Leben statt zweifeln!

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Kürzlich las ich in einem Buch nachfolgenden Text:
Der weise Rabbi Sussja lag früh am Morgen auf dem Sterbebett. Um ihn herum hatten sich seine engsten Schüler versammelt.
Und er sprach: Da, wo ich jetzt hingehe, wird man nicht fragen: Warum bist du nicht wie Mose gewesen? Oder: Warum bist du nicht wie Abraham gewesen? Nein, man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?

Das nahm ich zum Anlass über mein bisheriges Leben nachzudenken und was wohl geschehen wäre, wenn ich diesen oder jenen Weg beschritten hätte.
Wer kennt das nicht dass man urplötzlich auf jemanden trifft, mit dem vor langen Jahren ein kleines Techtelmechtel stattfand. Für mehr oder gar zur großen Liebe hat es aber nicht gereicht. Das sind die Momente an denen ich zu sinnieren anfange, was aus mir für ein Mensch geworden wäre, wie würde sich mein Leben gestalten, wenn es mit uns funktioniert hätte? Man steht am Ende einer Straße und die Verzweigung führt nach links oder rechts. Man entscheidet sich für eine Richtung, begibt sich auf diesen Weg und beginnt dennoch über ein Leben nachzudenken, das man nie geführt hat.

Das Leben in dem ich in Afrika Brunnen gebaut hätte. Das Leben, ohne BND, ohne Ehen, ohne Kinder u.a.m. Sparsam statt ausschweifend, zurückhaltend statt laut, diplomatisch statt direkt….
Bei der Geburt stehen dir unzählige Möglichkeiten offen, doch führen kann man nur ein Leben. Viele Menschen verlieren sich im Sumpf der verpassten Gelegenheiten. Sie leben im Selbstanklagezustand, bezweifeln und bedauern alle Entscheidungen. Ihre Lebensqualität leidet darunter, dass sie die große Liebe vorüberziehen ließen, den falschen Beruf gewählt haben und darin verharrt haben. Als wäre es immer ganz einfach gewesen, die Geschehnisse zu beeinflussen. Als hätte es keine guten Gründe für unser Tun und Lassen gegeben.

Finde ich beklemmend, dass viele dem was nicht passiert ist, soviel Gewicht beimessen, so viel Raum geben. Mit dieser Denke, drohen Erfahrungen, die nicht gemacht wurden, diejenigen die man machte, zu erdrücken. Der amerikanische Schriftsteller Andrew H. Miller schreibt in seinem Buch „On Not Being Someone Else: Tales Of Our Unled Lives“ sinngemäß: Erst durch die nicht geführten Leben werde man einzigartig als Person. Ich finde allein die Vorstellung was ich alles hätte erleben können spannend und aufregend genug, da muss ich nicht an meinem gelebten Leben zweifeln. Wer nicht träumt, lebt auch nicht.

Manchmal nehmen diese Träumereien und Begierden des nicht gelebten Lebens direkten Einfluss auf unser reales Leben und das ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Zum Beispiel bei sexuellen Affären. So führen zwei Psychologen und Paartherapeuten in ihrem Buch „Treue ist auch keine Lösung“ aus: „Selbst Leute mit glücklichen Beziehungen gehen fremd. Sie suchen niemand anderen. Sie suchen bloß ein anderes Selbst. Sie wollen nicht die Person verlassen, mit der sie zusammen sind, sondern die Person, zu der sie geworden sind.“ Meist enden Affären mit einer Rückkehr, denn vor sich selbst kann man nicht davonlaufen.

Die Idee, dass ein anderes Leben erfüllender und glücklicher verlaufen wäre, halte ich für möglich, finde es aber absurd darüber nachzudenken. Das Leben, das ich bisher führte und künftig führen möchte, ist das was mich ausmacht, was ich bin. Dass mich die ungelebten Leben glücklicher, erfolgreicher, wichtiger…. gemacht hätten, diese Gedanken würden mich überfordern. Ich will kein anderes Leben! Sonst würde ich annehmen, dass ein Verzicht auf all die mir wichtigen Menschen, die ich in meinem gelebten Leben kennenlernen durfte, möglich gewesen wäre. Das tatsächlich gelebte und die ungelebten Leben wären beliebig austauschbar. Mein reales Leben mit all seinem Schlechten und Guten ist einzigartig und deshalb ist es bedeutsam.

Wer den ausgelassenen Existenzen nachtrauert, lebt gar nicht – weder im richtigen Leben noch in den falschen.

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