Das bin ich und ich bin okay!
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Sind es die Gene? Ist es von Geburt an vorbestimmt? Hat der big chief ganz oben seine Hände im Spiel? Oder ist es einfach Kismet, warum ich so bin wie ich bin?
Warum handle ich manchmal so und manchmal so? Was ist für mich der Sinn meines Lebens? Welche Auswirkungen hat das Alter auf mein Wesen? Warum "seltsame" Spontanentscheidungen?
Ich werde nicht auf fragwürdige Theorien von Verhaltensforschern, Philosophen, Wahrsagern und sonstigen Kaffeesatzlesern eingehen. Was für andere zählen mag, zählt noch lange nicht für mich.
Denn
ICH bin
ICH und
ICH finde es gut, so wie es ist.
Als ich im April 1960 begann, die Welt mit meinem Besuch zu beglücken, war ich bei der Geburt bestimmt das hübscheste und allerliebste Wesen im Universum. Zumindest meiner Erinnerung nach. Wie ich mich bis zu meinem 11. Lebensjahr entwickelte und welche Charaktereigenschaften ich an den Tag legte, das kann inzwischen niemand mehr beurteilen. Alle verstorben! Doch ich glaube ganz entschieden, es hätten völlig unterschiedliche Interpretationen meiner damaligen Charaktereigenschaften ergeben.
Oft heißt es: Ganz die Oma/Opa. Natürlich stimmt es, dass Eigenschaften über Generationen weitergegeben werden, ob es wirklich starken Einfluss auf das soziale Verhalten eines Menschen hat, ich bin nicht davon überzeugt. Die Natur -auch wenn wir Menschen denken, wir hätten sie im Griff- gibt in der Evolution immer nur die Eigenschaften weiter, welche nützlich waren. Allerdings dauert das Ändern ewig. Eine Reportage zeigte, warum immer noch -ALLE Menschen- Gene von Neandertalern mit sich rumschleppen. Dabei ist es für den überwiegenden Teil der Menschheit nicht mehr relevant, zu wissen wie man ein Mammut erlegt.
Dass der Mensch nicht unbedingt das sanfteste aller Tiere ist, zeigt bereits die Historie. In der Bibel wie im Koran, war der erste von Mensch gezeugte Mensch ein Mörder: Kain wo ist dein Bruder Abel? Grundsätzlich sind unter den Menschen -analog zu allen Primaten- friedlichere und weniger friedliche Charaktere. Selbst gehöre ich eher zu den friedfertigen, ängstlichen Menschen. Aber im Laufe meines Lebens musste ich mehrfach feststellen, dass diese Eigenschaften nicht unbedingt von Vorteil ist.
Auch das ist sicher den Umständen geschuldet, in welchen man aufwächst. Dabei können selbst innerhalb einer Familie große Unterschiede auftreten. Die erste große Wesensänderung bei mir, könnte nach dem Tod meines Bruders Ludwig „Wiggerl“ Christerer erfolgt sein.
Als knapp 11-jähriger wurde ich unter die Fittiche von 14-16-jährigen Jungs genommen, welche sich gerade einen Ruf als üble Raufbolde erkämpften. Das Freizeitheim Fürstenried war zu dieser Zeit eine üble Begegnungsstätte. Häufig gab es Auseinandersetzungen mit Gangs anderer Stadtteile, Blumenau, Pasing, Valley (Sendling)… Öfters wurde ich vorgeschickt, einen Streit zu provozieren, um dann Unterstützung von den „großen“ Jungs zu erhalten. Dabei stellte ich fest, dass Gewalt durchaus ein Mittel sein kann Konflikte zu entscheiden.
Ein weiterer Hammer, war der Verlust meiner Mutter am 28.12.1972. Es war ein Vertrauensbruch vom Allerfeinsten! Alle Welt versicherte mir, dass Mutti an Weihnachten aber spätestens an Sylvester wieder zuhause sein und mit uns feiern würde. Lüge! Am 28.12. verstarb sie. Fortan fehlte mir die Begabung, Vertrauen aufzubauen.
So aus der Bahn geworfen, lies die schulische Entwicklung zu Wünschen übrig, es war mir einerlei. Um meinen Wunsch Metzger -wie Vater- zu werden, umzusetzen, stellte das kein übermäßiges Problem dar. Inzwischen war ein großer Teil meiner „Beschützer“ zu Kriminellen geworden und auch wenn ich selbst bei den schweren Straftaten wie Drogenhandel, schwere Körperverletzung, Raub etc. nie mitmachte, eingeweiht war ich meistens schon. Das Verhältnis zu meinem Vater, einem grundsoliden Mann mit festen Werten, wurde davon nicht besser. Zudem war ich oft die ganze Nacht unterwegs. Kein Vorteil, wenn man früh aufstehen muss. Es half nicht zur Normalisierung des Verhältnisses mit Vater bei.
Ende des zweiten oder Anfang des dritten Lehrjahres führte mein unsteter Lebenswandel zu einer Katastrophe. Infolge von Müdigkeit war ich zu faul Messer zu schärfen und wollte mit Gewalt einen Knorpel durchtrennen. Funktionierte nicht und das Messer bohrte sich bis zum Anschlag in den Oberschenkel. Aufgrund des extremen Blutverlustes brach mein Kreislauf vollständig zusammen und es erfolgte meine erste Wiederbelebung im Notarztwagen. Anschließend pfuschten die Ärzte. Vater rettete mir durch sein beherztes Eingreifen das Leben. Mit der Folge, dass ich insgesamt mehr als 11 Stunden operiert wurde.
Fazit für mich war: Traue auch den Halbgöttern in Weiß nicht! Das hat sich bis heute nicht geändert.
Tengelmann, Bierfahrer, Wehrdienst so ging es weiter. Bei der Bundeswehr wollte man mir Disziplin sowie den Sinn von Befehl und Gehorsam beibringen. Mit zweifelhaftem Erfolg. 17 Strafbereitschaften jeweils über eine Woche in 13,5 Monaten könnte noch heute einen Negativrekord darstellen. Eines lernte ich: Tarnen und Täuschen, manche würden es auch Lügen nennen. Würde ich für jede Schummelei gegenüber einem Vorgesetzten einen Euro bekommen, würden mich die derzeitigen Börsenverluste in keinster Weise stören. Selbst wenn es vielleicht nicht die beste Charaktereigenschaft ist, bei meiner späteren Tätigkeit ab Mai 1984 waren diese erworbenen Fähigkeiten von Vorteil.
Vor dem Wechsel zum BND arbeitete ich wieder als Bierfahrer, nun als LKW-Fahrer mit Führerscheinklasse 2. Nach kurzer Zeit hatte ich meine eigene, feste Tour und bekam als zweiten Mann Rudi B. zugeteilt. Rudi war ein Supertyp allerdings noch eine Spur aggressiver, gewalttätiger als ich. Dennoch absolut verlässlich und jedem „krummen“ Ding zugetan. Es gab als LKW-Fahrer viele Möglichkeiten am Rand der Legalität zu agieren. Als alleinverdienender Familienvater musste ich Kohle ranschaffen.
Wie gesagt Rudi war ein Pfundskerl brachte aber noch mehr Gewalt und Brutalität in mein Leben. Rudi hatte einige Vorstrafen und war zu dieser Zeit Präsident eines Rockerclubs in Dachau. Nette Jungs, die mich bedingungslos als „Gast“ aufnahmen, nur Festivitäten endeten oft in üblen Auseinandersetzungen mit anderen MCs. Später kam aufgrund eines Kennverhältnisses von Rudi und „Joschi“ -einer der führenden Zuhälter Münchens- ein lukrativer Nebenjob Freitag und Samstagabend rund um die Animierclubs im Münchner Hauptbahnhof Milieu hinzu. Manche Gäste der "Damen" verstanden nur eine Sprache.
Als Gegenpool hatte ich „normale“ Freunde und eine Familie, mit einer zwar etwas antriebsarmen Ehefrau, aber Kinder, welche für einen herrlichen Ausgleich sorgten. Zusätzlich wechselte ich im Mai 1984 zum Bundesnachrichtendienst (BND). Dort verbrachte ich die ersten Jahre in unspektakulären Verwendungen.
Die Scheidung ab 1992 zeigte erneut, dass man niemanden trauen kann. Ob aus eigenem Antrieb heraus und durch Beratung ging es -entgegen der vorherigen Absprachen- letztlich nur um Versorgung und dafür wurde sogar eine Entfremdung zu den Kindern in Kauf genommen. Zu der Zeit gestaltete es sich nahezu unmöglich, das Sorgerecht gegen die Mutter zu erhalten. Es war eine schmutzige, schmerzhafte Angelegenheit. Ein Jahr später rund um Weihnachten, als der Stress erneut aufflammte, erlitt ich einen Herzstillstand. Meine zweite Wiederbelebung dauerte dieses Mal etwas länger, nämlich 45 Minuten. Was dabei und den folgenden 7 Tagen in meinem Kopf abging, kann ich nicht sagen. Es gab kein Kurzzeitgedächtnis. Deswegen sind mir auch keinerlei mystische Erlebnisse während meiner Nahtoderfahrung bekannt.
Durch diese Nahtoderfahrung verlor ich die Angst vor dem Tod, nicht jedoch vor dem Sterben. In der Folge entwickelte ich mich immer mehr zu einem Hedonisten und lebe seither nach dem Motto „I don’t care, I don’t give a damn, I don't give a fuck“.
Ein drastischer Einschnitt erfolgte als meine damalige Freundin, spätere Ehe-, heutige Ex-Frau und ich einen Arbeitsplatzwechsel innerhalb der Organisation vornahmen. Die neuen Tätigkeiten blockierten jegliches Privatleben, besonders da ich noch nebenbei -u.a. für einen ziemlich durchtriebenen, aber prominenten Rechtsanwalt- Tätigkeiten ausübte. Beim BND war ich an einer der geheimsten Operationen beteiligt, die auf höchster politischer Ebene international für hohes Auf- und Ansehen sorgte. Es handelte sich um eine internationale Operation einschließlich militärischen Einsatzes, im Zusammenhang mit den Balkankriegen der 1990er Jahre. Viele Vorkommnisse und Ereignisse -die mir in jeglicher Form bekannt wurden- möchte man als gewöhnlicher Mensch nicht erleben.
Im Anschluss erhielt ich einen nicht minder interessanten Auftrag. Inmitten des mazedonischen Bürgerkriegs sollte ich in von Seiten der UCK -politische Sprachregelung: Freiheitskämpfer, realistisch: Terroristen- aber auch von den Geheimdiensten der Mazedonier auf Leitungsebene Informationen beschaffen. Yooo, das war zumindest sportlich, wenn nicht gar schneidig. Schon erstaunlich, dass ich das unversehrt überstanden habe. Es waren jedenfalls die brutalsten und grausamsten 8 Monate in meinem bisherigen Leben. Als Dank wurde mir später eine zu starke Affinität bezüglich UCK vorgeworfen. Yep, hoch sollen sie leben, die Sesselpfurzer dieser Welt.
Viele Ereignisse wie zweite Scheidung, Berliner Halbwelt, Prozess gegen meinen Ex-Arbeitgeber, Krebs im vorletzten Stadium u.v.m, sind nicht aufgeführt. Es hatte keine Auswirkungen mehr auf meinen Charakter.
Deswegen ziehe ich folgendes
Fazit:
Yusuf Islam: „All kinds of people make up my life“ oder auch Søren Kierkegaard: “Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es aber vorwärts“.
Soll heißen,
dass mich das Leben zu dem machte, was ich bin. Ob meine Reaktionen, mein Handeln, meine Worte jemanden gefallen oder nicht, das ist nicht mein Problem. Wer sich in meiner Nähe nicht wohlfühlt, soll halt fernbleiben. Sicher ärgere ich mich manchmal über mich und meine Aktivitäten, doch letztendlich ist es besser eine falsche Entscheidung zu treffen als gar keine. Zögern und Zaudern ist nicht mein Ding, deshalb bleibe ich dabei: Ich bin ich und ich bin okay! Solange mir das Leben so viel Spaß macht wie jetzt, wäre ich dämlich auch nur das Geringste daran zu ändern.