Peter "da Bäääda" Alexander Christerer

Hochdruck

Vom Metzgerbub zum Geheimagenten.
60 Jahre Erinnerungen


1960 - 1980 (55:35 Minuten) vorlesen
   Video - mein Leben - Stand 2018
Übersicht: 1960 - 1980zuletzt: Lehrjahre sind keine Herrenjahre
Übersicht 1981 - 2000
Übersicht 2001 - 2020
01 Vorwort
02 Prolog
03 Da kloane Bäääda ist gelandet
04 Onkel Hugo und der große Hunger
05 Peter freut sich
06 Westwärts ist rechtwärts
07 Onkel Hugo und die Feuerwehr
08 Vom Radfahren und der Akrobatik
09 Von Aliens und Indianern
10 Ludwig "Wiggerl" Christerer
11 Es geht weiter
12 Von der Wilderei und Machtkämpfen
13 Marianne "Mutti" Christerer
14 Liane und ich – ein schwieriges Unterfangen
15 's grüne Manderl und Schule ade
16 Peter freut sich
17 Lehrjahre sind keine Herrenjahre
 Übermut tut selten gut
 Girls, girls, girls
 Faulheit schützt vor Strafe nicht
 Kapitel 2 - Sommer
 Wenn Du noch einen Vater hast, so halte Kind ihn hoch in Ehren
 Drum prüfe wer sich ewig bindet
 Otto "Vati" Christerer
 Platz ist in der kleinsten Hütte
 Hopfen und Malz, Gott erhalt's
 Da kloane Bäääda wird Spion
 Unverhofft kommt oft
 Maria Schrott, geb. Christerer
 Neuer, größer, schöner
 Veränderungen zeichnen sich ab

Vorwort

Beitrag vorlesen (2:25 Minuten)

Irgendwann ist es so weit, dass man begreift: Das Leben ist endlich! Ob es Tage, Jahre, Jahrzehnte… dauert, bis ich den letzten Weg nach oben, unten oder ins Nirgendwo nehme, weiß ich nicht. Doch ich finde es ist an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen, ob es den "Hype" wert war, den unsere Gesellschaft heutzutage veranstaltet. Gab es genügend "Events", ausreichend "Spaß", eine vernünftige "Work-Life-Balance"?

Um das beurteilen zu können muss man -nach meiner Meinung- eine ehrliche Bestandsaufnahme durchführen. Genau das mache ich jetzt und stelle sie mir selbst zur Verfügung. Außenstehende dürfen es aber genauso zur Kenntnis nehmen und mich vielleicht in einem noch schlechteren Licht sehen oder doch sagen: "A Hund war a scho". Ganz ehrlich: Das kann jeder halten wie er will, denn ein Motto von mir war stets: "I don't care! I don't give a damn, I don't give a fuck!"
Viel zu viele Menschen sind ständig damit beschäftigt, sich für das, was sie tun (oder auch nicht) zu entschuldigen. Nööö, das liegt mir nicht. Wer weiß schon was aus mir oder meinem Leben geworden wäre, wenn ich mich ständig nach Anderen gerichtet hätte.

Auf den nächsten paar Seiten werde ich ungeschönt mein Leben darlegen. Sollte jemand mit manchen Darstellungen ein Problem haben, darf er es gerne behalten, ist ja schließlich seins! Die Ausführungen entsprechen nach bestem Wissen und Gewissen der Wahrheit. Es wäre nur noch dämlich, sich bei seinem "Lebensfazit" selbst zu belügen.
Eine maximal pigmentierte Ex-Freundin brachte es innerhalb einer Diskussion voll auf den Punkt: "Peter ich kann den ganzen Tag lügen, bis sich die Balken biegen, doch in der Nacht im Bett bin ich mit meinem Kopfkissen allein. Diese Tränen kann ich nicht leugnen." Yooo, so is es. Wer auch immer das G'schreibsl liest, für Kritik -so lange es sachlich bleibt- bin ich sehr empfänglich und würde mich freuen, die Meinung anderer Menschen zu hören. Langweilig sollte es nicht werden, obwohl ich manche meiner Erlebnisse beim BND und Berliner Nachtleben nicht veröffentlichen werde. Trotzdem dürfte einiges ungewöhnlich sein.

Entspannte Kurzweiligkeit wünscht Euch da Bäääda

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Prolog

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Donnerstag, 21. Dezember 1995. Ich war in Eile. Wie so oft lief mir die Zeit im angesagten Computerladen "Vobis" nahe dem Münchner Hauptbahnhof davon. Auf den letzten Drücker musste ein Weihnachtsgeschenk für meinen Schwiegervater in spe besorgt werden. Ein Epson Tintenstrahldrucker der neuesten Generation. Um die nächste U-Bahn zu erreichen, gab ich richtig Gas. Die Verabredung mit meiner damaligen Freundin, späteren Ehefrau, heutigen Ex-Frau war mir wichtig. Wir freuten uns auf einen gemütlichen "Kellerschänke" Abend im Restaurant des bekannten Schauspielers Sepp Schauer. Er war unser Freund und Gastwirt.

18:12h verließ ich das Geschäft und rannte zur U-Bahnstation. 4 Minuten später war ich tot. Ich wurde zweimal geboren. Zuerst als süßes Baby im April 1960 in München. Dann als ausgewachsener Mann mit 35 Jahren auf der Intensivstation des Krankenhauses München-Pasing.
Mehr als ein viertel Jahrhundert später lege ich markante Erlebnisse meines Lebens dar. Weil ich ein Leben hatte, habe ich etwas zu erzählen. Um klarzustellen: Das Schreiben ist nicht gedacht, um mich besser zu fühlen oder nachträglich etwas zu rechtfertigen. Aber es erleichtert mein Verständnis für mich selbst, sowie es hilft, die Vergangenheit zu begreifen.

Ihr werdet keine umfassende Chronik von Christi Geburt bis heute erfahren. Ihr werdet auch kein Register von A bis Z zu lesen bekommen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der begriffen hat, dass man das Leben nur rückwärts verstehen kann, es aber vorwärts leben muss. Diese Welt mit ihren vielfältigen Möglichkeiten ist fabelhaft! Selbst wenn es nicht immer danach aussieht und Gott manchmal einen harten rechten Haken raushaut.
Es gab Ereignisse in meinem bisherigen Leben, die mich an den Rand der Verzweiflung brachten, die mich ans Aufgeben denken ließen. Ihr werdet traurige, lustige, skurrile, spannende Episoden aus meinem Leben erfahren. Alles geschah tatsächlich, nichts ist beschönigt oder stellt mich "geschminkt" dar. Ob "big chief" ganz oben oder "bad guy" ganz unten, einer der beiden wird sein Urteil über mich fällen.

Das Verwerflichste an Autobiographien ist für mich, dass das Dargelegte zu häufig in einen manipulierenden Dunst gehüllt wird. Wer nicht den Mut hat -wenn er über sich selbst schreibt- auf jegliche abschirmende Ebene zu verzichten, sollte gar nicht erst starten, sein Innerstes zu Papier zu bringen. Eine Selbstbeschreibung, die Wohlwollen mit ihrem Verfasser zu erzeugen versucht, ist keine. Es gibt nicht ernsthaft genug Menschen, dessen Inneres tatsächlich liebenswert ist. Doch selbst wenn euch manche Worte abstoßen werden und ihr mich wegen einiger Absätze ablehnen werdet, weiß ich dennoch, dass ihr meine Story weiterverfolgen werdet. Ihr seid nun mal, was ihr seid: Menschen und somit neugierig!

Im Buch kommt es nicht ausdrücklich vor, deshalb erwähne ich es hier: Als Ur-Bayer und Mann im fortgeschrittenen Alter, nehme ich am Gender-Wahn schlicht und ergreifend nicht teil. Männlich, weiblich oder irgendetwas anderes wird es schon sein. Hauptsache der Leser versteht mein Geschreibsl.

Noch etwas: Über die lebenden Mitglieder meiner Familie schreibe ich wenig. Familieninterna heißen so, weil sie intern bleiben sollen.

Gute Unterhaltung wünscht euch Peter "Bäääda" Christerer

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Kapitel I ~ Frühling
Da kloane Bäääda ist gelandet

Beitrag vorlesen (3:26 Minuten)

Mein Name ist Peter Alexander Christerer, geboren 1960 am Palmsonntag in München, Deutschland. Zwei Brüder erblickten vor mir das Licht der Welt. Der Älteste heißt Otto, geboren im Juni 1953. Ein weiterer Junge wurde im Oktober 1956 als Ludwig getauft. Bis heute bleibt der starke Verdacht, dass Peter Alexander aufgrund einer Schwärmerei meiner Mutter für einen Mega-Schlagerstar dieser Zeit zustande kam. Trotz mancher Ereignisse, auf die jeder zu 100% verzichten kann, es war eine schöne Zeit. Sicher gab es hin und wieder Stress mit den Eltern, meine Brüder nervten mich zur Genüge, doch wuchs ich in einer Familie auf, die ich liebte und mich geliebt fühlte.

Umgeben von Münchner Dom, Rathaus, Kirche St. Peter ("Alter Peter" ein Münchner Wahrzeichen) verbrachte ich meine ersten Jahre in der Hochbrückenstraße 8. Die Wohnverhältnisse im Herzen dieser wunderschönen Stadt, waren etwas beengt. 15 Jahre nach Ende des entsetzlichen 2. Weltkrieges war das nicht außergewöhnlich. Die Wohnung bestand aus einem Flur, einem Alkoven, einer Kammer, einer Küche sowie einem Schlafzimmer. Die Toilette befand sich außerhalb der Behausung im Zwischengeschoss des Gebäudes.
Die nicht gerade riesige Unterkunft bewohnte außer mir, Mutter Marianne, Vater Otto, Oma Reichardt, Onkel Hugo, Otto ("Burschi") und Ludwig ("Wiggerl"). Mein Vater -ein rechtschaffender Metzgermeister- war von früh bis spät damit beschäftigt, den Lebensunterhalt für die Familie heranzuschaffen. Onkel Hugo arbeitete in München-Thalkirchen bei einer Fabrik für Fette wie Schmalz, Butterfett, Margarine. Mutter half in unserer Metzgerei tatkräftig mit.

Das Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg zeigte Wirkung. Deutschland blühte auf. In den 1960ern war Bayern noch reines Agrarland, somit eines der ärmsten Bundesländer. Laptop und Lederhose begann erst später. München hingegen war schon immer eine "reiche" Stadt. Das Rathaus ist seit Juli 1948 bis auf eine Ausnahme fest in "roter" Hand. Das Soziale wurde großgeschrieben, überall an den Randbezirken wuchsen Neubausiedlungen aus dem Boden. Überwiegend wurden die Wohnhäuser staatlich gefördert. Dann galt für 20-30 Jahre eine Preisbindung nach sozialen Gesichtspunkten.
Gerüchten zufolge nutzte Oma Reichardt ihre guten Beziehungen. Möglicherweise wurde deshalb der Antrag für eine schöne 5-Zimmer Wohnung in Fürstenried West etwas beschleunigt bearbeitet und bewilligt. Die Berechtigung stand außer Zweifel, die Wohnsituation an der Hochbrückenstraße war selbst für damalige Verhältnisse nicht mehr tragbar. 1963 erfolgte der Umzug zum Münchner Stadtrand. Dort fühlte ich mich von Anfang an sehr wohl.

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Onkel Hugo und der große Hunger

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Hugo war das, was man damals wie heute "Lieblingsonkel" nennt. Öfters überraschte er uns mit kleinen Geschenken, zudem war Hugo stets zu Schabernack aufgelegt. Ein Manko war jedoch seine Ungeduld, was die Nahrungsaufnahme betraf. Kam das Essen nicht pünktlich auf den Tisch, wurde er ziemlich wütend.
Mein Bruder Otto erzählte mir folgende Geschichte, sie beschreibt Onkel Hugo zu 100%. Oma (mütterlicherseits) Reichardt versorgte den Haushalt, gab auf die Kinder acht, erledigte Einkäufe, kochte usw. Gegessen wurde zu unterschiedlichen Zeiten, nur am Sonntag waren meist alle zur selben Zeit zuhause.

Sehr aktiv in Kirchenangelegenheiten und gut vernetzt mit zahlreichen Kirchenoberhäuptern, pflegte sie einen Gesprächskreis katholischer Frauen. Eines dieser Mitglieder besuchte Oma regelmäßig am Donnerstagnachmittag. Waren die beiden Damen zu intensiv ins Gespräch vertieft, geriet Onkel Hugo ins Hintertreffen. Dieser kam müde nach Hause, sah die Kirchenfrau, schon rauschte seine Stimmung im Bruchteil einer Sekunde auf Halbmast.
Zwar wusste Oma, was die Uhr geschlagen hat, doch das Gespräch abrupt zu beenden, stand nicht zur Debatte. Die Frau hingegen erkannte den Ernst der Situation nicht und plapperte munter weiter. Grummelnd, mit ansteigendem Ärger, begab sich Hugo zu seinem Alkoven. Einmal platzte ihm der Kragen. Er rief Otto, dieser war etwa 3 Jahre alt, zu sich. Hugo drückte ihm ein Marmeladen Messer in die Hand und schickte ihn mit der Auflage nur ein Wort zu sagen, zur Küche.

Der kleine Bub marschierte mit hoch erhobenem Messer zur Küche und sagte immer wiederholend: "abstechen, abstechen, abstechen…". Glücklicherweise verstand ihn die Frau im Gegensatz zu Oma nicht. Eine Verabschiedung erfolgte nun umgehend. Ob es nachhaltig Wirkung zeigte, ist mir nicht bekannt.
Unleugbar steht fest: Zwischen Onkel Hugo und mir besteht eine starke genetische Verwandtschaft.

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Peter freut sich

Bei Kindern im Alter von 2-6 Jahren herrschen oft Ängste in ihrem Innern. 1963 dürfte bei mir "Fremdeln" vorbei gewesen und von der sog. "magischen Phase" abgelöst worden sein. Der bevorstehende Umzug erzeugte allerdings keinerlei Angst.
Im Gegenteil! All die Versprechungen wie schön es dort wird, wieviel Platz und Spielfläche zur Verfügung steht, das machte mich neugierig. Konkret vorstellen konnte ich es mir als 3-jähriger natürlich nicht, aber selbstverständlich ließ ich mich von der allgemeinen Aufregung anstecken.
Es blieb nicht mein letzter Umzug. Noch heute freue ich mich, eine neue Welt erkunden zu dürfen. Menschen, Natur, Infrastruktur, genau das Richtige für einen Adrenalinjunkie wie mich


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Westwärts ist rechtwärts

Beitrag vorlesen (2:23 Minuten)

Was für ein Kontrast zur hektischen, vollen Münchner Innenstadt! Fürstenried ist seit dem Jahr 1200 in den Geschichtsbüchern erwähnt. Erhebliche Bauaktivitäten verwandelten das Viertel ab 1959 zur Trabantenstadt. Zuerst Fürstenried Ost, dann Fürstenried West. Eine gemischte Siedlung mit Einfamilienhäusern, Bungalows und Wohnblöcken entstand. Ich lebte im "Schweizer Teil". Straßennamen wurden von Schweizer Kantonen entliehen.

1963: Ein Traum! Wohnung, Nachbarn, Umgebung, alles perfekt. Tessiner Str. 163, 5 Zimmer Erdgeschoss-Wohnung, zuzüglich großer Diele, Küche, Bad, separater Toilette. Wir Brüder belegten zwar zusammen einen Raum, trotzdem ein unglaublicher Luxus. Abhängig von der finanziellen Situation wurden Teppiche verlegt, Tapeten angebracht.
In der Glarus Straße, parallel hinter unserem Wohnblock mit 4 Hauseingängen à 8 Wohnungen wohnten u.a. die Familien Reich und Schneller. Dahinter folgte die Unterwalden Straße, dort lebten Neidlingers. Im Erdgeschoss der Tessiner Str. 161 logierte Familie Lohmeier. Herr und Frau Lohmeier mit den Kindern Hannes, Herbert, Heidi. Seit nunmehr 63 Jahren besteht Freundschaft zwischen Günter Neidlinger, Herbert Lohmeier und mir.
Damals wie heute ist dieser Teil von Fürstenried eine reine Wohngegend ohne Industrie. Ein kleiner Katra Laden als Einkaufsmöglichkeit, sonst nichts. Fürstenried West war Endhaltestelle der "8er" Straßenbahn, dort befand sich ein kleines Einkaufszentrum. Zirka 10 Minuten Fußweg von der Wohnung zur Kepa, Coop, sowie kleinerer Geschäfte.

Es folgen einige kleine "G'schichterln" aus dem Umfeld der neuen Heimat. Nichts spektakuläres, mega aufregendes, sondern alltägliches, um den Zeitgeist und das "feeling" darzustellen.

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Onkel Hugo und die Feuerwehr

Beitrag vorlesen (1:47 Minuten)

Das erste Weihnachten kam in Sichtweite, die Vorfreude stieg ins Unermessliche. Zurecht! Onkel Hugo übertraf sich. Mit strahlenden Augen öffnete ich das verpackte Geschenk. Mein Herz wurde warm, ein Feuerwehrauto kam zum Vorschein. Das absolute Superteil. Blaulicht, Sirene, ausfahrbare Leiter, zusätzlich echter Wassertank. Unfassbar für einen knapp 4-jährigen Jungen.

Die Sirene wurde leider stark reglementiert, sie nervte über Gebühr. Feiertage vorbei, schon legte ich los. Fantasievoll stand unser Wohnzimmer in Flammen. Peter -größter Held aller Zeiten- rettete alle. Unzählige Male füllte ich die Wasserspritze, löschte den Brand entlang der gesamten Wandbreite. Anstrengend, aber es war noch nie leicht ein Held zu sein.

Das dicke Ende kam am Abend, nachdem sich Vater ins Wohnzimmer begab. Gefühlt vergingen keine drei Sekunden, als er wutentbrannt aus dem Zimmer stürzte und ein Tohuwabohu veranstaltete. Bis in ca. 1m Höhe hatten sich links Tapetenbahnen gelöst, sie hingen etwas sehr schlaff herab. Okay, leugnen keine Chance. Die Schuldfrage nicht diskussionswürdig. Meine Strafe sowie die Predigt für Onkel Hugo sind mir nicht mehr erinnerlich. Doch eines ist tief in meinem Gedächtnis verankert: Das Ende meines Feuerwehrautos, der Gang zum Autofriedhof war nicht zu verhindern.

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Vom Radfahren und der Akrobatik

Beitrag vorlesen (1:57 Minuten)

Das Kinderleben spielte sich im Freien ab. Umgeben von Feldern, Wald, einer spannenden Bungalowsiedlung ohne Straßenverkehr, boten sich unzählige Möglichkeiten große Heldentaten zu vollbringen. Damals wie heute herrschen diesbezüglich konträre Auffassungen zwischen Erwachsenen und Kindern.

Im Jahr 1964 war am Münchner Stadtrand der Straßenverkehr noch spärlich ausgeprägt. Mein groß angekündigter Auftritt begann. Freihändig auf dem Fahrrad mit verbundenen Augen in eine Straße einzubiegen, daran glaubte niemand aus dem Kiez. Im Alter von 4 Jahren waren wir für gewöhnlich froh, nicht vom Rad zu fallen. Natürlich erntete ich Spott und wurde aufgefordert den Beweis anzutreten.

Gesagt, getan. Ein kleines Kinderfahrrad, einen Pullover zum Augen verschließen und ab ging die Post. Startplatz Unterwalden Straße, ganz vorne neben dem Katra-Markt. Kaum gestartet, lies ich den Lenker los. Wenige wacklige Meter weiter kam der Zuruf "links abbiegen". Riesenerfolg! Es war vollbracht. Warum allerdings die Frau mit ihrem braunen VW Käfer meinen Weg kreuzte, ist mir schleierhaft.

Ein knirschendes Geräusch, ein heftiger Stoß, schon landete ich etwas unsanft auf der Motorhaube des Pkw. Glücklicherweise fiel der Pullover herunter, sonst wäre es kein Rätsel geblieben. Die arme Frau war völlig irritiert und fragte immer wieder, wie es sein konnte, dass ich sie übersehen habe. Passiert ist Gott sei Dank nichts, auch kein Schaden am Fahrrad. Die Bewertung, ob es einfach nur dumm oder eine gehörige Portion Mut mit Zielstrebigkeit war, bleibt dem Leser überlassen. Doch diese Risikobereitschaft zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

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Von Aliens und Indianern

Beitrag vorlesen (4:04 Minuten)

Außerirdische zu besiegen, war ein riesiges Abenteuer und eine Heldentat. Herr Steinacher betrieb den Katra-Markt und dieser Mann war -sachte ausgedrückt- etwas geschäftstüchtig. Am Hinterausgang standen im Hof einige Mülltonnen. Irgendwann lehnten an den Mülltonnen drei etwa 150cm lange Neonröhren.
Ohne Zweifel Material eines außerirdischen Raumschiffes. Kampf war angesagt. Hannes, Herbert und ich legten uns gegenüber hinter die Einfriedung. Dann begann der Versuch mittels kleiner Steinchen, die gefährlichen Waffen zu zerstören. Mit spärlichem Erfolg. Trafen wir tatsächlich einmal, ertönte bestenfalls ein leises "biiiiing".
Es stellte sich umgehend heraus, dass diese Angriffstaktik wenig erfolgversprechend war. Hannes als Ältester nahm seinen ganzen Mut zusammen. Er rannte -größere Steine in Händen- über die Straße und startete eine Attacke. Schwungvoll warf er alle Steine auf die Neonröhren. Yooo, ein wahrhaft durchschlagendes Ergebnis. Alle drei Röhren zerplatzten lautstark. Blitzartig stand fest: Radau, Glasklirren etc. bedeutete, Erwachsene im Anmarsch. Unser Einsatz zur Rettung des Viertels wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nicht anerkannt worden. Einzig mögliche Lösung bedeutete Flucht.
Das Ende vom Lied: Wir wurden erwischt und Herr Steinacher tobte. Die Röhren waren sehr teuer, neu, ungebraucht. Doch wer stellt neue Röhren unverpackt an Mülltonnen? Die Forderung betrug happige 36 DM.
Zuhause erzählte ich Oma, dass Onkel Hugo (er war bereits ausgezogen) noch Schulden bei Herrn Steinacher hat. Funktionierte perfekt. Oma war es außerordentlich peinlich, sie schickte mich umgehend samt Betrag zurück. Ein Hochgefühl beschlich mich. Allerdings nur von kurzer Dauer. Selbstverständlich fragte Oma beim nächsten Einkauf Herrn Steinacher, wieso dieser eine so hohe Summe anschreiben ließ. Seither verstehe ich den Spruch: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Kameradschaft war damals selbstverständlich. Peter Schneller ist ein Jahr älter als ich. Die Schaustellerfamilie verkauft auf Jahrmärkten wie dem Münchner Oktoberfest erfolgreich "Schnellers kandierte Früchte". Das Familienoberhaupt war bekannt als autoritärer Mensch, der auch manchmal handgreiflich wurde.
Peter Schneller unser Häuptling hatte einen Speer mit einer ca. 3cm langen Eisenspitze gebastelt. Versehentlich traf er mich beim Cowboy und Indianer spielen in den rechten Fuß. Ziemlich tief, ziemlich stark blutend, ziemlich schmerzhaft. Nie wäre mir in den Sinn gekommen ihn zu verraten. Mit einer hanebüchenen Geschichte log ich Vater an. Leider hielt Peter selbst dem Druck nicht stand. Er offenbarte sich seinem älteren Bruder Robert. Dieser erzählte es Otto, er informierte Vater.

Nach einer Ohrfeige wegen der Lügerei, stellte sich heraus, lügen wäre überflüssig gewesen. Mein Vater hatte nicht die Absicht es Herrn Schneller mitzuteilen. Botschaft der Story ist, dass wir eine Gemeinschaft waren. Als kleiner Junge gab es mir das Gefühl von Geborgenheit, von Verbundenheit. Ich liebte meine Eltern, Oma, Brüder, doch mit Freunden war es ein Zusammenhalt anderer Art. Wir Kinder gegen die Erwachsenen. Es gab wenig Anonymität, Nachbarn passten auf alle Kinder auf. Jedoch gaben sie auch Informationen an die anderen Eltern weiter. Trotzdem eine schöne Zeit, ich möchte sie nicht missen.

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Ludwig "Wiggerl" Christerer

Beitrag vorlesen (4:07 Minuten)

In den späten 1960ern, aber richtig ausgeprägt ab 1970 entstanden Jugendgangs. Otto war mit 7 Jahren Altersunterschied "zu weit weg" von mir und belegte inzwischen Onkel Hugos Zimmer.
Im Gegensatz dazu Wiggerl, die 3,5 Jahre Differenz waren optimal. Wiggerl hatte bedauerlicherweise ein großes Problem: Er litt an Asthma mit Erstickungsanfällen und Panikattacken. Natürlich gewährten ihm Erwachsene einen Bonus.

Trotz Krankheit war Wiggerl leistungsfähig, intelligent und nicht immer ganz so hilfsbedürftig wie es öfters den Anschein hatte. Er gründete in Fürstenried die "Wiggerl-Clique". Eine Bande, aus etwa 40 Mitgliedern bestehend, stellte etwas dar. Ich beschwerte mich nicht. Ein großer Bruder von diesem Rang erzeugte erheblichen Eindruck.
Schule, nicht gerade mein Lieblingsort. Als Zappelphilipp mit feinmotorischen Einschränkungen blieb mir oft nur Gewalt, um mich durchzusetzen. Ein großer Bruder als "Pate" ist hierbei von Vorteil. Ob Wiggerl oder seine Kumpane tatsächlich jedes Mal geholfen hätten, steht auf einem anderen Blatt.

ACHTUNG! Der nachfolgende Text enthält stark emotionale Passagen. Empfindsamen Personen empfehle ich, mit dem nächsten Beitrag fortzufahren.

Die Tage verliefen gleichmäßig, ziemlich routiniert. Schule, Hausaufgaben, mit Freunden raus ins Gelände, Abendessen, der abschließende Kampf um Fernseherlaubnis. Für mich war es nicht so schwer, Freiheiten zu erlangen. Die älteren Brüder hatten gute Vorarbeit geleistet. Meine Mutter Marianne -ein vollständig herzensguter Mensch- trug mir zahlreiche Dummheiten und Schabernack nicht lange nach. Wirklich anhaltend verärgert war sie nie.
Otto (das Schicksal des Erstgeborenen) wurde zum Metzger ausgebildet. Wiggerl besuchte die Realschule. Gegen 20:00h war für mich Nachtruhe angeordnet. Oft schlief ich schon, wenn sich mein Bruder ins Bett begab. Seine Asthmaanfälle weckten mich häufig. Wiggerl sprang aus dem Etagenbett, schrie lautstark um Hilfe und rannte zur Toilette.

Ein Erwachsener versuchte ihn dann zu beruhigen. Anschließend ging Wiggerl zurück ins Bett. Am 11.11.1970 kurz nach Mitternacht hatte Wiggerl einen seiner Anfälle. Er schrie zweimal hörbar nach Hilfe. Gegen 04:30h hörte ich laute Geräusche im Flur. Mein Vater musste aufstehen, um sich auf den Arbeitstag vorzubereiten und wollte zur Toilette.
Diese war versperrt, niemand antwortete auf sein Klopfen. Die Verriegelung der Toilettentür konnte man von außen mit einem Schraubendreher oder Geldstück öffnen.

Neugierig stand ich auf und betrat den Flur. Dieser endete genau an der Toilettentür, welche Vater gerade öffnete. Mein Bruder Ludwig saß regungslos auf der Toilettenschüssel. Er hatte eine Embolie erlitten. Es war sein letzter Asthmaanfall.
Am 11.11.1970 irgendwann zwischen Mitternacht und 04:30h morgens verstarb mein Bruder Ludwig "Wiggerl" Christerer im Alter von 14 Jahren und 12 Tagen allein auf der Toilette. Sein letzter Anblick ist in meinem Gedächtnis eingebrannt. Dies beeinflusste mein weiteres Leben stark. Mir wurde unbewusst der Boden unter den Füßen weggezogen. Es war einer dieser kraftvollen rechten Haken von Gott oder einfach nur Schicksal. Weitere Schicksalsschläge folgten.
Heute kann ich sagen, dass es keinen Sinn macht, zu zweifeln und grübeln. Auf Regen folgt Sonne.

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Ludwig "Wiggerl" Christerer

Beitrag vorlesen (4:07 Minuten)

In den späten 1960ern, aber richtig ausgeprägt ab 1970 entstanden Jugendgangs. Otto war mit 7 Jahren Altersunterschied "zu weit weg" von mir und belegte inzwischen Onkel Hugos Zimmer.
Im Gegensatz dazu Wiggerl, die 3,5 Jahre Differenz waren optimal. Wiggerl hatte bedauerlicherweise ein großes Problem: Er litt an Asthma mit Erstickungsanfällen und Panikattacken. Natürlich gewährten ihm Erwachsene einen Bonus.

Trotz Krankheit war Wiggerl leistungsfähig, intelligent und nicht immer ganz so hilfsbedürftig wie es öfters den Anschein hatte. Er gründete in Fürstenried die "Wiggerl-Clique". Eine Bande, aus etwa 40 Mitgliedern bestehend, stellte etwas dar. Ich beschwerte mich nicht. Ein großer Bruder von diesem Rang erzeugte erheblichen Eindruck.
Schule, nicht gerade mein Lieblingsort. Als Zappelphilipp mit feinmotorischen Einschränkungen blieb mir oft nur Gewalt, um mich durchzusetzen. Ein großer Bruder als "Pate" ist hierbei von Vorteil. Ob Wiggerl oder seine Kumpane tatsächlich jedes Mal geholfen hätten, steht auf einem anderen Blatt.

ACHTUNG! Der nachfolgende Text enthält stark emotionale Passagen. Empfindsamen Personen empfehle ich, mit dem nächsten Beitrag fortzufahren.

Die Tage verliefen gleichmäßig, ziemlich routiniert. Schule, Hausaufgaben, mit Freunden raus ins Gelände, Abendessen, der abschließende Kampf um Fernseherlaubnis. Für mich war es nicht so schwer, Freiheiten zu erlangen. Die älteren Brüder hatten gute Vorarbeit geleistet. Meine Mutter Marianne -ein vollständig herzensguter Mensch- trug mir zahlreiche Dummheiten und Schabernack nicht lange nach. Wirklich anhaltend verärgert war sie nie.
Otto (das Schicksal des Erstgeborenen) wurde zum Metzger ausgebildet. Wiggerl besuchte die Realschule. Gegen 20:00h war für mich Nachtruhe angeordnet. Oft schlief ich schon, wenn sich mein Bruder ins Bett begab. Seine Asthmaanfälle weckten mich häufig. Wiggerl sprang aus dem Etagenbett, schrie lautstark um Hilfe und rannte zur Toilette.

Ein Erwachsener versuchte ihn dann zu beruhigen. Anschließend ging Wiggerl zurück ins Bett. Am 11.11.1970 kurz nach Mitternacht hatte Wiggerl einen seiner Anfälle. Er schrie zweimal hörbar nach Hilfe. Gegen 04:30h hörte ich laute Geräusche im Flur. Mein Vater musste aufstehen, um sich auf den Arbeitstag vorzubereiten und wollte zur Toilette.
Diese war versperrt, niemand antwortete auf sein Klopfen. Die Verriegelung der Toilettentür konnte man von außen mit einem Schraubendreher oder Geldstück öffnen.

Neugierig stand ich auf und betrat den Flur. Dieser endete genau an der Toilettentür, welche Vater gerade öffnete. Mein Bruder Ludwig saß regungslos auf der Toilettenschüssel. Er hatte eine Embolie erlitten. Es war sein letzter Asthmaanfall.
Am 11.11.1970 irgendwann zwischen Mitternacht und 04:30h morgens verstarb mein Bruder Ludwig "Wiggerl" Christerer im Alter von 14 Jahren und 12 Tagen allein auf der Toilette. Sein letzter Anblick ist in meinem Gedächtnis eingebrannt. Dies beeinflusste mein weiteres Leben stark. Mir wurde unbewusst der Boden unter den Füßen weggezogen. Es war einer dieser kraftvollen rechten Haken von Gott oder einfach nur Schicksal. Weitere Schicksalsschläge folgten.
Heute kann ich sagen, dass es keinen Sinn macht, zu zweifeln und grübeln. Auf Regen folgt Sonne.

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Es geht weiter

Beitrag vorlesen (03:39 Minuten)

Fürstenried war geschockt, dennoch folgte alles seinem gewohnten Gang. Obwohl etwa 4 Jahre jünger als die meisten Mitglieder, nahm man mich als "Benjamin" in die "Wiggerl-Clique" auf. Keine Ahnung warum, denn 4 Jahre waren erheblich. Möglicherweise war das eine posthume Anerkennung von Wiggerl.
Eine große Stütze sowie "Trostkissen" war Reichard-Oma. Oft saß ich bei ihr, lauschte ihren historischen, unterhaltsamen Geschichten. Ihre weichen, glatten Hände, die sanfte, ruhige Stimme sind mir noch gut erinnerlich. Oma hatte glücklicherweise ein starkes Nervenkostüm, denn sie musste einiges wegen mir aushalten. Ein Vorfall war aber selbst für sie grenzwertig. Kurz vor Sylvester hatte ich mir einen riesigen Vorrat von Böllern besorgt. Gut sortiert und abgepackt in Plastiktüten lagerten diese unter meinem Bett. Natürlich musste ich immer wieder einige Kracher schon vor Sylvester aus dem Fenster werfen. Einmal sprang jedoch die Glut über, es blieb keine Zeit mehr, sollte der Böller nicht in meiner Hand explodieren. Dummerweise warf ich ihn nicht aus dem Fenster, sondern unters Bett.
Halleluja, da ging der Punk ab. Ca. 500 Böller explodierten mit einem Höllenlärm, verursachten ein richtiges Chaos und kokelten sogar den Fußboden an. Nach einer kleinen Standpauke beseitigte Oma das ganze Zeugs. Sie verriet mich nicht bei den Eltern!

Keinen Spaß verstand sie, wenn es ums Gießen der Gräber im Waldfriedhof ging. Nicht gerade beliebt der Job. Dabei geschah mein erster schwerer Unfall. In Begleitung von Stefan Schwab fuhren wir mit Rädern auf den Friedhof. Am Ende einer langgezogenen Kurve stand plötzlich ein Friedhofsangestellter. Vater drohte immer, die Strafe wegen des Radfahrens im Friedhof, würde er mir vom Taschengeld abziehen. Das durfte nicht geschehen, also sprang ich bei voller Fahrt vom Rad. Hätte funktionieren können. Hätte, wäre nicht die Gießkanne am Lenkrad gehangen.
Darüber stürzte ich und schlitterte in voller Geschwindigkeit diagonal über den mit scharfkantigen Kieselsteinchen bestückten Weg. Das Ende vom Lied war ein zerfetztes Knie, mehrere Operationen samt einigen Wochen Krankenhaus Aufenthalt. Zeitweise stand es sehr schlecht um das Knie, sogar eine Amputation drohte. Was ich daraus lernte? Sei aufmerksam, wenn du Verbotenes tust!

Die fünfte Schulklasse war der Horror. Mit Schulrektor W. Schmid als Klassenlehrer hatte ich die "A…Karte" gezogen. Ein fürchterlicher Mensch! Nur einmal ist er mir in guter Erinnerung geblieben: An Wiggerls Todestag. Da zeigte er einen Anflug von Empathie. Trotzdem war die "5." ein Meilenstein! Keine "Schönschreibnote" mehr. Drei Kriterien hatten für Vater Bedeutung bei der Zeugnisausgabe: Religion, gutes Benehmen, Schönschrift. Was für Zeiten!
Das Positivste: Endlich lernte ich die englische Sprache. Nicht mehr "Meidle of the reid", sondern "Middle of the Road". Diese Gruppe werden heutzutage allerdings nur noch die Alten auf dem Schirm haben.

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Von der Wilderei und Machtkämpfen

Beitrag vorlesen (06:44 Minuten)

Tante Frieda -meine Taufpatin- lebte zusammen mit Onkel Walter, meinen Cousinen/Cousins Brigitte, Monika, Rudolf, Bernhard in Hohenwart nahe Burghausen. Ein prächtiges, ehemaliges Pfarrhaus samt riesigem Garten und Gewächshaus. Onkel Walter, ein strenger, ehrgeiziger Mann. Gymnasiallehrer und zeitweise Landtagsabgeordneter. Er flößte mir infolge seiner Autorität einigen Respekt ein. Tante Frieda hingegen ähnelte Mutti und Oma. Im Sommer 1972 verbrachte ich einige Wochen der Schulferien in Hohenwart.

Den größten Spaß hatte ich, wenn mich Rudi zum Landwirt Sepp S. mitnahm. Alles war spannend auf diesem Bauernhof. Besonders der riesige Neufundländer Hasso. Größe als auch Masse -sicher deutlich über 70kg- waren beeindruckend. Mich mochte er sehr gern. So gern, dass er sich am Abend in der Stube öfters zu meinen Füßen legte. Einmal musste ich über 2 Stunden die Beine zusammenkneifen. Ich wollte zur Toilette, wagte aber nicht meine Füße unter seinem massigen Körper rauszuziehen. Bei der geringsten Bewegung kam von unten ein tiefes, bedrohlich wirkendes Brummen. Das genügte vollends, um bewegungslos zu verharren.

Sepp hatte öfters Probleme mit der Nachbarschaft. Einer der schlimmsten Vorwürfe war, dass sie ihn der Wilderei verdächtigten. Doch Sepp wusste sich zu helfen. Einmal sprach Rudi von einer "Geheimoperation" am Abend. Wir gingen zum Hof, allerdings nicht in die Stube, sondern zum Schuppen. Dort holte Rudi ein Moped, sowie ein Jagdgewehr. Wir fuhren wir raus aufs Feld, nahe an den Waldrand. Rudi feuerte kurz hintereinander zweimal in die Luft. Sofort düsten wir ohne Licht Richtung Wald und kehrten über Umwege zum Hof zurück. Das Abenteuer mag in der heutigen Zeit etwas banal klingen, damals jedoch für einen 12-jährigen unfassbar spannend.

Nach dem Vorkommnis war die Hölle los. Beschimpfungen und massive Beschuldigungen gegen Sepp wurden laut. Selbst polizeiliche Ermittlungen waren angesagt. Doch Sepp sorgte -was die Wilderei betraf- für nachhaltige Entlastung. Zur Tatzeit am besagten Abend wurde er in Burghausen von der Obrigkeit bezüglich Wilderei befragt. Das Alibi konnte besser nicht sein. Ein erfolgreicher Coup!
Der Kontakt zu Rudi riss nie ab. Leider verstarb mein lieber Cousin Rudolf Bauer am 21.10.2025 nach langer, schwerer Krankheit in Anger nahe Bad Reichenhall.

Möglicherweise durfte ich die Ferien in Hohenwart verbringen, weil danach der Schulstress eine neue Ebene erreichen würde. Ob es eine gute, erfolgversprechende Idee war, mich im Schuljahr 1972/73 an der Realschule zu platzieren, bezweifle ich. Offensichtlich passten die Noten, sonst wäre ein Übertritt nicht möglich gewesen. Für mich nicht nachvollziehbar, weil
1. wollte ich bei Vater das Metzgerhandwerk erlernen. Wozu dann Realschule?
2. Bei meiner Einstellung zu Unterricht ähnelte das dem Versuch, einen überzeugten Veganer zum Verzehr eines halben Schweines zu bewegen.

Die Schule befand sich im 19. Bezirk in Obersendling an der Machtlfinger Straße. Unterricht fand an drei Tagen vollumfänglich vormittags und nachmittags statt. An zwei Tagen starteten wir erst um 13:00h.
Der Nachmittagsunterricht verleitete mich groben Unfug zu veranstalten. Meine letztjährigen Mitschüler waren im Erdgeschoß des alten Teils der Walliser Schule untergebracht. Morgens, nach deren Unterrichtsbeginn, tauchte ich an Klassenfenstern auf und trieb die mir unbekannte Lehrerin Traxler nahezu in den Wahnsinn.

Schulischen Erfolg beim bisherigen Lebenslauf in der Realschule zu erwarten war unrealistisch. Hinzu kamen einige verhaltensauffällige Klassenkameraden. Machtkämpfe bestimmten die Tagesordnung. Früh zeichnete sich ab, die Probezeit würde ich nicht überstehen. Das Winter-Schullager mitzunehmen, war mein einziges Ziel. Nach einer massiven körperlichen Auseinandersetzung auf dem Schulflur mit einem Mitschüler kam es zum Rauswurf und zur sofortigen Rückkehr an die Walliser Schule. Leider OHNE Schullager!

Naja, Enttäuschung sieht anders aus. Der Hammer traf mich, als Mutti nach der Schulanmeldung zurückkehrte und mir lapidar erklärte: "Deine Klasse ist 7b. Klassenleiterin ist Frau Traxler". Bereits am ersten Schultag wurde deutlich, das Schuljahr würde kein Zuckerschlecken werden. Natürlich Einzelplatz, hinterste Reihe, ganz rechts an der Tür. Die Mitte besetzte Rainer Eschenlohr, seit langem mein Freund und ganz links Walter Schopf aus Neuried.

Für Walter stellte meine Ankunft ein Problem dar, denn bisher war er Platzhirsch. Rainer, eigentlich der Kräftigste von uns dreien, war eher ein guter Zweiter als ein nervöser Erster. Die Situation mit Walter klärte sich sehr schnell. Eines Tages schoss er mir mit einem "Kugelschreiber-Blasrohr" eine Kaugummikugel in mein Haar. Natürlich publikumswirksam.
Das Zeugs klebte brutal fest, also nahm ich eine Schere und schnitt ein ziemliches Bündel meiner Haare ab. Alle warteten gespannt auf meine Reaktion. Mitten im Unterricht stand ich auf und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, knallte ich ihm eine rechte Gerade zwischen Nase und Oberlippe. Blutend auf dem Stuhl wippend fiel Walter um. Dabei prellte er sich noch die Schulter.

Logisch, großes Drama, sogar der Schulpsychologe wurde angefordert. Schade, dass ich bei seinem Besuch etwas unpässlich war und zu Hause blieb. Die Machtfrage in Klasse 7b war jedenfalls kein Thema mehr.

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Marianne "Mutti" Christerer

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ACHTUNG! Der nachfolgende Text enthält stark emotionale Passagen. Empfindsamen Personen empfehle ich, mit dem nächsten Beitrag fortzufahren.

Wie sich mein Abgang von der Realschule im Familienleben auswirkte, ist mir nicht erinnerlich. Klar war, dass mein Bruder Otto auf Dauer kein Metzger bleiben wird. Er absolvierte eine Abendschule, wollte studieren und verpflichtete sich als Soldat auf Zeit für mehrere Jahre bei der Bundeswehr. Insofern wird Vater nicht traurig gewesen sein, dass meine Entscheidung blieb: Ich werde Metzger.

Unerwartet erkrankte Mutti, sie musste für einige Tage ins Krankenhaus. Es kam zur Unzeit, denn das stressige Weihnachtsgeschäft begann. Oma hatte ebenfalls häufiger Beschwerden. Zur damaligen Zeit mit 73 Jahren nicht unbedingt verwunderlich.
Eine völlig neue Erfahrung: Mutti krank, bis dahin unvorstellbar. An Weihnachten sei sie wieder zu Hause, wurde mir versprochen. Das war gelogen! Am Heiligen Abend herrschte nicht die beste Stimmung bei uns. Jetzt sollte sie spätestens Sylvester zurück sein. Am 28.12. -Vati und Otto waren sehr früh in die Metzgerei gefahren- klingelte es heftig an der Wohnungstür. Zwar kamen aus Omas Zimmer Geräusche, doch das Klingeln stoppte nicht.

Irgendwann stand ich auf und öffnete -trotz Schlafanzug- die Türe. Überraschenderweise standen zwei uniformierte Polizisten vor mir. Sie fragten nach Vater. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass er sich im Geschäft befindet. Neugierig erkundigte ich mich nach dem Grund ihrer Frage. Einer der beiden schaute mich ernst an und sagte dann einem 12jährigen ins Gesicht: "Weil Frau Christerer heute Nacht verstorben ist".

Sofort rannte ich ins Zimmer von Oma. Dort erwartete mich der nächste Schock. Sie lag wimmernd am Boden. Oma war aus dem Bett gestürzt und hatte sich den Oberschenkelhalsknochen gebrochen. Was danach geschah, ist vollständig aus dem Gedächtnis gelöscht. Ein kompletter Blackout. Entweder blieb die Polizei vor Ort oder Nachbarn kamen zu Hilfe.
Bei Oma wurde zusätzlich sehr hoher Zuckergehalt im Blut festgestellt. Mit ihren Gebrechen konnte sie nicht in der Wohnung bleiben. Oma zog nach Hohenwart bei Burghausen, zur Familie ihrer Tochter Frieda.

An Weihnachten 1972 verlor ich zwei meiner liebsten Menschen auf einen Schlag. Seither gehört Weihnachten nicht zu meinen Lieblingsfesten. Zuerst Wiggerl, dann Mutti und Oma. Etwas viel für einen Jungen auf dem Weg in die Pubertät.
So seltsam es klingt, aber selbst ein kleiner Junge lernt damit umzugehen, dass Schicksalsschläge zum Leben gehören. Um diese zu verkraften waren aus meiner Sicht ein stabiles Umfeld mit Familie und Freunde von entscheidender Bedeutung. Glücklicherweise konnte ich auf diese Stützen zurückgreifen.

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Liane und ich – ein schwieriges Unterfangen

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Möglicherweise ist der Eindruck entstanden, dass mein Vater sehr streng agierte, eventuell gar zur Handgreiflichkeit neigte. Das stimmte nicht! Es war eine andere Zeit, mit anderen Gepflogenheiten. Ohne Zweifel: Vater liebte seine Kinder von ganzem Herzen. Für mich stellte er ein Vorbild dar. Jemand der mir Sicherheit gab. Daran ändern auch spätere massive Probleme zwischen uns nichts.

Wie zuvor bei Wiggerl's Tod ging das Leben einfach weiter. Ich fühlte mich orientierungslos, traurig, "allein gelassen", wütend…
Frau Traxler blieb ihrer Linie treu, sie schikanierte mich weiterhin. Heute behaupte ich, dass sie eine alte, stark untervögelte Frau verkörperte. Manche Menschen können das verkraften, andere benötigen ein Ventil. Bei ihr mussten Schüler herhalten.
Im Frühjahr 1973 kam Mario Geier in unsere Schulklasse. Familie Geier zog von Stadt zu Stadt, um an Jahrmärkten teilzunehmen. Münchner Frühlingsfest, d'Wiesn usw. waren Pflichttermine. Während dieser Zeit musste Mario in München zur Schule. Er war von Anfang an bei den "Krawallmachern" voll integriert. Kein zart besaiteter Junge.

Mittlerweile hatte Vater eine Frau -Liane- kennengelernt. So kam es häufiger vor, dass Vater bei Geschäftsschluss nicht unmittelbar nach Hause fuhr. Manchmal verließ er die Wohnung nochmals, um den Abend mit Liane zu verbringen.
Otto jun. war als 20-jähriger selten anwesend, meine Gestaltungsmöglichkeiten dadurch riesengroß. Es lies sich nicht vermeiden, dass Kontakt zu hochkriminellen Personen erfolgte. Das hing damit zusammen, dass ich viele Dinge sehr kostengünstig beschaffen konnte.

Vater legte ein atemberaubendes Tempo vor. Im August 1973, nur 8 Monate nach Mutters Tod, heiratete er Liane. Wir hatten genug Platz für Liane und Max. Die Großeltern (väterlicherseits) waren verärgert. Vor Ablauf des Trauerjahres stellte die Hochzeit einen Fauxpas dar. Das Verhältnis zwischen Oma / Liane entwickelte sich etwas unterkühlt.
Für mich war es schlicht eine Katastrophe. All die schrecklichen Ereignisse waren noch nicht verarbeitet, jetzt sollte ich zusätzlich mit einer Stiefmutter und -bruder (Max, 3 Jahre) klarkommen. Der Start gestaltete sich holprig. Einige gravierende Vorkommnisse wurden von allen Beteiligten falsch bewertet. Das machte es mir schwer, Vertrauen aufzubauen.

Völlig verunsichert, was diese neue Person in meinem Leben veranstalten würde, wollte ich sie mit ihrem Vornamen ansprechen. Dies widerstrebte Vater im Gegensatz zu Liane außerordentlich. Er wollte mich zwingen, Liane analog zu meiner verstorbenen Mutter als "Mutti" anzusprechen. Ein NO GO! Eher hätte ich mir die Zunge abgebissen. Nach endlosen Kämpfen fanden wir einen Kompromiss. Fortan nannte ich sie "Mama". Dies war mir sehr zuwider und belastete das Verhältnis nachhaltig.

Ebenso schwerwiegend -für einen pubertierenden Jungen- war die Geschichte mit Mario. Wir planten nachts um 02:00h im Teich vom Waldfriedhof Frösche zu fangen. Ob es eine Mutprobe war oder um sie besonders "schwierigen" Mädels in der Klasse unter den Rock zu werfen, keine Erinnerung mehr. Wahrscheinlich beides. Nicht einen einzigen Frosch erwischten wir. Satz mit X. Auf dem Rückweg, beim Einbiegen in die Tessiner Straße, traf mich ein Vorschlaghammer voll auf die 12. Vorm Hauseingang Nr. 163 blaue Festbeleuchtung. Zwei Polizei- und ein Notarztwagen standen dort. Mittendrin mein Vater!

Es gibt Tage da verliert man, an anderen gewinnt man nicht. Warum Mario noch bis zum Eingang mitging, verstand ich nie. Dort angekommen, verzog er sich ganz schnell und unauffällig.
Zu spät! Liane hatte ihn bemerkt. Nachdem die Erwachsenen mit den Ordnungshütern alles abgeklärt hatten, wurde ich im Laufe der nächsten Tage gezwungen Mario zu verraten. Inzwischen wusste Mario, dass massiver Druck ausgeübt wird. Liane schleppte mich zum Haus seiner Familie im Maxhof. Ein weiteres NO GO! Dort eröffnete sie Frau Geier die Schreckenstat. Marios Mutter ließ Liane aber so was von auflaufen, bis sie kleinlaut abzog.

Das änderte nichts daran, dass ich ihr Verhalten verabscheute. In diesem Alter, mit meiner Stellung, war das ein schwerer knock-out. Offen wagte mich niemand darauf anzusprechen, doch hinter meinem Rücken wurde getuschelt.
Unklug von Liane, mehr Schaden als Nutzen! Weitere Vorfälle -allerdings hauptsächlich von Vater heraufbeschworen- erzeugten Argwohn. Das stand lange Zeit zwischen uns.

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's grüne Manderl und Schule ade

Beitrag vorlesen (04:52 Minuten)

Das Freizeitheim Fürstenried, ein beliebter Treffpunkt, stellte für Jugendliche einen gefährlichen Ort dar. Schnell war man auf der falschen Spur, raste in die verkehrte Richtung. Verschiedene Aktionen hatten dort ihren Ursprung - Kavaliersdelikten entsprachen sie nicht.

Ein geniales, spannendes Bravourstück startete ebenfalls im Freizeitheim. Diese Story machte mindestens stadtweit Schlagzeilen. Überraschend ist für mich, wie lange die Urheberschaft verheimlicht werden konnte. Nur wenig Eingeweihte hatten Kenntnis von den Details samt Utensilien-Versteck.

Die Geschichte vom "grünen Manderl"
Der Waldfriedhof ist Münchens größter Friedhof und war zugleich unser Abenteuerspielplatz. Etwa mit 14/15 Jahren konnte ich als "Beobachter" an außerordentlich aufregenden Aktionen des "grünen Manderl" teilnehmen.
Peter Schneller besorgte eine sehr gruselige Maske mit schneeweißen Haaren vom Jahrmarkt. Zusätzlich hatten wir einen alten, schäbigen Lodenmantel aufgetrieben. So verkleidet legte sich ein älterer Fürstenrieder Jugendlicher mit glühender Zigarette im Augenloch auf die spärlich beleuchtete Tischlerstraße. Helfer wie Zuschauer lagen umliegend in den Büschen. Links Fürstenrieder Wald mit Kriegerdenkmal, rechts Waldfriedhof.

Es war 1974/75, somit kein Handy, Autotelefon etc.! Der Ablauf gestaltete sich immer gleich:
PKW hielt an, Fahrer stieg aus, bewegte sich langsam in Richtung des vermeintlich verletzten alten Mannes. Auf ein Zeichen sprang das "Manderl" hoch, humpelte grunzend, ähnlich des Glöckners von Notre Dame, auf den völlig verdutzten Menschen zu. Yooo, ein Bild für Götter. Wie von einer Tarantel gestochen rannte der Fahrzeugführer zum Auto, sprang rein und gab so heftig Gas, dass der Motor bis zum Limit getrieben wurde. Manchmal musste das "Manderl" zur Seite springen, sonst wäre es überfahren worden.

Bauarbeiter mit Messer, Gangs die im Friedhof das Manderl suchten und vieles mehr. Es wäre zu umfangreich, alle Aktionen hier aufzuführen. Die bekannte Tageszeitung AZ München veröffentlichte im Dezember 2017 meine etwas ausführlichere Version (3. Geschichte) innerhalb der Serie: "Herzerwärmend - die-schönsten Geschichten zu Weihnachten" Hier der Link: Herzerwärmend

School's out forever

Die Zeit schritt voran. Herrn Blum war neuer Leiter der 8. Klasse. Dieses Schuljahr verlief unspektakulär. Für meine Verhältnisse schon fast gesittet. Das lag zum Teil auch an unserem Lehrer. Er war blass und unscheinbar, zusätzlich wollte er die neuen Lehrmethoden, -antiautoritär, Teamgeist- umsetzen. Dazu fällt mir nur ein: Falscher Stadtteil, falsche Schüler!

Herr Blum war bestimmt erfreut, dass ich die Abschlussklasse bei Frau Jacob absolvierte.
Frau Jacob eine ältere, sehr erfahrene Lehrkraft, war bekannt für ihre Strenge und spitze Zunge. Sie war -neben Frau Zwingler in den ersten beiden Schuljahren- das Beste an Lehrer, was ich je hatte! Zielstrebig und mit einigen Wortgefechten führte sie mich zum qualifizierenden Abschluss und die Krönung folgte zuletzt: "Das Betragen war gut". Allerdings legte Vater inzwischen keinen großen Wert mehr darauf.

Mit Ende der Schulzeit sah ich für mich auch endgültig die Kindheit als beendet an. Manch Leser mag nach bisheriger Lektüre das Fazit ziehen, dass ich eine harte, unglückliche Kindheit verbrachte. Das stimmt so nicht. Ja, es war viel was mir als Kind zugemutet wurde. Schlaue Psychologen und/oder Psychiater würden daraus alles mögliche ableiten. Sei ihnen gegönnt, meine Einschätzung ist folgende: Die Kindheit hatte viele Höhen und einige Tiefen. Alle Erfahrungen in Natur und Umfeld möchte ich keinesfalls verpasst haben. Ob die heutige Generation eine schönere oder weniger schöne Zeit durchlebt, kann und will ich nicht beurteilen. Die meiste Zeit war es aufregend, spannend, schön…. Seit 1963 hatte und habe ich echte Freunde! Friedrich Schiller: "Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein…"

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Peter freut sich

Beim bisherigen Schulverlauf hat wohl niemand -einschließlich mir- mit diesem Ergebnis gerechnet. Gestehe aber, es war nicht wichtig für mich. Viel später zeigt sich, dass diese Einordnung zumindest nicht falsch war. In meiner Fantasie begann jetzt das wirkliche Leben. Ausbildung im Wunschberuf, kein Taschengeld mehr, endlich selbst verdientes Geld.
Wahrgenommen zu werden von den Erwachsenen und inzwischen wusste ich sogar, dass Mädchen für Besseres geeignet sind, als ihnen Frösche unter den Rock werfen.
Voller Energie und Adrenalin begann der Start in ein "neues Leben".


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Lehrjahre sind keine Herrenjahre!

Beitrag vorlesen (05:24 Minuten)

Mein erster Tag als Metzgerlehrling, was für eine Aufregung! Mit stolz erfüllter Brust marschierte ich neben Vater am Montag, 01.09.1975 morgens um 5 in nagelneuer Metzgerkleidung zur Autogarage.
Jetzt war es erstmal vorbei mit Freizeitheim oder irgendwelchen Schandtaten. 6 Tage pro Woche harte körperliche Arbeit. Unser Geschäft befand sich in der Damenstiftstraße zwischen Stachus und Marienplatz, im Herzen Münchens. Vaters Spruch "Ab ins Bett, um drei ist die Nacht vorbei", vergesse ich nicht.

Wurstwaren produzierten wir in der Sollner Metzgerei. Im Münchner Schlachthof wurden ab 05:00h Fleisch- und Wurstwaren eingekauft. Die Atmosphäre, der raue, trotzdem herzliche Umgang miteinander, die Geschäftigkeit usw., es gefiel mir. Das Töten und Verarbeiten von Tieren berührte mich nicht im Geringsten, es gehörte zum Beruf. Ohne Schlachtung kommt kein Schnitzel auf den Teller!
Nebenbei gab es eine Ausbildung als Wurst- und Fleischverkäufer obendrauf. Keine originäre Aufgabe eines Metzgerlehrlings, erweiterte jedoch den Horizont. Bereits kurz nach Beginn der Lehre war klar: Wir ziehen nach Solln in das verwaiste Geschäft von Opa um. Fürstenried verließen wir ebenso. Das große Anwesen inkl. Häuser samt Metzgerei überforderte Oma. Nach dem Tod von Opa war sie einsam.

Zur Metzgerei in der Innenstadt gehörte eine klassische Altbauwohnung im Hinterhaus mit Küche und Schlafzimmer. Ab Ende des "Mittagsrun" bis gegen 1600h schickte mich Vater dorthin zum Ausruhen. Eine willkommene Auszeit, allerdings war schlafen bei meiner Energie unmöglich. Deshalb lief ich öfters zur Kaufhalle oben am Stachus. Dort gab es Wühltische, voll mit DIN A 5 Romanheftchen. Als Fan von Western, Krimis etc. ideale Pausenfüller. Allerdings stellten die Kosten ein Problem dar. Nicht unlösbar bei meiner Fingerfertigkeit.
Eines Tages spürte ich die Hand eines mittelgroßen, korpulenten Mannes an meiner Schulter. Dieser flüsterte ins Ohr: "Hausdetektiv, mitkommen". Schlagartig waren mir die Konsequenzen bewusst. Ruckartig keilte ich mit meinem rechten Ellenbogen aus. Es folgte ein lautstarkes „UUUPPPFFF“, ebenso geräuschvoll knallte er seitwärts an den Wühltisch. Bevor jemand auf dumme Gedanken kommen konnte, tauchte ich schon im Gewühl der Münchner Fußgängerzone unter und war verschwunden. Die Kaufhalle war fortan kein Thema mehr.
Doch wenn man meint, man hat das Glück, dann zieht die Sau den Arsch zurück. Ein unglaublicher Zufall passierte genau zwei Tage vor Geschäftsaufgabe. Auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz marschierte besagter Detektiv an unserem Geschäft vorbei und sah mich beim Verkauf. Der Rest ist schnell erzählt: Keine 30 Minuten später tauchte er zusammen mit zwei Polizeibeamten wieder auf. Sie erklärten Vater den Vorgang. Eine Strafanzeige war die Konsequenz. Für (geständigen) Ladendiebstahl waren 50,--DM fällig. Körperverletzung leugnete ich, mangels Zeugen gab es dafür keine Bestrafung. Leid tut mir daran nur die unendliche Enttäuschung, die ich Vater dadurch zufügte.

Weder Betriebs- noch Wohnungsumzug sind mir erinnerlich. Außer, dass es absolut nicht zu meinen Vorstellungen passte. Fürstenried war mein "Kiez"! Künftig hieß die "Heimat" Reismühlenstr. 33-37, damals in der "Parkstadt Solln". Ein sehr großes Grundstück inklusive umfangreichen Innenhof. Hausnummer 37 war mit einem 3-Familienhaus bebaut. Dort wohnte nun ganz oben Oma, dann Vater, Liane und Max. Das Erdgeschoss war vermietet. Es folgten drei Garagen, die Hofeinfahrt in den Garten und zur Wurstküche samt Metzgerei. Daneben Haus Nr. 33 mit einer Familie und "Zimmerherrn". Ein Begriff aus Omas Zeit. In diesem Haus bezog mein Bruder Otto das Dachgeschoss.
Als ultimativer Glücksfall stellte sich meine neue Unterkunft heraus. Am Ende der Hofeinfahrt, quer über das Grundstück, hatte Opa sein Wohnhaus gebaut. Ganz rechts eine schöne geräumige Garage samt Werkstatt. Daran anschließend mein Wohnbereich mit zwei Zimmern, Toilette und Miniküche. Im Keller befand sich eine Badewanne. Daran angebaut ein 1-Zimmer Häuschen von höchstens 10 qm Innenraum. Sogar dieses Minizimmer war durchgängig vermietet. Dieser Umstand rettete mein Leben.

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