Sind Liebesbeziehungen noch zeitgemäß?
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Um Missverständnissen vorzubeugen, die Überschrift bedeutet: Ich schreibe über Beziehungen, Ehe, eheähnliche Gemeinschaft oder vergleichbares. Liebesbeziehungen zu Vorfahren, Nachkommen, Haustieren etc. sind hier nicht gemeint. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass „Liebe“ überstrapaziert und inflationär gebraucht wird. Was lieben wir nicht alles! Von Nahrungsmittel über Kraftfahrzeuge hin zu selbstgestrickten Wollsocken. Nicht meins, selbst wenn ich mein treues Auto liebevoll „Elch“ nenne. Liebe genauso wie ihr Bruder Hass sind für mich zwei sehr starke Worte und sollten mit Bedacht gewählt werden.
„… bis der Tod uns scheidet“. Dieses Eheversprechen -häufig beim Traugottesdienst gesprochen- kennt wohl jede(r) von uns. Nun das war nicht immer so. Früher waren Trauungen und auch Scheidungen keine Angelegenheit der Kirche. Im antiken Rom war es sehr einfach für BEIDE Eheleute sich scheiden zu lassen. Mit dem frühen Mittelalter kam die Wende, plötzlich war es eine Kirchenangelegenheit. Das führte zu heftigen Auseinandersetzungen besonders mit Adeligen. Vorher waren Ehen (samt Scheidungen) in erster Linie aus politischen und ökonomischen Gründen wichtig, nicht aus Liebe. Eine „Liebeshochzeit“ war bis zur Romantikepoche eher die Ausnahme. In der Regel war es ein Geschacher und geheiratet wurde oft aus pragmatischer Sichtweise.
Ab 1225 war Schluss mit der "kreuz und quer" Vögelei. Kirchliche Heirat wurde Pflicht, der Priester leitete die Hochzeitszeremonie. Somit gab es eine kirchliche Gerichtsbarkeit.
Unauflöslichkeit und Monogamie war Gesetz. Ihr wichtigster Zweck war die Zeugung von Kindern. Nichteheliche Lebensgemeinschaften wurden mit der Zeit verboten, mitunter sogar bestraft.
Im Zuge der Romantik -so gegen 1830-, ebenso durch Industrialisierung, änderte sich die Sichtweise auf den Bund der Ehe. Ausschließlich leidenschaftlich Liebende sollten vor dem Pfarrer erscheinen. Die "pragmatischen" Ehen galten als reine Notlösungen. Parallel dazu hielt Erotik Einzug in die Ehe. Früher galt das als Gegensatz, schnulzigen Mittelalter-Movies zum Trotz. Sich möglichst
nicht scheiden zu lassen, war dennoch weiterhin das Ziel. Trotz der häufig sichtbaren Überforderung.
Von etwa 1955-1985 gab es -zumindest in liberaleren Gegenden- sexuelles Freiheitsdenken, Promiskuität und Experimentierlust. Das änderte sich kontinuierlich, beginnend mit den ersten Aids Erkrankungen. Doch es erfolgte keine Rückkehr zur "ewigen" Ehe.
Heute im 21. Jahrhundert n. Chr. sieht es wieder anders aus. Zwar halten immer noch 2/3 aller geschlossenen Ehe bis einer der Partner verstirbt, dennoch ist die Scheidungsrate mit ca. 40% sehr hoch. Zusätzlich existiert in Deutschland eine hohe Singlerate von etwa. 42%. Interessanterweise sind die drei Spitzenplätze (Regensburg 57% Singlehaushalte) mit Städten aus dem katholischen Bayern belegt.
Warum leben so viel Menschen lieber ohne Partner? Warum scheitern so viel Beziehungen? Gerne vergleiche ich es völlig unwissenschaftlich mit der Energiezufuhr unseres Gehirns -in Klammern "Beziehung"- mit den drei „Pulls“.
Brain-Pull: Hat das Gehirn (Gemüt) Bedarf, so fordert es Glukose (Zuneigung, Sex, Anerkennung) vom Körper.
Body-Pull: Sind Speicher im Inneren wie Blut, Depots leer, wird Energie aus der nahen Umgebung z.B Kühlschrank, Tisch (verbale Hinweise, Anfassen…) angefordert.
Such-Pull: Ist das nicht von Erfolg gekrönt, setzt der Katastrophenmodus ein. Die Versorgung hat absoluten Vorrang und es wird jede mögliche Quelle (Büro, Supermarkt, Bordell) verwendet. Ein bekannter Hirnforscher schrieb einmal: „Der Such-Pull ist eine mächtige Kraft. Er kann in Krisenzeiten das Ausmaß einer Naturgewalt annehmen, … den Frieden bedrohen, Gesellschaften zerstören“. Als MANN behaupte ich: Stimmt!
Allerdings spielt der "Such-Pull" bevorzugt in älteren Generationen noch eine Rolle für Trennungen. Denn bei den "Jungen" beginnt das
postsexuelle Zeitalter. Angefangen hat das vor geraumer Zeit in Japan. Ein sehr hoher Anteil von unter 25-jährigen hat kein Interesse mehr an intimen Beziehungen. Selbst wenn sich die (west)europäischen Motive anders gestalten, eine
Abkehr von "festen" Beziehungen ist zu beobachten.
Eine Zeit in welcher sich Liebende als Partner einer temporären Zweckgemeinschaft mit ein bisschen "Spaß" oder in der Jugendsprache als "Freundschaft +" sehen, da spielt Sex eine nicht wirklich wichtige Rolle. Es fehlt das Wichtigste: Leidenschaft! Leidenschaft bedeutet ein Ziel kontinuierlich und tiefgehend zu verfolgen. Darauf haben viele Menschen keinen "Bock" mehr.
Hinzu kommt eine latente Überforderung durch digitale und soziale Medien. Offensichtlich besteht unter Jugendlichen ein hoher Erfolgsdruck. Jeder versucht den anderen zu toppen und hat Angst zum Gespött zu werden. Früher gab es das bei Kleidung oder Kfz, aber Beziehungen waren meist intim. Interna wurden nicht in die breite Öffentlichkeit posaunt. Zusätzlich sehe ICH eine Verweichlichung bei der Generation Z und folgende. Die "68er Saat make love not war" ist aufgegangen.
Erschwerend oder erleichternd je nach Betrachtung, kommt Technik hinzu. Eine allzeit bereite Sexdoll, die nicht meckert zudem alles mitmacht, ist bereits heute nicht mehr unerschwinglich. Sollte sich das irgendwie mit humanoiden Robotern (AliExpress bietet demnächst einen für unter 4000$ an) kombinieren lassen, wer benötigt dann noch eine Partnerschaft? In Peking gewann ein Roboter den Halbmarathon und viel erstaunlicher: Ein Roboter gewann erstmals gegen einen Profi-Tischtennisspieler. Für mich unfassbar bei diesen Anforderungen, welches Tischtennis verlangt. Eine Sexdoll mit diesen handwerklichen Fähigkeiten, yooo da kommt Freude auf!
Mein Fazit:
Heute gilt das Konzept der stressfreien Beziehungen / Ehen und die Akteure nennt man "Lag" (Lebensabschnittsgefährte) etc. Damit hat sich die "Liebe des Lebens" endgültig verabschiedet. Beginnt aus der stressfreien Beziehung eine komplizierte zu werden, wird diese ganz easy beendet und eine neue Partnerschaft oder der technische Wandel beginnt. Eine aufwändige Hochzeit mit anschließender Scheidung entfällt. Alles, nur keine Pflichten in einer Partnerschaft.
Bei mir, der beides kennt, schleicht sich manchmal das Gefühl ein, dass die jungen Menschen von heute viele schöne, aber auch weniger schöne Momente verpassen. Doch wie soll man etwas vermissen, das man gar nicht kennt?