Translation at the end.   Am nächsten Morgen trat die Frau schon ganz früh an das Bett ihres Mannes und sagte ernsthaft: „Lieber Mann, du bist gestern recht unvernünftig und gegen mich sehr unfreundlich gewesen. Ich habe mir eben den kleinen Vogel noch einmal besehen. Es ist ganz sicher ein junger Spatz; erlaube, dass ich ihn fortlasse.“

„Daß du mir die Nachtigall nicht anrührst!“ rief der Mann wütend und würdigte seine Frau keines Blickes.

2016-03-05-der-kleine-vogel-4So vergingen vierzehn Tage. Aus dem kleinen Häuschen schienen Glück und Friede auf immer gewichen zu sein. Der Mann brummte, und wenn die Frau nicht brummte, weinte sie. Nur der kleine Vogel wurde bei seinen Ameiseneiern immer größer, und seine Federn wuchsen zusehends, als wenn er bald flügge werden wollte. Er hüpfte im Käfig umher, setzte sich in den Sand auf dem Boden des Käfigs, zog den Kopf ein und plusterte die Federn auf, indem er sich schüttelte, und piepste und piepste – wie ein richtiger junger Spatz. Und jedes Mal, wenn er piepste, fuhr es der Frau wie ein Dolchstich durchs Herz. –

Eines Tages war der Mann ausgegangen, und die Frau saß weinend allein im Zimmer und dachte darüber nach, wie glücklich sie doch mit ihrem Manne gelebt habe; wie vergnügt sie von früh bis zum Abend gewesen seien und wie ihr Mann sie geliebt – und wie nun alles, alles aus sei, seit der verwünschte Vogel ins Haus gekommen. Plötzlich sprang sie auf, wie jemand, der einen raschen Entschluss fasst, nahm den Vogel aus dem Käfig und ließ ihn zum Fenster in den Garten hinaushüpfen. Gleich darauf kam der Mann.

„Lieber Mann“, sagte die Frau, indem sie nicht wagte, ihn anzusehen, „es ist ein Unglück passiert; den kleinen Vogel hat die Katze gefressen.“

2016-03-05-der-kleine-vogel-5„Die Katze gefressen?“ wiederholte der Mann, indem er starr vor Entsetzen wurde; „die Katze gefressen? Du lügst! Du hast die Nachtigall absichtlich fortgelassen! Das hätte ich dir nie zugetraut. Du bist eine schlechte Frau. Nun ist es für ewig mit unserer Freundschaft aus!“ Dabei wurde er ganz blass, und es traten ihm die Tränen in die Augen.

Wie dies die Frau sah, erkannte sie auf einmal, dass sie doch ein recht großes Unrecht getan habe, den Vogel fortzulassen, und laut weinend eilte sie in den Garten, um zu sehen, ob sie ihn vielleicht dort noch fände und haschen könnte. Und richtig, mitten auf dem Wege hüpfte und flatterte das Vögelchen; denn es konnte immer noch nicht ordentlich fliegen.

Da stürzte die Frau auf dasselbe zu, um es zu fangen, aber das Vögelchen huschte ins Beet und vom Beet in einen Busch und von diesem wieder unter einen anderen, und die Frau stürzte in ihrer Herzensangst hinter ihm her. Sie zertrat die Beete und Blumen, ohne im Geringsten darauf zu achten, und jagte sich wohl eine halbe Stunde lang mit dem Vogel im Garten herum.

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 The little bird   2/3

Next morning the wife got up early and came to her husband and said in a serious tone: „Dear husband, yesterday you were so unreasonable and so short-tempered with me. I have just had a look at that little bird. I am absolutely sure it is a baby sparrow; allow me to let it fly free.“

„Don’t you dare touch that nightingale!“ shouted her husband angrily without so much as looking at her.

It went on like that for a fortnight. It seemed as if their peace and harmony had been destroyed for good. The husband growled, and when his wife stopped growling back at him she would break down in tears. But the little bird grew quickly on its diet of ant eggs and its feathers steadily took on shape and it looked as if it would soon be able to fly. It hopped around in its cage, sat on the sandy floor, pulled in its head and ruffled its feathers whenever it shook itself, and chirped and chirped — just like a young sparrow would do. And every time it chirped it drove a knife into the woman’s heart.—

One day her husband left the house and his wife sat in her room all alone crying and thought about how happy her married life had been up until then; about how they had enjoyed themselves from morning to night and how much her husband had loved her and how everything had stopped, yes everything, ever since that cursed bird had come into their house. Suddenly she jumped up like a person who had finally made a decision, took the bird out of its cage and let it hop over to the window and out into the garden. At that very moment her husband entered the room.

„My dear,“ she said, not daring to look at him, „It was all an accident; the cat came and devoured the little bird.“

„The cat ate the bird?“ repeated her husband who stood there aghast; „The cat ate the bird? You are lying! You let the bird go intentionally! I never thought you could do such a thing. You are a wicked person. Our relationship is over now, forever.“ And he turned pale and tears came to his eyes.

When his wife realized what he had said she began to understand that she had done her husband a great injustice by letting the bird go, and with tears in her eyes she hurried out to the garden to see if she could lay hands on the bird. And, lo and behold, there it was right in the middle of the path hopping and fluttering its wings, for it was still unable to fly. She rushed over to it and tried to catch it but the little bird scampered back and forth in the flower beds and from bush to bush and the woman, anxious not to hurt it, kept trying to lay hands on it. She ran into the flower beds and stepped on all the flowers without thinking what she was doing, and kept that up for a half hour or so.

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