bedrohlich wirkendes Brummen. Das genügte vollends, um bewegungslos zu verharren.
Sepp hatte öfters Probleme mit der Nachbarschaft. Einer der schlimmsten Vorwürfe war, dass sie ihn der Wilderei verdächtigten. Doch Sepp wusste sich zu helfen. Einmal sprach Rudi von einer "Geheimoperation" am Abend. Wir gingen zum Hof, allerdings nicht in die Stube, sondern zum Schuppen. Dort holte Rudi ein Moped, sowie ein Jagdgewehr. Wir fuhren wir raus aufs Feld, nahe an den Waldrand. Rudi feuerte kurz hintereinander zweimal in die Luft. Sofort düsten wir ohne Licht Richtung Wald und kehrten über Umwege zum Hof zurück. Das Abenteuer mag in der heutigen Zeit etwas banal klingen, damals jedoch für einen 12-jährigen unfassbar spannend.
Nach dem Vorkommnis war die Hölle los. Beschimpfungen und massive Beschuldigungen gegen Sepp wurden laut. Selbst polizeiliche Ermittlungen waren angesagt. Doch Sepp sorgte -was die Wilderei betraf- für nachhaltige Entlastung. Zur Tatzeit am besagten Abend wurde er in Burghausen von der Obrigkeit bezüglich Wilderei befragt. Das Alibi konnte besser nicht sein. Ein erfolgreicher Coup!
Der Kontakt zu Rudi riss nie ab. Leider verstarb mein lieber Cousin Rudolf Bauer am 21.10.2025 nach langer, schwerer Krankheit in Anger nahe Bad Reichenhall.
Möglicherweise durfte ich die Ferien in Hohenwart verbringen, weil danach der Schulstress eine neue Ebene erreichen würde. Ob es eine gute, erfolgversprechende Idee war, mich im Schuljahr 1972/73 an der Realschule zu platzieren, bezweifle ich. Offensichtlich passten die Noten, sonst wäre ein Übertritt nicht möglich gewesen. Für mich nicht nachvollziehbar, weil
1. wollte ich bei Vater das Metzgerhandwerk erlernen. Wozu dann Realschule?
2. Bei meiner Einstellung zu Unterricht ähnelte das dem Versuch, einen überzeugten Veganer zum Verzehr eines halben Schweines zu bewegen.
Die Schule befand sich im 19. Bezirk in Obersendling an der Machtlfinger Straße. Unterricht fand an drei Tagen vollumfänglich vormittags und nachmittags statt. An zwei Tagen starteten wir erst um 13:00h.
Der Nachmittagsunterricht verleitete mich groben Unfug zu veranstalten. Meine letztjährigen Mitschüler waren im Erdgeschoß des alten Teils der Walliser Schule untergebracht. Morgens, nach deren Unterrichtsbeginn, tauchte ich an Klassenfenstern auf und trieb die mir unbekannte Lehrerin Traxler nahezu in den Wahnsinn.
Schulischen Erfolg beim bisherigen Lebenslauf in der Realschule zu erwarten war unrealistisch. Hinzu kamen einige verhaltensauffällige Klassenkameraden. Machtkämpfe bestimmten die Tagesordnung. Früh zeichnete sich ab, die Probezeit würde ich nicht überstehen. Das Winter-Schullager mitzunehmen, war mein einziges Ziel. Nach einer massiven körperlichen Auseinandersetzung auf dem Schulflur mit einem Mitschüler kam es zum Rauswurf und zur sofortigen Rückkehr an die Walliser Schule. Leider OHNE Schullager!
Naja, Enttäuschung sieht anders aus. Der Hammer traf mich, als Mutti nach der Schulanmeldung zurückkehrte und mir lapidar erklärte: "Deine Klasse ist 7b. Klassenleiterin ist Frau Traxler". Bereits am ersten Schultag wurde deutlich, das Schuljahr würde kein Zuckerschlecken werden. Natürlich Einzelplatz, hinterste Reihe, ganz rechts an der Tür. Die Mitte besetzte Rainer Eschenlohr, seit langem mein Freund und ganz links Walter Schopf aus Neuried.
Für Walter stellte meine Ankunft ein Problem dar, denn bisher war er Platzhirsch. Rainer, eigentlich der Kräftigste von uns dreien, war eher ein guter Zweiter als ein nervöser Erster. Die Situation mit Walter klärte sich sehr schnell. Eines Tages schoss er mir mit einem "Kugelschreiber-Blasrohr" eine Kaugummikugel in mein Haar. Natürlich publikumswirksam.
Das Zeugs klebte brutal fest, also nahm ich eine Schere und schnitt ein ziemliches Bündel meiner Haare ab. Alle warteten gespannt auf meine Reaktion. Mitten im Unterricht stand ich auf und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, knallte ich ihm eine rechte Gerade zwischen Nase und Oberlippe. Blutend auf dem Stuhl wippend fiel Walter um. Dabei prellte er sich noch die Schulter.
Logisch, großes Drama, sogar der Schulpsychologe wurde angefordert. Schade, dass ich bei seinem Besuch etwas unpässlich war und zu Hause blieb. Die Machtfrage in Klasse 7b war jedenfalls kein Thema mehr.
Marianne "Mutti" Christerer
ACHTUNG! Der nachfolgende Text enthält stark emotionale Passagen. Empfindsamen Personen empfehle ich, mit dem nächsten Beitrag fortzufahren.
Wie sich mein Abgang von der Realschule im Familienleben auswirkte, ist mir nicht erinnerlich. Klar war, dass mein Bruder Otto auf Dauer kein Metzger bleiben wird. Er absolvierte eine Abendschule, wollte studieren und verpflichtete sich als Soldat auf Zeit für mehrere Jahre bei der Bundeswehr. Insofern wird Vater nicht traurig gewesen sein, dass meine Entscheidung blieb: Ich werde Metzger.
Unerwartet erkrankte Mutti, sie musste für einige Tage ins Krankenhaus. Es kam zur Unzeit, denn das stressige Weihnachtsgeschäft begann. Oma hatte ebenfalls häufiger Beschwerden. Zur damaligen Zeit mit 73 Jahren nicht unbedingt verwunderlich.
Eine völlig neue Erfahrung: Mutti krank, bis dahin unvorstellbar. An Weihnachten sei sie wieder zu Hause, wurde mir versprochen. Das war gelogen! Am Heiligen Abend herrschte nicht die beste Stimmung bei uns. Jetzt sollte sie spätestens Sylvester zurück sein. Am 28.12. -Vati und Otto waren sehr früh in die Metzgerei gefahren- klingelte es heftig an der Wohnungstür. Zwar kamen aus Omas Zimmer Geräusche, doch das Klingeln stoppte nicht.
Irgendwann stand ich auf und öffnete -trotz Schlafanzug- die Türe. Überraschenderweise standen zwei uniformierte Polizisten vor mir. Sie fragten nach Vater. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass er sich im Geschäft befindet. Neugierig erkundigte ich mich nach dem Grund ihrer Frage. Einer der beiden schaute mich ernst an und sagte dann einem 12jährigen ins Gesicht: "Weil Frau Christerer heute Nacht verstorben ist".
Sofort rannte ich ins Zimmer von Oma. Dort erwartete mich der nächste Schock. Sie lag wimmernd am Boden. Oma war aus dem Bett gestürzt und hatte sich den Oberschenkelhalsknochen gebrochen. Was danach geschah, ist vollständig aus dem Gedächtnis gelöscht. Ein kompletter Blackout. Entweder blieb die Polizei vor Ort oder Nachbarn kamen zu Hilfe.
Bei Oma wurde zusätzlich sehr hoher Zuckergehalt im Blut festgestellt. Mit ihren Gebrechen konnte sie nicht in der Wohnung bleiben. Oma zog nach Hohenwart bei Burghausen, zur Familie ihrer Tochter Frieda.
An Weihnachten 1972 verlor ich zwei meiner liebsten Menschen auf einen Schlag. Seither gehört Weihnachten nicht zu meinen Lieblingsfesten. Zuerst Wiggerl, dann Mutti und Oma. Etwas viel für einen Jungen auf dem Weg in die Pubertät.
So seltsam es klingt, aber selbst ein kleiner Junge lernt damit umzugehen, dass Schicksalsschläge zum Leben gehören. Um diese zu verkraften waren aus meiner Sicht ein stabiles Umfeld mit Familie und Freunde von entscheidender Bedeutung. Glücklicherweise konnte ich auf diese Stützen zurückgreifen.
Liane und ich – ein schwieriges Unterfangen
Möglicherweise ist der Eindruck entstanden, dass mein Vater sehr streng agierte, eventuell gar zur Handgreiflichkeit neigte. Das stimmte nicht! Es war eine andere Zeit, mit anderen Gepflogenheiten. Ohne Zweifel: Vater liebte seine Kinder von ganzem Herzen. Für mich stellte er ein Vorbild dar. Jemand der mir Sicherheit gab. Daran ändern auch spätere massive Probleme zwischen uns nichts.
Wie zuvor bei Wiggerl's Tod ging das Leben einfach weiter. Ich fühlte mich orientierungslos, traurig, "allein gelassen", wütend…
Frau Traxler blieb ihrer Linie treu, sie schikanierte mich weiterhin. Heute behaupte ich, dass sie eine alte, stark untervögelte Frau verkörperte. Manche Menschen können das verkraften, andere benötigen ein Ventil. Bei ihr mussten Schüler herhalten.
Im Frühjahr 1973 kam Mario Geier in unsere Schulklasse. Familie Geier zog von Stadt zu Stadt, um an Jahrmärkten teilzunehmen. Münchner Frühlingsfest, d'Wiesn usw. waren Pflichttermine. Während dieser Zeit musste Mario in München zur Schule. Er war von Anfang an bei den "Krawallmachern" voll integriert. Kein zart besaiteter Junge.
Mittlerweile hatte Vater eine Frau -Liane- kennengelernt.
So kam es häufiger vor, dass Vater bei Geschäftsschluss nicht unmittelbar nach Hause fuhr. Manchmal verließ er die Wohnung nochmals, um den Abend mit Liane zu verbringen.
Otto jun. war als 20-jähriger selten anwesend, meine Gestaltungsmöglichkeiten dadurch riesengroß. Es lies sich nicht vermeiden, dass Kontakt zu hochkriminellen Personen erfolgte. Das hing damit zusammen, dass ich viele Dinge sehr kostengünstig beschaffen konnte.
Vater legte ein atemberaubendes Tempo vor. Im August 1973, nur 8 Monate nach Mutters Tod, heiratete er Liane. Wir hatten genug Platz für Liane und Max. Die Großeltern (väterlicherseits) waren verärgert. Vor Ablauf des Trauerjahres stellte die Hochzeit einen Fauxpas dar. Das Verhältnis zwischen Oma / Liane entwickelte sich etwas unterkühlt.
Für mich war es schlicht eine Katastrophe. All die schrecklichen Ereignisse waren noch nicht verarbeitet, jetzt sollte ich zusätzlich mit einer Stiefmutter und -bruder (Max, 3 Jahre) klarkommen. Der Start gestaltete sich holprig. Einige gravierende Vorkommnisse wurden von allen Beteiligten falsch bewertet. Das machte es mir schwer, Vertrauen aufzubauen.
Völlig verunsichert, was diese neue Person in meinem Leben veranstalten würde, wollte ich sie mit ihrem Vornamen ansprechen. Dies widerstrebte Vater im Gegensatz zu Liane außerordentlich. Er wollte mich zwingen, Liane analog zu meiner verstorbenen Mutter als "Mutti" anzusprechen. Ein
NO GO! Eher hätte ich mir die Zunge abgebissen. Nach endlosen Kämpfen fanden wir einen Kompromiss. Fortan nannte ich sie "Mama". Dies war mir sehr zuwider und belastete das Verhältnis nachhaltig.
Ebenso schwerwiegend -für einen pubertierenden Jungen- war die Geschichte mit Mario. Wir planten nachts um 02:00h im Teich vom Waldfriedhof Frösche zu fangen. Ob es eine Mutprobe war oder um sie besonders "schwierigen" Mädels in der Klasse unter den Rock zu werfen, keine Erinnerung mehr. Wahrscheinlich beides. Nicht einen einzigen Frosch erwischten wir. Satz mit X. Auf dem Rückweg, beim Einbiegen in die Tessiner Straße, traf mich ein Vorschlaghammer voll auf die 12. Vorm Hauseingang Nr. 163 blaue Festbeleuchtung. Zwei Polizei- und ein Notarztwagen standen dort. Mittendrin mein Vater!
Es gibt Tage da verliert man, an anderen gewinnt man nicht. Warum Mario noch bis zum Eingang mitging, verstand ich nie. Dort angekommen, verzog er sich ganz schnell und unauffällig.
Zu spät! Liane hatte ihn bemerkt. Nachdem die Erwachsenen mit den Ordnungshütern alles abgeklärt hatten, wurde ich im Laufe der nächsten Tage gezwungen Mario zu verraten. Inzwischen wusste Mario, dass massiver Druck ausgeübt wird. Liane schleppte mich zum Haus seiner Familie im Maxhof. Ein weiteres
NO GO! Dort eröffnete sie Frau Geier die Schreckenstat. Marios Mutter ließ Liane aber so was von auflaufen, bis sie kleinlaut abzog.
Das änderte nichts daran, dass ich ihr Verhalten verabscheute. In diesem Alter, mit meiner Stellung, war das ein schwerer knock-out. Offen wagte mich niemand darauf anzusprechen, doch hinter meinem Rücken wurde getuschelt.
Unklug von Liane, mehr Schaden als Nutzen! Weitere Vorfälle -allerdings hauptsächlich von Vater heraufbeschworen- erzeugten Argwohn. Das stand lange Zeit zwischen uns.
's grüne Manderl und Schule ade
Das Freizeitheim Fürstenried, ein beliebter Treffpunkt, stellte für Jugendliche einen gefährlichen Ort dar. Schnell war man auf der falschen Spur, raste in die verkehrte Richtung. Verschiedene Aktionen hatten dort ihren Ursprung - Kavaliersdelikten entsprachen sie nicht.
Ein geniales, spannendes Bravourstück startete ebenfalls im Freizeitheim. Diese Story machte mindestens stadtweit Schlagzeilen. Überraschend ist für mich, wie lange die Urheberschaft verheimlicht werden konnte. Nur wenig Eingeweihte hatten Kenntnis von den Details samt Utensilien-Versteck.
Die Geschichte vom "grünen Manderl"
Der Waldfriedhof ist Münchens größter Friedhof und war zugleich unser Abenteuerspielplatz. Etwa mit 14/15 Jahren konnte ich als "Beobachter" an außerordentlich aufregenden Aktionen des "grünen Manderl" teilnehmen.
Peter Schneller besorgte eine sehr gruselige Maske mit schneeweißen Haaren vom Jahrmarkt. Zusätzlich hatten wir einen alten, schäbigen Lodenmantel aufgetrieben. So verkleidet legte sich ein älterer Fürstenrieder Jugendlicher mit glühender Zigarette im Augenloch auf die spärlich beleuchtete Tischlerstraße. Helfer wie Zuschauer lagen umliegend in den Büschen. Links Fürstenrieder Wald mit Kriegerdenkmal, rechts Waldfriedhof.
Es war 1974/75, somit kein Handy, Autotelefon etc.! Der Ablauf gestaltete sich immer gleich:
PKW hielt an, Fahrer stieg aus, bewegte sich langsam in Richtung des vermeintlich verletzten alten Mannes. Auf ein Zeichen sprang das "Manderl" hoch, humpelte grunzend, ähnlich des Glöckners von Notre Dame, auf den völlig verdutzten Menschen zu. Yooo, ein Bild für Götter. Wie von einer Tarantel gestochen rannte der Fahrzeugführer zum Auto, sprang rein und gab so heftig Gas, dass der Motor bis zum Limit getrieben wurde. Manchmal musste das "Manderl" zur Seite springen, sonst wäre es überfahren worden.
Bauarbeiter mit Messer, Gangs die im Friedhof das Manderl suchten und vieles mehr. Es wäre zu umfangreich, alle Aktionen hier aufzuführen. Die bekannte Tageszeitung AZ München veröffentlichte im Dezember 2017 meine etwas ausführlichere Version (3. Geschichte) innerhalb der Serie: "Herzerwärmend - die-schönsten Geschichten zu Weihnachten" Hier der Link:
Herzerwärmend
School's out forever
Die Zeit schritt voran. Herrn Blum war neuer Leiter der 8. Klasse. Dieses Schuljahr verlief unspektakulär. Für meine Verhältnisse schon fast gesittet. Das lag zum Teil auch an unserem Lehrer. Er war blass und unscheinbar, zusätzlich wollte er die neuen Lehrmethoden, -antiautoritär, Teamgeist- umsetzen. Dazu fällt mir nur ein: Falscher Stadtteil, falsche Schüler!
Herr Blum war bestimmt erfreut, dass ich die Abschlussklasse bei Frau Jacob absolvierte.
Frau Jacob eine ältere, sehr erfahrene Lehrkraft, war bekannt für ihre Strenge und spitze Zunge. Sie war -neben Frau Zwingler in den ersten beiden Schuljahren- das Beste an Lehrer, was ich je hatte! Zielstrebig und mit einigen Wortgefechten führte sie mich zum qualifizierenden Abschluss und die Krönung folgte zuletzt: "Das Betragen war gut". Allerdings legte Vater inzwischen keinen großen Wert mehr darauf.
Mit Ende der Schulzeit sah ich für mich auch endgültig die Kindheit als beendet an. Manch Leser mag nach bisheriger Lektüre das Fazit ziehen, dass ich eine harte, unglückliche Kindheit verbrachte. Das stimmt so nicht. Ja, es war viel was mir als Kind zugemutet wurde. Schlaue Psychologen und/oder Psychiater würden daraus alles mögliche ableiten. Sei ihnen gegönnt, meine Einschätzung ist folgende: Die Kindheit hatte viele Höhen und einige Tiefen. Alle Erfahrungen in Natur und Umfeld möchte ich keinesfalls verpasst haben. Ob die heutige Generation eine schönere oder weniger schöne Zeit durchlebt, kann und will ich nicht beurteilen. Die meiste Zeit war es aufregend, spannend, schön…. Seit 1963 hatte und habe ich echte Freunde! Friedrich Schiller: "Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein…"
Peter freut sich
Beim bisherigen Schulverlauf hat wohl niemand -einschließlich mir- mit diesem Ergebnis gerechnet. Gestehe aber, es war nicht wichtig für mich. Viel später zeigt sich, dass diese Einordnung zumindest nicht falsch war. In meiner Fantasie begann jetzt das wirkliche Leben. Ausbildung im Wunschberuf, kein Taschengeld mehr, endlich selbst verdientes Geld.
Wahrgenommen zu werden von den Erwachsenen und inzwischen wusste ich sogar, dass Mädchen für Besseres geeignet sind, als ihnen Frösche unter den Rock werfen.
Voller Energie und Adrenalin begann der Start in ein "neues Leben".
Lehrjahre sind keine Herrenjahre!
Mein erster Tag als Metzgerlehrling, was für eine Aufregung! Mit stolz erfüllter Brust marschierte ich neben Vater am Montag, 01.09.1975 morgens um 5 in nagelneuer Metzgerkleidung zur Autogarage.
Jetzt war es erstmal vorbei mit Freizeitheim oder irgendwelchen Schandtaten. 6 Tage pro Woche harte körperliche Arbeit. Unser Geschäft befand sich in der Damenstiftstraße zwischen Stachus und Marienplatz, im Herzen Münchens. Vaters Spruch "Ab ins Bett, um drei ist die Nacht vorbei", vergesse ich nicht.
Wurstwaren produzierten wir in der Sollner Metzgerei. Im Münchner Schlachthof wurden ab 05:00h Fleisch- und Wurstwaren eingekauft. Die Atmosphäre, der raue, trotzdem herzliche Umgang miteinander, die Geschäftigkeit usw., es gefiel mir. Das Töten und Verarbeiten von Tieren berührte mich nicht im Geringsten, es gehörte zum Beruf. Ohne Schlachtung kommt kein Schnitzel auf den Teller!
Nebenbei gab es eine Ausbildung als Wurst- und Fleischverkäufer obendrauf. Keine originäre Aufgabe eines Metzgerlehrlings, erweiterte jedoch den Horizont. Bereits kurz nach Beginn der Lehre war klar: Wir ziehen nach Solln in das verwaiste Geschäft von Opa um. Fürstenried verließen wir ebenso. Das große Anwesen inkl. Häuser samt Metzgerei überforderte Oma. Nach dem Tod von Opa war sie einsam.
Zur Metzgerei in der Innenstadt gehörte eine klassische Altbauwohnung im Hinterhaus mit Küche und Schlafzimmer. Ab Ende des "Mittagsrun" bis gegen 1600h schickte mich Vater dorthin zum Ausruhen. Eine willkommene Auszeit, allerdings war schlafen bei meiner Energie unmöglich. Deshalb lief ich öfters zur Kaufhalle oben am Stachus. Dort gab es Wühltische, voll mit DIN A 5 Romanheftchen. Als Fan von Western, Krimis etc. ideale Pausenfüller. Allerdings stellten die Kosten ein Problem dar. Nicht unlösbar bei meiner Fingerfertigkeit.
Eines Tages spürte ich die Hand eines mittelgroßen, korpulenten Mannes an meiner Schulter. Dieser flüsterte ins Ohr: "Hausdetektiv, mitkommen". Schlagartig waren mir die Konsequenzen bewusst. Ruckartig keilte ich mit meinem rechten Ellenbogen aus. Es folgte ein lautstarkes „UUUPPPFFF“, ebenso geräuschvoll knallte er seitwärts an den Wühltisch. Bevor jemand auf dumme Gedanken kommen konnte, tauchte ich schon im Gewühl der Münchner Fußgängerzone unter und war verschwunden. Die Kaufhalle war fortan kein Thema mehr.
Doch wenn man meint, man hat das Glück, dann zieht die Sau den Arsch zurück. Ein unglaublicher Zufall passierte genau zwei Tage vor Geschäftsaufgabe. Auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz marschierte besagter Detektiv an unserem Geschäft vorbei und sah mich beim Verkauf. Der Rest ist schnell erzählt: Keine 30 Minuten später tauchte er zusammen mit zwei Polizeibeamten wieder auf. Sie erklärten Vater den Vorgang. Eine Strafanzeige war die Konsequenz. Für (geständigen) Ladendiebstahl waren 50,--DM fällig. Körperverletzung leugnete ich, mangels Zeugen gab es dafür keine Bestrafung. Leid tut mir daran nur die unendliche Enttäuschung, die ich Vater dadurch zufügte.
Weder Betriebs- noch Wohnungsumzug sind mir erinnerlich. Außer, dass es absolut nicht zu meinen Vorstellungen passte. Fürstenried war mein "Kiez"! Künftig hieß die "Heimat" Reismühlenstr. 33-37, damals in der "Parkstadt Solln". Ein sehr großes Grundstück inklusive umfangreichen Innenhof. Hausnummer 37 war mit einem 3-Familienhaus bebaut. Dort wohnte nun ganz oben Oma, dann Vater, Liane und Max. Das Erdgeschoss war vermietet. Es folgten drei Garagen, die Hofeinfahrt in den Garten und zur Wurstküche samt Metzgerei. Daneben Haus Nr. 33 mit einer Familie und "Zimmerherrn". Ein Begriff aus Omas Zeit. In diesem Haus bezog mein Bruder Otto das Dachgeschoss.
Als ultimativer Glücksfall stellte sich meine neue Unterkunft heraus. Am Ende der Hofeinfahrt, quer über das Grundstück, hatte Opa sein Wohnhaus gebaut. Ganz rechts eine schöne geräumige Garage samt Werkstatt. Daran anschließend mein Wohnbereich mit zwei Zimmern, Toilette und Miniküche. Im Keller befand sich eine Badewanne. Daran angebaut ein 1-Zimmer Häuschen von höchstens 10 qm Innenraum. Sogar dieses Minizimmer war durchgängig vermietet. Dieser Umstand rettete mein Leben.
Übermut tut selten gut
Den exakten Ablauf meiner Lehrzeit bringe ich nicht mehr auf die Reihe, es war too much. Als 16-jähriger eine eigene, sturmfreie Bude, keine Nachbarn und Zugang zu einer Metzgerei, mehr geht nicht.
Details zum Einstieg ins Nachtleben erspare ich dem Leser. Nur so viel: Es war ausschweifend.
Meine Bude gestaltete ich künstlerisch frei. Wichtig waren Stereoanlage, Couch mit Tisch, Bett. Überlebenswichtig waren Whisky sowie genügend de Beukelaer Prinzenrolle. Selten versuchte ich Struktur in das Zimmer zu bringen. Auf dem Tisch befand sich alles, was annähernd nach Lebensmittel aussah. Klar war die Bude häufig voll. Günter Riedmeier hatte federführend Bassreflexboxen mit hervorragenden Lautsprechern (120cm hoch, 60cm breit, 80cm tief) gebaut. Jeder konnte frei abhängen. Das führt zu einer kleinen Anekdote, die mich noch heute manchmal schmunzeln lässt
Günter Neidlinger war zu Besuch. Wir vernichteten reichlich Pinselreiniger = Ballantine's Whisky. Irgendwann wollte Günter nach Hause und sagte "eettzz driiink i mein Whisky aus uuuund dan geh i hoam". Er ergriff zielstrebig ein geöffnetes Senfglas, führte es zum Mund und "trank". Verblüfft blickte er das Glas an, stellte es brav zurück, kippte zur Seite und machte ein kleines Nickerchen. Dieses Spielchen wiederholte sich dreimal hintereinander. Nach dem vierten Mal blieb er liegen und schlief geräuschvoll weiter. Beim Versuch ihn von seinen Cowboy-Stiefeln zu befreien, trat er mir so heftig auf den Handrücken, dass dieser bedrohlich anschwoll. Es erwies sich außerdem nicht sonderlich hilfreich bei der Tätigkeit als Metzger. Die Rückkehr vom Schlachthof, brachte eine riesige Überraschung: Günter war weg. Offensichtlich hatte er den Heimweg angetreten.
Die Hofeinfahrt wurde durch ein lediglich halbhohes Eingangstor verschlossen. Aus Schaden wird man klug. Das Tor stellte kein Hindernis für meine Freunde dar. Öffnete ich nicht, stiegen sie einfach darüber. Es führte so weit, dass Hannes Lohmeier als auch Günter Neidlinger spät nachts Hunger hatten und meinten mich überfallen zu müssen. Schlaftrunken verweigerte ich jegliche Dienstleistung. Das nahmen sie zum Anlass mich zu überwältigen und mit Schuhcreme zu beschmieren, bis ich nachgab.
Im Haus gab es eine Klapptüre. Mit deren Hilfe gelangte man in den ca. 1,5 m hohen Dachspeicher. Neben Mäusen, Steuerunterlagen für Kühlräume um ganz München zu kühlen und viel Staub, gab es ausreichend Platz, künftig Nächte ungestört von Schuhcreme oder vergleichbarem zu verbringen.
Dennoch fehlte mir Fürstenried enorm. Meine Arbeitszeit begann früh morgens, endete meist mittags. Vater, zeitweise auch Liane, waren im Laden beschäftigt, mein Arbeitsbereich war die Wurstküche. Nach wursten, ausbeinen, intensiver Reinigung der Arbeitsutensilien und -räumlichkeiten, hatte ich grundsätzlich frei. Aber mein Lehrherr bestand darauf, dass ich gegen 1730h im Geschäft putzen half. Eigentlich Pillepalle, doch später mit ein Grund von bösen Spannungen zwischen uns.
Bei jeder Gelegenheit fuhr ich nachmittags zu Rita -Günters Schwester- und Frau "Mama Leone" Neidlinger nach Fürstenried. Ohne -aus Feigheit- es Rita jemals zu offenbaren, ich war schwer verliebt in Rita. Egal welche Antwort sie mir gegeben hätte, für sie es kam besser. Rita ist seit Jahrzehnten mit dem immer gleichen Mann verheiratet.
Dennoch war Rita (ohne jegliche Schuld) Auslöser für eine schwere Verletzung meinerseits. Irgendwann während meines ersten Lehrjahres hatten Neidlingers einen sehr jungen, ungestümen Schäferhund vom Sportwart des TSV Forstenried für ein paar Wochen zur Aufbewahrung. Eines Abends führten Rita, Gabi, Herbert und ich den Hund entlang der Tischlerstraße beim Kriegerdenkmal spazieren. Logisch wollten wir den Mädchen imponieren, allerdings endeten unsere "Dressurversuche" sehr kläglich.
Im puren Übermut sagte ich zu Herbert: "Lauf, wir bringen dem Hund das Kommando fass bei". Er rannte los, der Hund hinterher. Das Kommando "fass" interessierte den Hund wahrscheinlich nicht, doch sein Spieltrieb war 24 Stunden am Tag zugegen. Mit vollem Karacho verfolgte er Herbert. Unfassbar, aber tatsächlich holten wir ihn ein. Ganz "ausgebildeter Wachhund" setzte Luxi zum Sprung an, wollte den Flüchtenden stellen.
Problematisch war, dass sich Luxi an meiner linken Seite befand und diagonal rechts Herbert anspringen wollte. Es gab einen kurzen, heftigen Ruck. Schon segelte ich im hohen Bogen über die Leine, um Kopf voraus ins Gestrüpp einzutauchen. Wieder wach, sah ich in große, mit Entsetzen gefüllte Augen von Rita. Noch etwas benommen, war mir ihr Gesichtsausdruck unverständlich. Das änderte sich augenblicklich, als mein Blick nach unten führte. Der linke Arm lag rechtwinklig gebeugt in einer kleinen Pfütze. Leider im falschen Winkel.
Ergebnis: Ellenbogen-Luxation sowie schwere Schädigung von Sehnen und Bändern. Herr Neidlinger brachte mich ins Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin verständigte er meinen Vater. Nach der Operation, schön eingegipst, meinte der Arzt noch, dass die Chancen von 100 %iger Funktionsfähigkeit des Arms bei 50:50 liegen.
Irgendwie hat sich dieser Spaziergang nicht als erquickend offenbart. Dass der Arm wieder in Ordnung ist, habe ich Vater zu verdanken. Nach Wochen erfolgloser Physiotherapie und allen möglichen Versuchen meinerseits, den Arm von einer rechtwinkligen Position in eine Gerade zu bringen, rief mich Vater. Er meinte ich soll mich mit dem kaputten Arm am schweren Eisengeländer zur Wurstküche einhalten. Kaum getan, drückte er mit voller Wucht und seinem Gewicht auf die Schulter.
Selbst jetzt -50 Jahre später- schießen mir fast Tränen in die Augen, so gut erinnere ich mich an diesen Schmerz. Doch der Arm war wieder voll einsatzfähig. Die Frage nach möglichen Komplikationen beantwortete er: "Na, was hätte schon passieren können? Wären wir halt nochmal ins Krankenhaus." Dafür liebte ich meinen Vater! "Do what needs to be done!"
Kühlschrank und Girls
Wer die 1970er bis zumindest Mitte der 1980er nicht mitgemacht hat, kann nicht nachvollziehen, was damals abging. Kein Handy, social media, influencer…Sich ohne diesen Unfug, einsam fühlen?? Fehlanzeige! Unser Statussymbol hieß nicht I-Phone XXX, sondern Levis 501. Black Sabbath, Led Zeppelin, etc. waren unsere Vorbilder. Trotz deren Aggressivität und enormen Drogenkonsums. Schon immer ängstlich, ging ich nur bis LSD mit. Heroin war mir zu strange. Schlägereien, Ärger mit der Polizei, sowie selbstverständlich enorme Alkoholexzesse. Unangenehm, blutverschmiert auf dem Rücksitz des VW-Käfers von Bernhard K. aufzuwachen und gar nicht mehr zu wissen, wer mir diese Abreibung verpasst hatte. Oder zitternd vor Angst in der Ecke zu sitzen, weil sich das LSD als Horrortrip entpuppte. Dennoch möchte ich nichts davon vermissen. Das waren die Ausnahmen. Meistens war es mega-geil.
Oft fanden im "Gartenhäuserl" "house-partys" statt. Allerdings fehlte ein Kühlschrank. Folgende Geschichte erzählte ich bestimmt schon 100x, lache aber selbst nach über 50 Jahre noch darüber.
Ob Meisterleistung der Raffinesse oder Gaunerstück, beides trifft den Kern. Erster Ansprechpartner um Dinge jedweder Art zu besorgen, war schon immer mein ältester Freund Herbert. Demzufolge klagte ich Herbert meinen Kühlschrankbedarf. Er klärte einschließlich Budget alles Notwendige ab. Nach reiflichem Überlegen waren 50 DM das Maß aller Dinge, gerne deutlich günstiger. Herbert meinte, dass es schwierig werden würde. Überraschenderweise fand er schon nach kurzer Zeit ein geeignetes Gerät.
Seinen Angaben zufolge konnte er den Preis nicht drücken, aber zumindest erreichte er Frei-Haus-Lieferung.
Okay, wenigstens etwas. Herbert bekam 50 DM.
Wenige Tage später erfolgte die Lieferung. Wir standen an der Zufahrt, als Hannes Lohmeier mit seinem VW Variant um die Ecke bog. Es verblüffte Hannes, dass wir den Kühlschrank zur Küche tragen müssen. Herbert stand völlig unbeteiligt etwas seitlich von mir. Folgender Dialog entstand:
Hannes: "Ja hätte ich gewusst, dass der Kühlschrank dir gehört, hätte ich keine 20 DM verlangt."
Ich: "Wieso 20 DM? Herbert bekam 50 DM"
Ruckartig blickten wir Richtung Herbert. Doch Herbert hatte sich in Luft aufgelöst. Ohne das geringste Geräusch zu erzeugen, hatte er sich davongestohlen. Die Wut war schnell verraucht und der Kühlschrank funktionierte einwandfrei. Inzwischen gebe ich Herbert völlig Recht: Jeder war zufrieden, hatte das bekommen, was er wollte.
Last but not least, die Mädels. "Sexuelle" Befreiung und "make love not war" galt noch. Sexuelle Lust war emanzipiert verteilt. Öfters kam es vor, dass ein "fliegender" Wechsel stattfand. Von Liebe keine Spur, Aids noch kein Thema. Klar wurde gesäuselt und geflunkert, dass sich die Balken bogen, doch dauerhafte Verbindungen waren selten. "One night stands" eher die Regel als die Ausnahme. Romantik stand nicht im Vordergrund. Sozusagen "friendship with benefits" der 80er.
Logisch herrschte im Gartenhaus etwas gesteigerte Fluktuation Mädels betreffend. Töchter von Kunden ebenso wie ladies aus dem Nachtleben ließen sich häufig auf kurzzeitige Erlebnisse in meinem Liebesnest ein. Dies blieb Oma leider nicht verborgen. Von ihrem Schlafzimmerfenster aus nahm sie die Hofeinfahrt ins Visier. In jungen Jahren kein Kind von Traurigkeit -zwei uneheliche Kinder führe ich als Beweis an-, verlagerte sich Großmutter im Alter auf ihre, zumindest oberflächlich vorhandene, Religiosität. Böse Worte wie "Puff, Hallodri, Saustall u.a.m." prasselten an meinen Kopf. Was wohl die Nachbarn denken, veranlasste sie, mich zu erpressen: Keine Mädchen mehr oder Rauswurf!
Ein fantastischer Zufall klärte diese schwierige Situation dauerhaft. Rainer "Edi" Eschenlohr, nicht von sonderlich hoher Gestalt dafür kompakt und sehr kräftig, besuchte mich jede Woche. Edi, wie ich Hardrock Fan, hatte wellige, schulterlange, pechschwarze Haare. Kaum passierten wir die Hofeinfahrt, erschallte lautstark "Ich habe dich gewarnt! Jetzt ist Schluss! Du fliegst raus!". Als hätte Oma nur darauf gewartet, mich auf "frischer Tat" zu ertappen.
Edi drehte sich in ihre Richtung und rief mit tiefster Bassstimme: "Guten Abend Frau Schrott. Geht es ihnen gut?" Yooo, im Sekundenbruchteil war sie verschwunden. Das Thema "Rotlichtbereich" etc. wurde nie wieder aufgegriffen. Selbstverständlich unterblieb der Rauswurf.
Ganz anders verhielt es sich mit einem besonderen Mädchen. Am 02. September 1977 erblickte meine Schwester Kathrin das Licht des Kreissaals. Ein blonder, blauäugiger Engel sollte ab jetzt das Leben der Familie Christerer mitgestalten. "Engel" ist relativ zu sehen. Zumindest was das lautstarke und beharrliche Kundtun ihres Willens anbelangte.
Kathrins Geburt verdrängte nur kurzfristig die kontinuierlich ansteigenden Schwierigkeiten zwischen Vater und mir. Ich vernachlässigte die Ausbildung, ließ meinen Lehrherrn gelegentlich im Stich. Zusätzlich waren wir beide zu stur, den "Putzstreit" aufzugeben. Trotzdem boten meine Leistungen weder was Zwischenprüfung noch Zeugnisse anbelangt Grund zur Klage. Langsam wurde ich im Familienleben immer autarker. Das Nachtleben dominierte mein Leben.
Faulheit schützt vor Strafe nicht
Diese Erinnerung gestaltet sich etwas umfangreich. Trotzdem lesenswert wenn man bedenkt, dass ich mich zum ersten Mal kurzzeitig ins Jenseits verabschiedet habe.
Lieber Leser, es folgt ein Drama in drei Akten. Alles geschah tatsächlich, keine Fantasie, kein Ausschmücken.
Des Dramas erster Teil – Die Tat
Meine Unzuverlässigkeit steigerte sich immer weiter. Ein ausschweifendes Nachtleben, verbunden mit täglich zwischen 0300-0430h aufstehen geht auf Dauer nicht gut. Permanent vernachlässigte ich Messer zu schleifen. Vater -ohnehin schon genervt von unseren Streitigkeiten- schwieg einfach. Irgendwann im September 1977 stand ich völlig übernächtigt an der Werkbank, bereitete Fleisch für den Verkauf vor. Wegen des stumpfen Messers ließ sich ein Knorpel nicht durchtrennen, stattdessen rammte ich mir das Messer bis zum Anschlag in den Oberschenkel. Reflexartig zog ich es mit einer halben Drehung sofort wieder heraus. Zuerst war nichts zu sehen, sogar schmerzfrei. Lediglich im rechten Gummistiefel fühlte ich Nässe. Nach Abnahme der wasserundurchlässigen Lackschürze, spritzte Blut wie ein Springbrunnen aus meinem Bein. Jetzt ging es um Minuten, das war klar ersichtlich.
Zwei Stufen zur Tür raus ging noch, dann war Schluss. Außerstande die steile Treppe zur Küche hochzugehen, rief ich permanent "Vati". Kunden befanden sich im Laden, er hörte nichts. Immer schwächer und verzweifelter werdend schrie ich 1x HILFE. Plötzlich stand der Mieter des kleinen Zimmers neben dem Gartenhaus im Bademantel oben und fragte "was schreist du denn so?" Dieser Trottel hörte die verzweifelten Schreie, reagierte aber erst auf den Hilferuf. Ich schickte ihn zu Vater. Sie brachten mich nach oben auf die Eckbank. Binnen Sekunden erzeugte mein Blut eine große Pfütze. Trotz völliger Orientierungs- und Ratlosigkeit wusste Vater, die Blutung muss gestoppt werden. Meinen Hinweis anstatt des Bindfadens zum Wurstabbinden wäre der Gürtel des Bademantels vom Zimmerherrn besser geeignet, akzeptierte er. Allerdings gab Vater mir den Gürtel und verschwand in seinem Schockzustand im Verkaufsraum.
Dort verständigte er jedoch nicht den Notarzt, sondern die Polizei und rief "Schnell, eine Messerstecherei in der Metzgerei". Das Polizeirevier 19 kannte unser Geschäft. Binnen kurzer Zeit stand ein Polizist mit gezückter Pistole in der Küche. Blitzartig erfasste dieser die Situation. Er rief seinen nachfolgenden Kollegen zu: "Alles in Ordnung. Sofort Notarzt verständigen. Eilt sehr, hoher Blutverlust." Von nun an erhielt ich professionelle Hilfe. Der Polizist legte mich auf den Boden und zog mir meine Jeans aus. Dann unterbrach er mit dem Bademantelgürtel den Blutfluss vollständig.
Des Dramas zweiter Teil – Die Konsequenzen
Bis zum Eintreffen des Notarztes wurde ich immer müder. Kalter Schweiß stand auf der Stirn. Eine entsetzliche Schwäche, Leere breitete sich in mir aus. Arzt sowie Sanitäter erkannten sofort den Ernst der Lage, legten an beiden Armen Transfusionen mit Blutplasma an. Parallel dazu lieferte Vater sein nächstes Meisterstück. Er benachrichtigte Oma, sagte nur: "Komm runter, wisch das Blut weg". Großmutter dachte sich: "Naja, die werden halt Leber- und Blutwürste produzieren. Dabei ist etwas ausgelaufen."
Jetzt kam Omas Auftritt. Sie betrat mit Wassereimer und Wischmopp den Raum. Ein Arzt war über mich gebeugt, versuchte das Einschlafen zu verhindern. Oma verschaffte sich freien Blick. Als wir uns in die Augen sahen, überkam sie Panik. Ihr Peter in Unterhosen, blutverschmiert, kreidebleichem Gesicht mit halbgeschlossenen Augen, das war zu viel. Sie stieß ein "Bäääda" hervor und kippte zur Seite. Der Sanitäter ließ die Plasmabehälter auf meinen Bauch fallen, um Oma aufzufangen. Nun wurde erstmal sie vom Arzt versorgt. Inzwischen befand ich mich schon im Dämmerzustand. Ein Abtransport durch den Verkaufsraum konnte nicht durchgeführt werden. Dass mich der Notarzt mitten durch das frisch gepflanzte Blumenbeet im Garten trug, warf mir Großmutter noch lange vor.
Während des Transportes zum Krankenhaus war Schluss mit lustig. Ich kollabierte so stark, dass mehrere Reanimationen angebracht waren.
Die Klinik Dr. Rinecker am Isarkanal war das Ziel. Inzwischen wieder bei vollem Bewusstsein verfolgte ich mit Spannung ein Kompetenzgerangel zwischen Not- und Ambulanzarzt. Während der Notarzt von mindestens 2,5 Liter Blutverlust sowie Arterienverletzung sprach, meinte der Ambulanzarzt das wäre unmöglich. Letzten Endes setzte sich die Notaufnahme durch. Ein strammer Streckverband zierte vom Knie bis zum Becken mein Bein.
Auf der Station erhielt ich endlich Schmerzmittel. Leider wirkten diese nicht sehr lange. Vater musste früher abgeschlossen haben, schon kurz nach 18:00h tauchte er in Metzgerkleidung im Krankenhaus auf. Besorgt am Bett stehend fragte er nach meinem Befinden. Die Information, dass es sich um Druck- und keine Stichschmerzen handelte, machte ihn nervös.
Ohne zu zögern, löste Vater den Verband. Als das Knie auftauchte, wurden seine Augen riesengroß. Vater lieferte ein weiteres Meisterstück ab. Diese Aktion rettete mein Leben. Er stürmte raus, fand den Stationsarzt und schleifte diesen -am Kittelkragen ziehend- rückwärts ans Bett. Auf mein Knie zeigend, fragte Vater mehrfach: "Ist das normal?" Arzt, Krankenschwestern, sowie ein herbei geeilter Oberarzt wurden kreidebleich. Das Bein war vom Knie bis zum Becken um einige Zentimeter erhöht, sehr dunkel und fühlte sich wie ein Luftballon kurz vorm Zerbersten an.
Der Oberarzt, restlos schockiert, rief den Chefarzt zuhause an, bat diesen zwecks Notoperation zurückzukommen. Die Arterie war durchstochen. Durch den Druckverband hatte sich alles verschoben. Viel Blut floss in das Bein, irgendwann wäre ich innerlich verblutet.
Die Notoperation dauerte 5,5 Stunden. Anschließend "verschönerte" nicht nur eine 13cm tiefe und 14cm breite Stichwunde mein Bein. Nach kurzer Zeit infizierte sich die Wunde, eine weitere 4,5 Stunden lange OP folgte. Damit Eiter abfließen konnte, wurde ein Tunnel zur Stichwunde "gegraben".
Eine weitere Operation erfolgte 3 Jahre später im Bundeswehrkrankenhaus.
Des Dramas dritter Teil – Das Finale
Vorab ist anzumerken: Das Rinecker -inzwischen an Artemed verkauft- war zu jener Zeit in Abhängigkeit des Gesundheitszustandes eher eine Vergnügungsstätte, denn ein Hospital. Nach der 2. Operation wurde ich auf eine andere Station verlegt. Das Zimmer konnte man -ohne vom Personal im Stationszimmer bemerkt zu werden- betreten. Direkt nach dem Eingang ein Waschraum mit Toilette. Bett 1 stand für ganz besondere Fälle bereit. Die Mitte gehörte mir. Ganz vorne am Fenster lag bereits seit langer Zeit Ludwig "Lucki"…. Ein etwa 50jähriger Mann mit kompliziertem Schienbeinbruch.
Zuallererst mussten wir eine schlüssige Erklärung finden, weshalb der Unfall passieren konnte. 1977 war das Tragen einer (sehr teuren) sog. Stechschutzschürze seit Kurzem vorgeschrieben. Zu Ausbildungsbeginn wurde ich nach meinem Bedarf gefragt, doch für mich war es überflüssig. Tja, auch Dummheit wird manchmal bestraft. Die Berufsgenossenschaft schluckte mein Lügenmärchen ohne Rückfragen. Bei der anschließenden Begehung des Arbeitsplatzes, fanden die Sachbearbeiter selbstverständlich eine nagelneue Stechschutzschürze vor.
Unser "Spezialbett" war mit hoffnungslosen Fällen sporadisch belegt. Ludwig und ich setzten uns allerdings immer durch, so blieb es überwiegend ein Zwei-Bett-Zimmer. Einen Alkoholkranken im letzten Stadium hingegen duldeten wir, trotz etwas Bauchgrummeln. Schließlich bekam der Mann täglich einen Kasten Bier frei Haus geliefert, fortan wurde unsere "Brotzeit" noch deutlich bekömmlicher.
Von Vater mit reichlich Wurstwaren versorgt, sowie Gebäck und Tageszeitungen vom Kiosk begann der Tag angenehm. Körperpflege, Mittagessen, Besuch empfangen, ließen den Tag anregend verstreichen. Aufgeregt nahm ich zur Kenntnis, dass sich nicht nur zwei Mädchen aus der Nachbarschaft, sondern von einer auch noch die Mutter für meinen Zustand interessierten. Diese besuchte mich einmal allein, eine sehr willkommene Abwechslung.
Der Chefarzt war ein Sadist par excellence. Gegenüber "schmerzfreien" Patienten wurde er unerträglich. Eines Morgens stand mir der Sinn nach Konfrontation und begrüßte ihn mit "Guten Morgen Herr Kollege". Verblüfft wollte er wissen, ob ich Medizin studiere. Meine Antwort: "Nein, nicht Medizin, dafür Metzger", verursachte keine Freude. Die Strafe folgte sofort, jedoch ohne Befriedigung für ihn. Kein Ton kam über meine Lippen. Der Schmerz war so stark, dass ich den Haltebügel über dem Bett verbog. Wiederholung kam jedoch nicht in Betracht.
Nächte verbrachte ich entweder im obersten -dort fanden öfters Personalpartys statt- Stockwerk oder ein Saufkumpan aus dem Nachbarzimmer begab sich mit mir zum naheliegenden Wienerwald Restaurant. Gegen 21:00h vollzog die Nachtschwester ihren Rundgang. Ihr war bewusst, dass wir anschließend nicht mehr gestört werden wollten. Der Rückweg vom Wienerwald etwa um 01:30h gestaltete sich manchmal alkoholbedingt etwas schwierig. Zugang war nur noch über die Notaufnahme möglich. Glücklicherweise fand bloß einmal ein Eingriff an einem Patienten statt. Das Personal hatte keine Zeit uns zur Rede zu stellen.
Nach etwas mehr als 6 Wochen spürte ich: das Gartenhaus ruft. Unser "Alki" drehte immer häufiger am Rad. Völlig neben der Spur hatte er Wahnanfälle, sah kontinuierlich Gespenster jeglicher Art. Von grünen Männchen über Riesenspinnen hin zu Monsterratten. Eines Nachts gegen 03:00h verspürte ich erhebliche Atemnot. Augen aufreißend, starrte mich eine verzerrte Fratze samt übelriechenden Atem an. Unser Spinner dachte Invasionen von Monstern stehen bevor und drückte mir mit aller Kraft die Kehle zu. Der Typ verfügte über ungeahnte Kräfte. Durch den heftigen Lärm erwachte Ludwig. Mehrmals knallte er dem Angreifer kräftig eine Krücke auf den Kopf und gab Alarm.
Time to say goodbye! Eine Zeitlang besuchte ich anschließend Lucki. Leider wurde sein Bein doch noch kurz unterhalb des Knies amputiert. Die Moral von der Geschicht: Faulheit ist nicht immer die beste Wahl.