Peter Alexander Christerer Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.

Meine Erinnerungen an ein erfülltes und oftmals spannendes Leben

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Kapitel: 1 - 1960-70 2 - 1971-72 3 - 1973-75 4 - 1975-78 5 - 1978-84 6 - 1984-96 7 - 1996-2004 8 - xx-xx 9 - xx-xx 10 - xx-xx

Kapitel 4 Lehrjahre sind keine Herrenjahre 1975 - 1978 Alle als ---> mp3

Ein ehrenwerter Beruf
Das Ding mit der Kaufhalle
Umzug ins neue Domizil
Herbert und der Kühlschrank
Ein schmerzhafter Spaziergang
Hugo B. und das Kartenspiel
Das Gartenhaus
It's partytime Teil 1
It's partytime Teil 2
Oma und die Mädels
Faulheit wird bestraft! Teil 1
Faulheit wird bestraft! Teil 2
Wer Eltern hat, soll sie hoch in Ehren halten
#K04-01 - Ein ehrenwerter Berufmp3

Nun war es endlich soweit, dass ich am 01.09.1975 mit der Ausbildung zu meinem absoluten Traumberuf - Metzger - beginnen konnte. In einem neuen hellblauen Jeansanzug (als einziger) wurde zusammen mit meinem Lehrmeister und Vater, die Anmeldung an der Berufsschule für Metzger vorgenommen. Was war ich stolz, als ich in meiner Metzgerjacke am Abend neben meinem Vater zu Fuß in die Tessiner Straße einbog. Ich fühlte mich so erwachsen!

Was folgte waren drei spannende Jahre mit teilweise dramatischen und auch sehr schrecklichen Ereignissen. Wir standen jeden Morgen sehr früh auf, ganz besonders (03:00h) wenn wir in die Wurstküche nach Solln fuhren um dort Würste zu produzieren. Aber auch sonst ging es früh zur Sache, täglich Schlachthof, anschließend zur Metzgerei im Herzen von München, in die Damenstift Straße.

Ob im September 1975 schon feststand, dass wir mit dem Geschäft und auch Privat nach Solln ziehen würden und dort den Laden vom verstorbenen Opa wieder zu eröffnen, weiß ich nicht mehr.
Erinnern kann ich mich noch gut an die oftmals grimmige Kälte frühmorgens und wie lange es dauerte bis das Auto endlich warm wurde. Kaum warm, musste ich sofort wieder in den Eiskeller von Wurstküche. Ganz schnell war meine Lieblingsaufgabe den großen Wasserkessel zu heizen, damit wenigstens die Finger etwas Wärme abbekamen.

Der Tagesablauf war Routine - Ausbildung und Verkauf und meistens schickte mich mein Vater ab 13:00h Uhr bis ca 16:30h in die Mittagspause, die ich in der Wohnung im Hinterhof in der 2. Etage verbrachte. Natürlich musste ich mir die Zeit vertreiben, denn so müde war ich auch nicht, dass ich die ganze Zeit verschlafen konnte. Also las ich meistens Roman Heftchen, bei Krimis bevorzugt „Jerry Cotton“, bei Western „Lassiter“. Diese Romane werden im nächster Beitrag noch relevant.
Ab 16:30h begann das Abendgeschäft. Schon nach kurzer Zeit lies mich mein Vater den Wurstverkauf erledigen und natürlich standen täglich umfangreiche Reinigungsarbeiten und Vorbereitungen für den nächsten Tag an. Gegen 18:30h schlossen wir den Laden und fuhren nach Fürstenried nach Hause, wo wir gegen 19:00h eintrafen. Meist ging es früh zu Bett, wenn ich nicht noch schnell bei Herbert vorbeischaute, denn oft hieß „Bub geh ins Bett, um drei ist die Nacht vorbei!“.
Die Menschen im Schlachthof, ob in den großen Verkaufshallen oder später bei den Lohnschlächtern waren mir alle sympathisch, zwar grob und direkt, aber eben nicht linkisch und hinterhältig.

Um es ganz klar zu formulieren: Das Metzgerhandwerk ist ein ehrenwertes! Später war ich LKW- und Bierfahrer und ab 1984 begann ich meine Tätigkeit bei einer oberen Bundesbehörde. Dort arbeitete ich in verschiedenen Abteilungen mit sehr unterschiedlichen Anforderungen. Doch keine dieser Tätigkeiten erfüllte mich annähernd so, wie es die 5 Jahre Metzger taten.


Im vorherigen Beitrag erwähnte ich die lange Mittagspause. Was sollte ich denn nun anfangen, mit den 3-4 Stunden? Die Shops der Innenstadt kannte ich auswendig und für Caféhaus Besuche hatte ich weder die Kohle noch wirklich Bock darauf. Und natürlich wollte Vater, dass ich mich ausruhe, der Metzgerberuf ist anstrengend.
Lesen tat und tue ich schon immer gerne, also verschlang ich Romanheftchen, Größe DIN A5 und damals in diversen Genres erhältlich. Science Fiction interessierte mich nicht, also Krimis oder Western. Der Bastei Verlag vertrieb
noch nicht lange die Westernserie Lassiter und das war für einen Heranwachsenden (damals!) ein erotisches Abenteuer. Sogar im härtesten Kampf machte er kurz Pause und bestieg eine Frau, um danach wieder alle abzuknallen. Yooo da schlug des Herz des kleinen Bäääda 3 Etagen höher.

Die Krux an der Geschichte war, dass die Dinge Geld kosteten. Bis zu 3 Hefte pro Mittagspause gingen drauf und das war bei meiner chronischen Geldknappheit und geringem Lehrlingsgehalt nicht finanzierbar. Was Hänschen lernt, verlernt Hans nimmer mehr. Und ohne angeben zu wollen, ein gewisser H. L. und der „kloane Bäääda“ hatten sich im Bereich Ladendiebstahl zu Superstars entwickelt. Nichts tragbares war vor diesen Langfingern sicher und wechselte bei Bedarf mal schnell die Örtlichkeit.
Somit stellten die Romanhefte nicht wirklich eine Herausforderung dar. Mittags raus aus dem Laden, in die Herzogspital Straße rein, vorbei am „Sugar Shake“ (bis weit in die 1980er eine der Top-Discos Münchens, mit den „bösen“ Promis wie Mike Jagger, viiiieeel Dope und immer etwas anrüchig.) und durch den Hintereingang rein in die Kaufhalle.

In der Kaufhalle gab es einen großen Wühltisch voll mit Romanheften aller Art und es gab einen Hausdetektiv, das wiederum wusste ich aber nicht. Bei meiner Fingerfertigkeit in diesem Metier war das aber auch nicht von Belang. Am längsten dauerte die Auswahl der Heftchen, denn ich hatte schon meine Favoriten unter den Schreiberlingen. Dann ging es ratz fatz und wie durch Zauberei wechselten die Objekte ihren Standort und wurden zudem unsichtbar.
Doch zu viel Selbstsicherheit macht nachlässig und führt zu Fehlern! Eines Tages verspürte ich die Hand eines mittelgroßen, korpulenten Mannes an meiner rechten Schulter und der Typ flüsterte mir „Hausdetektiv, mitkommen“ ins Ohr.

Nun ich war immer ein gelehriges, folgsames Kind und meine Eltern schärften mir von klein an ein: „Lass dich nicht von fremden Menschen anfassen und gehe unter keinen Umständen mit diesen Leuten mit!“
In einer ruckartigen Bewegung zog ich meinen rechten Ellenbogen nach hinten und traf auf etwas weiches, kugelförmiges. Dann hörte ich ein „UUUPPPFFF“ und der Typ bewegte sich vielleicht etwas zu schnell rückwärts, denn dabei vergaß er wohl den hinter ihm platzierten Wühltisch. Er prallte mit seinem ganzen Gewicht dagegen und dann waren beide für weitere ca 100cm in Bewegung, was nicht ohne Lärm abging.

Mir war das eindeutig zu laut und ich verlies - möglicherweise etwas eiliger als sonst, wie immer - die Kaufhalle durch den Vordereingang und tauchte in der meist gut besuchten Münchner Fußgängerzone fast am Stachus oben, in der Menge unter.
Von da an zog ich es vor, diesen ungastlichen Ort, an dem man zudem von Männern betatscht wird, zu meiden, denn der Geschäftsumzug war nur noch wenige Tage entfernt. Doch der Teufel ist ein Eichhörnchen und wenn du meinst du hast das Glück, dann zieht die Sau den Arsch zurück (doch beim nächsten Mal bin ich schlauer, ich press die Sau gegen die Mauer!).

Es war ein unglaublicher Zufall. Genau zwei Tage vor dem Umzug marschierte der Detektiv an unserem Geschäft vorbei und sah mich beim Verkauf. Der Rest ist schnell erzählt: Keine 30 Minuten später tauchte er zusammen mit zwei Polizeibeamten wieder auf, erklärten Vater den Vorgang und es kam zur Anzeige. Lange Zeit später musste ich 50,--DM für (geständigen) Ladendiebstahl bezahlen, Körperverletzung galt als nicht bewiesen.
Was ich jedoch nie vergessen werde, ist diese unglaubliche Enttäuschung im Gesichtsausdruck meines Vaters. Keiner von uns beiden wusste jedoch, dass dies nur der Anfang war und heute tut mir das alles so unendlich leid. Denn was in den nächsten 3 Jahren noch folgen sollte, hat dieser hochanständige, ehrliche Mann nicht verdient.
Glücklicherweise für meinen Vater fand dann der Umzug statt, denn ich glaube, dass er annahm, dass jeder Kunde jetzt wüsste was für einen missratenen Sohn er hat. Das wäre das Schlimmste für IHN gewesen.


Nach erfolgtem Umzug von Fürstenried nach Solln, fühlte ich mich in der neuen Umgebung zuerst überhaupt nicht wohl. Schließlich hatte ich mein ganzes Leben (die ersten 3 Jahre waren irrelevant) in Fürstenried West verbracht. Und so fuhr ich in der ersten Zeit nahezu jeden Tag am Nachmittag nach Fürstenried und besuchte Familie Neidlinger.
Der Umzug mit dem Geschäft war für mich eher zweitrangig und brachte eher Vor- als Nachteile. Wie das alles ablief, hierzu habe ich keine Erinnerung mehr. Tatsache war, dass ich die erste Zeit noch mit Schrott Oma zusammen im Gartenhaus leben musste und das ging gar nicht!

Glücklicherweise wurde eine Wohnung in ihrem 3 Familienhaus im 2. Stock schnell frei und sie zog dort ein. Von da an ging es rund im Gartenhaus! Da Bäääda lies die Sau raus. Welcher 16jährige hatte schon eine permanent sturmfreie Bude, frei von Nachbarn zumindest was den Geräuschpegel anbelangte und zudem den Schlüssel zur Wurstküche, die für unbegrenzten Würstchennachschub sorgte?

Das Gartenhaus bestand aus 2 Zimmern (das zweite war für - zumindest männliche - Besucher tabu, dort war auch meine „Nasszelle“ in Form eines Waschbeckens und einem Boiler) einem Keller, einer Küche und einem Dachboden. Dachboden und Keller waren wichtig, denn wenn ich mal wieder auf der „Flucht“ vor meinen Freunden war, die meinten mich zu jeder Nachtzeit aufsuchen zu können, schlief ich einfach dort und jeder dachte ich sei nicht zuhause.

Ich war (bin) bekennender Beethoven Fan, in erster Linie von der 9. Symphonie, denn da konnte ich mitsingen. Allerdings so schräg, dass mich Günter N. einmal sogar auf Band aufnahm, um einen Beweis für meine Unbegabtheit zu haben. Das bemerkte ich nicht einmal, denn ich hatte ein Konstrukt aus zwei von Günter R. selbstgebauten riesigen Bassreflex Boxen die einen Spalt auseinander standen und von oben mit 2x 80W Sinus Lautsprechern abgedeckt wurden. Dann legte ich mich mit einem Kissen in die Lücke und der Punk ging ab, bis zur Schmerzgrenze.
Das Problem war, dass ich jetzt die Türklingel ganz vorne (30-40m entfernt) an der Einfahrt nicht mehr hörte. Rainer „Eddi“ E. löste das ganz elegant, indem er die Leitung mit einem großen sehr hell leuchtendem ROTEN Strahler verband. Ich denke die Nachbarn dachten eher an ein Bordell, als an einen 16jährigen Metzgerlehrling.

Schließlich begann ich schon bald mit den ersten Kochversuchen. Gut Würstchen warm machen oder Leberkäse abbruzzeln, waren jetzt nicht die großen Herausforderungen. Allerdings kannte ich den Spruch „mit Speck fängt man Mäuse“, also war der Plan, mit meinen Kochkünsten ein paar der außerordentlich attraktiven Mädels aus der Umgebung in die Falle bzw. das Gartenhaus zu locken.
Schon immer experimentierfreudig versuchte ich mich an allem Möglichen und das Versuchskaninchen war meistens Rainer „Eddi“ E., manchmal auch Reiner R. Eines Tages wollte ich den beiden etwas ganz Besonderes auftischen. Ich lud sie ein, verschwieg was für ein Gericht auf den Tisch kommt und sie beide mussten erraten, was ich ihnen für eine Köstlichkeit serviert hatte.

Kurzum es war ein Desaster! Von gebackenen Fisch über Kalbsschnitzel bis hin zu hart gewordenem Kaugummi und vieles mehr, wurde ziemlich alles genannt. Dass es sich um ein paniertes Kuheuter handelte, auf diese glorreiche Idee kam allerdings keiner der beiden kulinarischen Nieten.
Es kam wirklich in der Konsistenz und ich denke sogar im Geschmack einem dieser transparenten Radiergummi ziemlich nahe. Über die handwerklichen Fehler (fing schon damit dann, dass ich 5 cm dicke Scheiben, anstatt sehr dünne verwendete) will ich jetzt mal den Mantel des Schweigens ausbreiten, das wäre ein eigener Kurzroman aufgrund der Menge.
Doch es gab zwei ganz wesentliche Erkenntnisse:
1. Das mit der Falle und den Mädels wurde unverzüglich ad Acta gelegt und
2. ein Kühlschrank musste dringendst beschafft werden!
und somit sind wir bei der nächsten Story „Herbert und der Kühlschrank“ angelangt. Das lieber Herbert, war dein Meisterstück und an diesem Tag wollte ich dir ein paar Ohrfeigen verpassen und dir das Buch mit dem Titel: „How to make friends and influence people“ schenken.


Zuerst muss ich feststellen, dass mir die genauen Zeitdaten in den Jahren 1975 -1978 weder was Monat noch Jahr anbelangt, zu 100% geläufig sind. Alles was passierte war zu viel und kam zu schnell hintereinander. Aber da ich noch nie ein Pedant war und es auch nicht werden möchte, kann ich gut damit leben.
Als sich heraus kristallisiert hatte, dass ich dringend einen Kühlschrank brauchte, schließlich wollte ich ja weitestgehend autark von der restlichen Familie sein, ging die Sucherei los. Schmales Budget, kein Auto und keine Vorstellung davon, wo so ein Teil neuwertig auf der Straße liegen könnte.

Natürlich bat ich auch meinen guten Freund Herbert um Hilfe, zudem er ja auch Nutznießer von dem Ding war. Nun Herbert war schon immer auf den Flohmärkten dieser Welt zuhause und fragte sofort nach den wesentlichen Fakten wie Höhe, Breite, Gefrierfach etc. und natürlich wollte er den absoluten Höchstpreis den ich hinblättern konnte wissen, schließlich war Herbert ein Meister im Feilschen. Doch als er 50 DM (und das war schon mehr als ich eigentlich hatte) hörte, machte sogar er ein wenig optimistisches Gesicht.


Tage, nein Wochen tat sich nichts, ein Kühlschrank zu diesen Konditionen war einfach nicht aufzutreiben. Mal zu hoch, mal zu breit, meistens zu teuer. Aber auf Herbert war Verlass! Von ihm kam die erlösende Botschaft - und ihr lieben Leute immer schön daran denken: 1976 war nix mit Handy, WhatsApp oder Facebook & co. -, dass er einen passenden Kühlschrank für mich hätte. Höhe, Breite, Zustand alles passt, nur ein kleines Problem hat es gegeben.

Trotz intensiver Bemühungen sei es ihm (Herbert) nicht gelungen, den Preis unter die absolute Höchstsumme von 50 DM zu drücken. Aber er hätte dafür erreicht, dass der Kühlschrank frei Haus geliefert wird. Nachdem wegen der erfolglosen Suche der vergangenen Wochen der Frustfaktor ohnehin schon ziemlich hoch war, war mir das inzwischen egal. Also wie üblich ein paar Leute angefixt um die Kohle zu bekommen und ich gab Herbert das go zum Kühlschrank Kauf.

Dann kam der Tag der Tage! Ich wollte schon eine Eingabe an den Bundestag um einen weiteren Feiertag zu bekommen machen, sozusagen als „Tag des Kühlschranks“. Am späten Nachmittag sollte das Teil geliefert werden. Natürlich hatte ich Herbert - so wie es unter Gaunern und Halunken nun mal üblich ist - das Geld schon ausgehändigt und wir standen erwartungsfroh an der Auffahrt zu meinem Häuschen.
Urplötzlich hörte ich den Sound eines mir bekannten Autos. VW Variant genau so ein Vehikel fuhr Hannes, der Bruder von Herbert. Wow meine Achtung für Herbert stieg ins Unermessliche! Er hatte wohl organisiert, dass Hannes den Kühlschrank abholt und zu mir bringt.

Chapeau! Ein Hoch auf Herbert! Zügig fährt Hannes in die Einfahrt, stoppt das Auto, steigt aus und kuckt mich ziemlich entgeistert an. Folgender Dialog entstand:
„Servus Bäääda“ „Griaß di Hannes“ „Ja hätte ich gewusst, dass DU den Kühlschrank willst, hätte ich keine 20 DM verlangt“ „Wieso 20 DM, ich habe Herbert 50 DM gegeben.“ Beide Köpfe bewegten sich ruckartig in die Richtung in welcher Herbert noch vor 30 Sekunden stand. Nichts, Nada, Nothing, gähnende Leere! Herbert war verschwunden und wurde an diesem und ich denke auch am nächsten Tag nicht mehr gesehen. Heute, ca. 42 Jahre später muss ich gestehen, das war ein Meisterwerk, vor allem die Geheimhaltung!

Und wie sollte es anders sein, auch bei der nächsten Geschichte spielt Herbert die Hauptrolle.


Das Metzgerhandwerk ist, das dürfte schon in der Natur der Sache liegen, ein etwas gewöhnungsbedürftiger und rauer Beruf. Es liegt nicht jedem, mit toten Tieren zu arbeiten oder sogar Tiere zu töten. Wenn man sich dann jedoch den Fleischkonsum in Deutschland ansieht, tote Tiere essen möchte aber schon fast jeder. Frei nach dem Motto: „Was schert mich die Umwelt, bei mir kommt der Strom aus der Steckdose.“
Soweit ich mich erinnere, bestand der Lehrlingsjahrgang 1975-1978 aus nur einer Berufsschulklasse. Einige der Lehrlinge kamen aus München, aber auch viele aus Ebersberg, Erding, Haag u.a.m. also aus dem Umland, dort durfte im Gegensatz zu München auch noch selbst geschlachtet werden.

Einmal in der Woche hatten wir theoretischen und praktischen Unterricht im Münchner Schlachthof. Einige meiner Lehrlingskollegen erfüllten voll und ganz, das zur damaligen Zeit vorherrschende Klischee, das man von Metzgern hatte. Grobschlächtig, dumm und brutal. Einer dieser Kandidaten war (seinen Vornamen habe ich vergessen, denn den benutzte eh niemand) ein gewisser Numb. Ca. 190cm hoch, bullig, stark wie ein Bär (er hatte kein Problem damit, unter jedem Arm einen ca. 60kg schweren Rinderschlegel quer über den Schlachthof zu tragen) und strohdumm.

Wie Numb. die Prüfung in der Theorie schaffte ist mir bis heute ein Rätsel, denn während des Unterrichts erledigte -gegen ein geringes Entgelt- einer von uns die Aufgaben für ihn. Numb. war ein herzensguter Mensch und nur schwer reizbar. Doch ein Aushilfslehrer trieb ihn einmal bis zur Weißglut und das war nicht die beste Idee. Denn nachdem ihn dieser Typ zum wiederholten Male vor der gesamten Klasse lächerlich gemacht hatte, sprang Numb. wie von einer Tarantel gestochen auf (so laut, dass selbst Hugo B. und ich erwachten), rannte vor ans Pult, riss das Fenster auf, packte den verblüfften Lehrer am Hemdkragen und am Hosenbund. Er hob ihn in die Höhe -gut, das Zwetschgenmanderl wog vielleicht gerade mal 70 kg- und bugsierte ihn der Länge nach aus dem Fenster, dort drehte er ihn quer und schüttelte ihn wie man es mit einer großen Wanderratte macht, damit sie richtig quietscht. Ungut war daran, dass wir uns im 2.OG befanden. Ein Aufprall auf dem Boden wäre wahrscheinlich ziemlich schmerzhaft gewesen.
Dann holte er ihn wieder rein (ich bin mir sicher die Aktion hatte Numb. nur kopiert, denn ich glaube es war nicht das erste Mal, dass so was geschah), stellte den kreidebleichen Lehrer brav auf den Boden und sagte mit seiner tiefen Bassstimme: „No amoi wennst mi für blöd vakaffst, dann is aus mit dir“, drehte sich um, ging zurück an seinen Platz und setzte sich als wäre nichts gewesen. Gut an der Sache war, dass auch die Lehrer keine Sensibelchen waren und es bei einem Verweis für Numb. beliesen. In der Mittagspause wurde noch einmal kurz darüber gesprochen und dann war das Thema gegessen.

Ein ganz anderes Kaliber war Hugo B. aus Ebersberg, aber Lehrling bei Magnus Bauch, einem sehr bekannten Münchner Metzger. Er wohnte in einer winzigen Bude direkt neben seiner Lehrstätte an der Thalkirchner Straße und brachte mir bei, wie man Mädels die Fleischereifachverkäufer lernten, dazu bringt sich auch für die menschliche Anatomie zu interessieren.
Es dürfte gegen Ende des 1. / Anfang des 2. Lehrjahres gewesen sein, als Hugo mich fragte, ob ich nebenher ein paar Märker verdienen möchte. Er meinte, er spiele 1-2 x die Woche mit ein paar Typen Poker und er würde mir ein paar Sachen beibringen, damit wir als Team sicher gewinnen würden. Okay so ganz wohl war mir nicht bei dem Ding, aber als er sagte, da wären pro Woche mindestens 50-100 DM drin, war ich restlos überzeugt.
Letztendlich ging es um gezinkte Karten und ein paar gut platzierte Gegenstände in dem Hinterraum der Kaschemme, denn der Wirt war auch ein Komplize. Mit Zeichen verständigte ich mich mit Hugo und somit konnten wir nur schwer wirklich verlieren, nur die kleineren Einsätze gaben wir preis.

Ganz einverstanden war ich nach kurzer Zeit nicht mehr mit meinem Anteil. Der Wirt kassierte 70 % vom Gewinn (Karten und die Spiegel stammten von ihm), und Hugo gab mir höchstens 50 DM pro Spieltag von seinen 30%. Doch unsere Mitspieler waren alles andere als liebe, freundliche Gesellen. Sie waren überwiegend Gastarbeiter / Fernfahrer aus dem Großmarkthallen / Schlachthof Milieu.
Finstere Gestalten mit schnellen Fäusten und jeder sicher mit einem Messer in der Tasche. Doch zu „Tarifverhandlungen“ zwischen Hugo und mir kam es nicht mehr. Eines Abends stand wieder eine Session an, doch ich hatte partout keine Zeit. Ob Hugo eine weitere Person als Ersatzmann hatte oder ob der Wirt einsprang weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls kam während der Pause der Rektor der Berufsschule -ich denke er hieß Grohmann- und meinte, dass Hugo B. leider bei einer Auseinandersetzung in einer Gaststätte mit einem Messer lebensgefährlich verletzt wurde. Die Polizei bittet um Mithilfe, falls einer seiner Mitschüler Angaben zu Hugo B. und seinen Gewohnheiten machen kann.
Weder machte ich bei der Polizei Angaben, noch sah ich Hugo B. jemals wieder. Ich weiß aber, dass er es überlebt hatte. Ob er seine Metzgerlehre fortsetzte und was weiter in seinem Leben geschah entzieht sich meiner Kenntnis, nur war fortan auch mein lukrativer Nebenverdienst ad acta gelegt.


Wie es kam, dass bei den Neidlinger im Frühjahr oder Sommer 1976 ein blutjunger deutscher Schäferhund zu Gast war, weiß ich nicht mehr. Es handelte sich um den Hund vom Platzwart des Tsv Forstenried an der Graubündner Straße, der anscheinend für ein paar Wochen im Urlaub war.
An einem schönen lauen Abend wollten wir - Rita N. die „kleine“ Schwester von Reinhold und Günter, ihre Freundin Gabi S., Herbert und ich - den Hund etwas Gassi führen. Raus aus der Wohnung, quer durch den Fürstenrieder Wald, hin zum Kriegerdenkmal an der Tischlerstraße. Das Kriegerdenkmal war schon ein besonderer Ort. Einmal zerschnitt ich mir im „Teich“ die Fußsohle, dann die Geschichte mit dem grünen Manderl (AZ München -im Artikel musst du nach unten scrollen) und jetzt die „Hundesache“.

Auf dem Geh- / Radweg Richtung Freizeitheim, trennte linker Hand ein Grünstreifen mit Büschen und Sträuchern den Weg von der Straße. Dort kamen Herbert und ich auf die glorreiche Idee den Hund zu „dressieren“. Und natürlich als erstes das Kommando „Fass!“. Herbert sprintete mit vollem Karacho los, ganz rechts an den dortigen Büschen entlang. Ich ließ ihm gefühlte 15 Meter Vorsprung, hatte den Hund mit ca. 1 Meter Leine an der linken Hand und brüllte Fass! Yooo, der „Kleine“ ging ab wie eine Rakete und verfolgte Herbert. Warum dieser „Zipfeklatscha“ an diesem Tag ausnahmsweise langsamer war als ich (eigentlich war er IMMER schneller als ich, denn sonst hätte er ja von mir noch mehr Prügel bekommen, wenn ich ihn immer erwischt hätte.), steht in den Sternen und war halt einfach nur Kismet.
Jedenfalls holten wir Herbert ein und der Hund wollte ihn anspringen, aber nicht wegen des Kommandos, sondern wie jeder junge Hund wollte er einfach nur spielen und an Herbert hochspringen. Das Problem war, dass das aus vollem Lauf heraus passierte, der Hund an meiner linken Hand hing, während Herbert auf der rechten Seite lief.

Leider nahm das blöde Vieh keinerlei Rücksicht auf unsere Stellung, sondern zog diagonal nach rechts und setzte zum Sprung an. Jeder von uns weiß was passiert, wenn man mit voller Fahrt an eine über den Weg gespannte Schnur (in diesem Fall die Hundeleine) gelangt. Yep, der Hund überschlug sich und da Bäääda segelte im hohen Bogen, ähnlich wie ein Skispringer, Kopf voraus in die Büsche auf der linken Seite.
Nach einer halbwegs weichen Landung und einer kurzen Benommenheit, dachte ich: „Wow was für ein Flug und nichts passiert!“ Nur ein kleines Zippen im linken Arm verspürte ich. Also versuchte ich meinen Kopf in die Richtung vom Arm zu drehen und als ich es hinbekommen hatte, sah ich zuerst in das liebliche Gesicht von Rita, die sich die Hand vor den leicht geöffneten Mund hielt, ihre schönen Augen waren noch größer als sonst und spiegelten Entsetzen wieder.

Dies allerdings irritierte mich und jetzt wollte ich unverzüglich feststellen, was das Kribbeln im Arm bedeutete. Eigentlich war alles ganz normal. Der Arm lag friedlich im Gras, schön im rechten Winkel gebeugt und machte nichts. Alles schick, bis ich realisierte, dass der rechte Winkel nicht zum Körper hin, sondern vom Körper weg gebogen war.

Ok von nun an ging es mir nicht mehr so gut. Wir begaben uns sofort zu Neidlingers. Dort übernahm Herr Neidlinger als hochrangiger Polizeibeamter das Kommando. Er konfiszierte den VW Käfer von Reinhold und brachte mich ins Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin gab er meinem Vater (lag ohnehin auf dem Weg) Bescheid. Nie vergessen werde ich dabei, wie korrekt der Neidlinger Papa auch in solchen Situationen war. Wir kamen an die Kreuzung Siemens Allee / Wolfratshauser Straße und mussten rechts abbiegen. Die Ampel zeigte rot, aber es herrschte keinerlei Verkehr. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, mir war speiübel und mein Arm machte schon ziemlich AUA. Dann sagt Herr Neidlinger (zu wem auch immer) förmlich: „Hiermit erkläre ich dies zu einem Notstand und setze daher die §…. außer Kraft und werde trotz der Signalzeichen, die Kreuzung überqueren“. All thumbs up, denn es ging ohne Verzögerung weiter.

Eigentlich käme jetzt Routine. Doch wie üblich, gibt es bei mir noch ein besonderes Gimmick. Es war eine Ellenbogen Luxation und einige Bänder und Sehnen waren betroffen. Die Ärzte bastelten rum, steckten den Arm

rechtwinklig in einen Gipsverband und nahmen ihn 6 Wochen später wieder ab. So weit, so gut, nur die Auskunft des Arztes war doch etwas beunruhigend. Er meinte, dass die Bänder und Sehnen durch die Winkelung jetzt etwas verkürzt sind, ich gaaaanz langsam versuchen müsste den Arm wieder zu strecken und dafür zuerst eine leere Flasche zwischen die Finger, dann 2 Tage später eine volle, dann zwei usw. klemmen sollte. Es könnte jedoch sein, dass sich der Arm nicht mehr ganz strecken lässt.

Das nervte gewaltig und auch die Angst den Arm nicht richtig gebrauchen zu können, verursachte keine Hochstimmung, also trainierte ich halt. NICHTS tat sich! Wahrscheinlich (ich bin nun mal ein Weichei) nervte Vater mein Gejammere (und die fehlende Arbeitskraft seines Lehrlings) ziemlich und da ich meine herausragendste Stärke Ungeduld wohl von ihm vererbt bekam, suchte ER nach einer Lösung.
Zu unserer Wurstküche führten vom Garten aus einige Stufen in den Keller. Um nicht beim Gießen oder Spielen runter zu fallen, war dort ein massives Metallgeländer angebracht. Eines Tages rief mich Vater zu sich und sagte ich solle mich am Geländer festhalten und zwar mit dem verletzten Arm. Dann sollte ich mich hinstellen und den Oberkörper wie ein Boxer nach vorne neigen.

Er stellte sich mir gegenüber und erzählte irgendeinen Schwachsinn um mich dann völlig ohne Zusammenhang aufzufordern, laut bis 10 zu zählen. Bei 6 angelangt schlug er mich mit seiner rechten geöffneten Hand mit voller Wucht auf meine rechte Schulter und legte sein ganzes Gewicht dahinter. Mein Vater war ein unglaublich kräftiger und auch schwerer Mensch. Ich ließ das Geländer los, setzte mich unsanft auf mein Hinterteil, stieß einen Schrei aus, der bis heute noch nicht in fernen Galaxien verhallt sein dürfte und sah nachdem die Tränen verschwunden waren, dass mein linker Arm urplötzlich aber so was von gerade war. Nach kurzer Zeit waren die Schmerzen weg und der Arm wieder voll beweglich.
Mein lieber Vater, in welchem Nirvana du auch gerade rumschwirrst, dafür danke ich dir von ganzem Herzen. Wer weiß schon wie das „Training“ ausgegangen wäre und ein Leben mit so einer Einschränkung wäre nicht mein Ziel gewesen. Natürlich hätten bei der Methode die Bänder und Sehnen reißen können. So what? No risk, no fun!
Und die Moral von der Geschicht: Traue Herberts Lauffähigkeiten NICHT!


Jetzt kann ich es ja zugeben, was ich zu meiner „aktiven“ Gartenhaus Zeit niemals getan hätte: Ja die erste Zeit war es mir etwas unheimlich, so ganz alleine in dem Häuschen. Nicht weil ich Angst vor den bösen Räubern oder ähnlichem gehabt hätte, nöööö wegen den Geräuschen rund ums und im Haus.
Da waren im Dachboden und ich glaube auch in den Wänden die Mäuse und deren Trippeln und Scharren hörte sich strange an. Aber richtig gruselig waren die Igel, direkt hinter meinem Fenster. Dort war ein Treppenaufgang zum Keller und ein schmaler Grünstreifen, in welchem das herunter gefallene Laub vom Nachbargarten rum lag.

Wer schon einmal die Geräusche der Igel beim Schnackseln hörte, der weiß wovon ich spreche. Das hört sich echt an wie ein Mensch, der in den letzten Zügen liegt und röchelt. Schauriger geht es nimmer! Vor allem dauerte es ein Weilchen bis ich das zuordnen konnte, denn die Übeltäter machten es nicht auf dem Präsentierteller, sondern taten es gut versteckt. Vielleicht war es ja eine in der Igel Szene bekannte Örtlichkeit für secret love.
Doch auch bei meinen Freunden war das Häuschen außerordentlich beliebt. Permanent sturmfreie Bude, endlos laute Musik und zumindest, was Wurst und Würstchen anbelangt, immer genug Verpflegung, weil ich den Schlüssel zur Wurstküche der Metzgerei und zum Laden hatte. Somit waren Besuche von meinen Freunden zu JEDER Nachtzeit vorprogrammiert. Teilweise zog ich es vor, prophylaktisch im Keller in der Badewanne oder auf dem Dachboden zu schlafen, denn an Schlaf war bei den Besuchen meist nicht mehr zu denken.

Einmal jedoch leisteten sich Hannes L. und Günter N. eine gegen mich gerichtete, üble Sache! Irgendwann, als ich mich im Tiefschlaf befand wurde ich lautstark von den beiden geweckt. Das überwinden des Gartentors bei der Einfahrt stellte keinerlei Problem dar und meine Zimmertüre war eigentlich immer unverschlossen.
Die Jungs hatten offensichtlich ziemlich Hunger, denn sie forderten nachhaltig etwas zu essen. Keine Ahnung warum ich mich an diesem Tag weigerte. Wahrscheinlich war ich betrunken oder einfach zu müde, um aufzustehen. Je massiver ihre Einschüchterungsversuche wurden, desto sturer wurde ich.

Das Ende vom Lied war, -ich lag im Bett- dass Günter N auf meinen Beinen saß und Hannes L auf meinem Oberkörper, bewaffnet mit einer Dose brauner Schuhcreme (wie die in mein Zimmer kam, ist ein ungeklärtes Rätsel!). Er bemalte mein Gesicht, dass jeder Indianerstamm vor Neid erblasst wäre und folterte mich damit, bis ich dem Wunsch nach Verpflegung nachgab. Wer solche gewalttätigen Freunde hat, braucht keine Feinde mehr!

Günter N. war damals ohnehin ein sehr schlagkräftiger junger Mann. Eines Nachts führten wir ein bilaterales Gespräch, ganz sicher mit hoch geistigem Inhalt. Günter auf der durchgewetzten Couch sitzend, ich gegenüber in einem ebenso abgenutzten Wohnzimmersessel. Zwischen uns befand sich ein rechteckiger, mit allen nur erdenklichen Gegenständen überladener Wohnzimmertisch. Das fing mit besagter Schuhcreme an, gefolgt von Prinzenrollenkeksen, hin zu Getränkeflaschen, Gläsern, Tellern etc. und hörte noch lange nicht bei diversen Nahrungsmitteln auf. Kleinigkeiten wie Brösel oder schmutzige Teller usw. müssen nicht extra erwähnt werden, das war Usus.
Jedenfalls saßen wir dort und in erster Linie tranken wir irgendeinen billigen Whisky. Selbst Ballantine Fusel war damals Luxus. Irgendwann, beide waren wir bis zu Oberkannte Unterlippe abgefüllt, wiederholte sich eine Szene mindestens 5X. Günter brachte seinen Oberkörper in eine senkrechte Position, sah mich mit sehr ernstem Blick an und sagte in einer nur schwer verständlichen Ausdrucksform : „Bäääda jetzt trinke ich meinen Whisky aus und dann gehe ich heim“.
Er nimmt ein auf dem Tisch stehendes, geöffnetes mit scharfem Senf gefülltes Glas, setzt an und wundert sich, dass nichts rauskommt. Verblüfft sieht er das Glas an, stellt es wieder ab, wendet seinen Kopf zu mir und fängt wieder an, über die Probleme dieser Welt zu labern.

Wie gesagt, exakt identisch wiederholte sich das mindestens 5X. Beim letzten Mal bringt er seinen Oberkörper in eine senkrechte Position, sieht mich mit sehr ernstem Blick an, kippt zur Seite und binnen einer Sekunde schnarcht er was das Zeugs hält. Jetzt war es an mir verblüfft zu sein und ich muss gestehen, leicht überfordert war ich schon.
Fürsorglich wie es seit jeher bin, nahm ich seine Beine und brachte sie auf der Couch zum Liegen. Dann kam eine weniger herausragende Idee. Ich wollte Günter von seinen Cowboy Stiefeln befreien, denn darin zu schlafen ist nicht so prickelnd. Also ziehe mit beiden Händen an dem ersten seiner Stiefel und bekam im nächsten Moment mit voller Wucht den Absatz von seinem Zweiten auf meinem Handrücken zu spüren. So heftig, dass ich mit einer schmerzhaften Schwellung drei Wochen lang an diesen feucht fröhlichen Abend erinnert wurde. Günter hingegen wachte deswegen nicht einmal auf und brabbelte im Schlaf weiter vor sich hin. Wahrscheinlich träumte er gerade, er sei John Wayne. Klaro dass sich Günter an diese Peinlichkeit überhaupt nicht erinnern konnte und sogar meine Aussage in Zweifel zog.

Auf jeden Fall gab es im und ums Gartenhaus viele schöne Ereignisse, mit viel Freude und lustigen Späßen. Diese Zeit möchte ich nicht missen und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen konnte.


Langsam näherte sich die Freizeitheim Zeit dem Ende zu und es kristallisierten sich verschiedene Gruppierungen heraus, die ich subjektiv so kategorisieren möchte: die Kriminellen, die Trinkfesten, die Braven. Warum ich in allen drei Gruppen ziemlich präsent war, kann ich heute nicht mehr sagen.
Auf die „Kriminellen“ Zeit -mit schrägen Typen wie Richard „Ritschi“ S, Karli, Jacki, Tachi u.a.m.- hätte ich gut und gerne (auch wenn es sich meistens um eher „kleinere“ Delikte oder Körperverletzung handelte) verzichten können. Eines kann ich jedoch zu 100% sagen: Auch wenn ich häufiger mit „Tachi“ und ein paar seiner Kumpels in einschlägigen Establishments wie in der damals existierenden Disco „between“ in der Seitzstraße unterwegs war, im Gegensatz zu „Tachi“ handelte ich niemals mit Rauschgift. Schon immer verachte ich Dealer, die harte Drogen verkaufen. Die Trinkfesten und die Braven hatten hingegen -wie in der Mengenlehre- ein paar Überschneidungen.

Erstere hatten ihre Heimat im Strasser Stüberl gefunden und die Disco Besuche fanden überwiegend im „Forum“ Germering oder „Atlantis“ auch „das Schiff“ genannt in Gröbenzell statt. Die Alkohol Exzesse waren schlimm und es grenzt an ein Wunder, dass uns nie etwas Ernsthaftes passiert ist. Aber es gibt mir schon zu denken wie leichtfertig und verantwortungslos wir damals handelten. Auch die Filmrisse sind bedenkenswert. So wachte ich einmal am späteren Sonntagvormittag auf der Rücksitzbank im VW-Käfer von Bernhard K., dessen Eltern ein Reihenhaus in der Tessiner Straße besaßen auf und hatte eine ziemlich geschwollene Nase und Oberlippe.
Erzählt wurde mir später, dass ich im Forum so dämlich gewesen sei, einen der „alten“ Aubinger Rockerbosse ziemlich massiv anzumachen und dabei ganz schnell schlafend zu Boden gegangen bin. Nur mit Mühe konnte eine Riesenschlägerei zwischen Fürstenriedern und Aubingern verhindert werden. Sorry keinerlei Erinnerung weder damals noch heute.

Sehr gut erinnern kann ich mich noch an den 18. Geburtstag von Günter N. Allerdings nicht warum wir im Pfarrheim der St. Matthias Kirche in Fürstenried starteten. Es war sehr lustig aber auch extrem Alkohol lastig. Natürlich musste ich, der „Superheld“, wieder einmal meine Trinkfestigkeit beweisen und trank 2x hintereinander jeweils 0,5l Rotwein auf Ex. Sozusagen zum warm werden, dümmer geht’s nimmer. Irgendwann war die Party im Pfarrheim zu Ende und dem Bruder von Günter, Reinhold „Ritter“ N. fiel ein, dass er in der „Fregatte“ -einer Disco an der Sonnenstraße in Stadtmitte- noch eine halbe Flasche Whisky im Kühlschrank hatte.
Wer die 1970er in Deutschland nicht mitmachte, weiß nicht wovon ich spreche und kann es sich auch nur schwerlich vorstellen. Sex, drugs & rock’n roll war keine Floskel und selbst im spießigen Dorf München, roch es -wie heute in Berlin- an jeder Ecke nach Halli Galli und Sex.
Ob Jungs oder Mädels es war immer partytime und es waren nicht nur die Jungs die „immer“ wollten, nööö die Mädels wurden weder vergewaltigt noch zu irgendetwas gezwungen, sie wollten es einfach genauso.

An diesem Abend war allerdings saufen angesagt. Und so holte Reinhold seinen Ford Capri und wir (Reinhold N., Günter N., Gürkan U. und ich) fuhren Richtung Innenstadt. Überflüssig zu erwähnen, dass Reinhold als Fahrer genauso sturz betrunken war wie wir alle. Und dann geschah etwas, was wohl nur zur damaligen Zeit möglich war.
Auf der Rückseite am Parkplatz des damaligen Messegeländes auf der Schwanthaler Höh, war kollektives Pinkeln angesagt. Alle außer Reinhold wackelten in erbärmlichen Zustand zur Abzäunung und versuchten ihre Notdurft zu erledigen. Dabei bin ich mir nicht sicher ob es nur Pinkeln war, das wir von uns gaben. Irgendwie musste ja auch im Magen Platz für Nachschub geschaffen werden, so dass etwas „Bröckerl Lachen“ vielleicht auch dabei war.
Mitten während dieser wichtigen Tätigkeit, hörten wir ein Auto bremsen und ich sah aus den Augenwinkeln, dass direkt neben dem Auto von Reinhold die „Grünen“ also Polizei hielt. Reinhold war vorher schon ausgestiegen und hatte beide Arme aufs Autodach gelegt und darauf seinen Kopf gebettet.

Einer der Schandis bewegte sich -es war ihm sofort klar, dass es sinnlos wäre mit einer der 3 jämmerlichen Gestalten zu sprechen- zu Reinhold und es entwickelte sich folgender Dialog:
S: „Was ist denn da los?“
R: „Nichts besonderes, mein kleiner Bruder ist 18 geworden“
S: „Die sind aber ganz schön breit“
R: „Man wird ja blos einmal 18, aber heim hätten sie nicht mehr gefunden, deshalb haben sie mich angerufen.“
S: „Ah so DU bist sozusagen der Chauffeur“.
R: „Genau“
S: „Dann pass bloß auf, dass nichts passiert und fahr vorsichtig“
R: „Mach ich“
Der Polizist (ich gehe davon aus, dass er 1 ¾ Augen zudrückte, denn dass der Promillegehalt von R. jenseits von Gut und Böse war, dürfte er sicher bemerkt haben) trollte sich und wir konnten ohne Probleme unsere Fahrt fortsetzen. Die Ankunft bei der Fregatte stellte nur kurzfristig ein kleines Problem dar, denn dem Türsteher gefielen meine Turnschuhe nicht und er wollte nur mich nicht reinlassen.

War eine dumme Idee von ihm, denn als er ein paar Stufen weiter unten ankam und ich über ihn stieg um in den Discoraum zu gelangen, war ihm klar, dass man sich manchmal besser nicht mit volltrunkenen Jugendlichen einlässt. Wir wurden nicht rausgeschmissen, weil es a) eine rauhe Zeit damals war und b) jeder Discobetreiber auf Typen die UNTER der Woche Geld da ließen scharf war. Gürkan und ich verließen vor den N. brothers die Fregatte, denn schließlich musste ich gleich zu arbeiten beginnen und Gürkan war inzwischen am Limit angelangt. Über die Taxifahrt verliere ich kein Wort, denn da hatten wir uns beide nicht mit Ruhm bekleckert.
Jetzt folgt Teil 2 mit den „Braven“.


Ob die „Braven“ so brav waren, weiß ich nicht mehr so genau. Es waren halt mehr so der innere Kern meiner Freunde, allerdings mit Schnittmengen zu den Trinkfesten. Mit dieser Gruppe verbrachte ich Zeit in der Maxhof Wirtschaft, von dieser ging ein direkter Übergang zur Disco Maxhof Casino. Der Haupttreffpunkt war allerdings meistens die Diskothek Holzleg an der Drygalski Allee.
Wie auch zum vorherigen Teil könnte ich jeweils ein eigenes Buch über diese Zeit schreiben, so ging damals die Post ab. Das würde zu weit führen und deshalb begnüge ich mich zum Holzleg mit drei Geschichterln.

Viel Discos gab es nach meiner Erinnerung nicht in dieser Münchner Gegend und deshalb traf sich im Holzleg der Münchner Südwesten, auch weil es nicht so angestaubt war wie das Maxhof Casino. Das Sagen im Holzleg hatten aber die „alten“ Fürstenrieder, die noch aus der Zeit von meinem verstorben Bruder stammten und wir, die „Jungen“.
Schlägereien und Drogen waren nach meinem Kenntnisstand kein großes Thema, nur einmal hatten wir Riesenstress mit „Torre“, der damals schwer abhängig war. Klar wurden alle Drogen mal ausprobiert, ich Gott sei Dank nur bis LSD, weil ich damals schon Panik vor Spritzen hatte.

Eines abends, wir kamen aus der Innenstadt hatte Torre einen kleinen LSD Trip eingeschmissen. Normalerweise war er dann immer gut drauf und spazierte durchs Weltall. Doch dieses Mal hatte er einen Horrortrip und geriet in Verfolgungswahn und Panik. Mitten während der Fahrt zückte er im Taxi ein Messer und bedrohte den Taxifahrer. Yooo das war heftig!
Endlich im Holzleg angekommen, wurde er einfach ins Klo gesperrt und die Türe mehr als 2 Stunden unter Verschluss gehalten. Glücklicherweise kam er wieder runter, das hätte übel ausgehen können.

Genial war im Holzleg der Flipper Automat. Zwar bescherte er einigen Leuten heftige Schmerzen im Knie, aber dafür konnte man kostenlos flippern. Wenn man an genau einer Stelle in der Nähe des Münzeinwurfschachtes mit dem Knie einen genau dosierten Stoß anbrachte, spuckte das Ding 7 oder manchmal sogar 14 Freispiele aus. Yep bei unserem chronischen Geldmangel, war das eine feine Sache. So musste ich wenigstens nur die Spielschulden begleichen, denn so Spielernaturen wie Erkan U. oder selbst Herbert waren meist besser als ich in meiner Ungestümtheit.

Wie schon erwähnt waren Schlägereien nicht sehr häufig im Holzleg oder du bist nach draußen gegangen. Doch wenn es mal Ärger gab, sorgte der Betreiber (ich glaube er hieß „Schucki“) oder die geniale Bedienung „Elly“ ganz schnell für Ruhe.
Nur einmal hatte ich Riesenglück, denn ich denke das wäre schmerzhaft für mich ausgegangen. Wenn man die Disco betrat, ging es nach links zu den Flippern und Toilettenräumen, leicht rechts kam die Bar, dann eine große Tanzfläche, links und rechts flankiert von Sitzgelegenheiten und in der Mitte hinten das „Fass“ und ein paar weitere Stehplätze.

Eines abends kam ich nach oben und begab mich zu meinem Stammplatz am Fass. Das war ein riesiges Holzfass rundherum mit einer Ablagefläche für Getränke. In jener Zeit waren -zumindest in München- dunkelhäutige Menschen nicht so häufig anzutreffen wie heute und genau so einer belegte meinen Stammplatz.
Hoch gewachsen, irgendwie athletisch aber eindeutig zu dünn für meinen Geschmack, steht der Typ an „meinem“ Platz und guckt den Mädels aufs Hinterteil. Für mich war das natürlich die Provokation schlechthin, ich nahm mein Getränk von Elly in Empfang und platzierte mich direkt vor ihm. Klar, dass es nicht lange dauerte und dann ließ er einen dämlichen Spruch wie „du stehst mir im Licht“ oder so ähnlich los. Logisch habe ich nur auf das gewartet, schon ging ein Wortgefecht los und es ging zielstrebig in Richtung Eskalation.

Als es ziemlich kurz vor der tätlichen Auseinandersetzung stand, die Fäuste waren geballt, kam urplötzlich von hinten Werner S. (einer meiner früheren „Wiggerl“ Beschützer), zieht mich weg und macht mich zur Minna.

Ob ich geistesgestört oder lebensmüde sei, fragte er mich. Ob ich nicht wüsste mit wem ich da gerade Zoff anfange. Nööö wusste ich nicht, aber Werner klärte mich dann über seinen Freund auf.
Es war niemand anderer als Georg Steinherr auch „Hammer Schorsch“ wegen seiner gnadenlosen Schlagkraft genannt. Als deutscher Meister im Mittelgewicht der Boxamateure, wechselte er zu den Profis und bereitete sich gerade auf die Europameisterschaft im Halbmittelgewicht vor. Diesen Titel verteidigte er meines Wissens mindestens 2x.
Joa es war mir klar, dass jetzt eine Entschuldigung fällig war und nach zwei Gläschen irgendetwas alkoholfreiem, entwickelte sich sogar noch ein angenehmer Abend mit Georg.

Später in meinen Erinnerungen wird sich noch zeigen, dass weder ein Europameister im Boxen unverwundbar ist, noch dass da Bäääda seine Lektion gelernt hat.
Jetzt beschließe ich den Abschnitt „it’s partytime“ für diese Zeit und werde erst 30 Jahre später wieder ins Nachtleben, diesmal allerdings in Berlin einsteigen. Es war eine schöne, wilde Zeit hoffe aber, dass die heutige Jugend etwas umsichtiger und vernünftiger handelt als wir. Denn heute weiß ich, dass ich es mir nie verziehen hätte, wenn ich damals wegen Alkohol oder Drogen jemanden nachhaltig geschädigt hätte.


Als streng katholische, kirchentreue Frau hatte es Oma nicht leicht mit ihrem Bäääda, zumindest was den Lebensstil und den Besuch von jungen Frauen anbelangte. Erschwerend kam für sie hinzu „Was sollen denn da die Nachbarn denken?“ Das Problem war, dass sie von ihrem Schlafzimmer in der 2. Etage genau auf das Gartentor und die Hofeinfahrt zum Gartenhaus blicken konnte.
Das tat sie häufig, aber ohne sich zu zeigen, denn dann hätte ich Verschleiherungsmaßnahmen eingeleitet. Wenn sie wieder etwas mitbekommen hatte, besuchte sie mich am nächsten Tag in meinem Zimmer und hielt mir eine Standpauke. Allerdings schmunzelte sie meistens, wenn ich sie an ihre eigene Lebenslust erinnerte. Schließlich hatte sie und das zur damaligen Zeit zwei uneheliche Kinder.

Doch eines Tages kam sie und ich weiß nicht warum sie wirklich so wütend war und machte ein richtiges Fass auf. Sie hatte am Vorabend beobachtet, dass ich eine rothaarige (mglw. war das für sie eine Hexe) zu mir ins Haus mitnahm und sogar, dass ich sie 3 Stunden später wieder verabschiedete.
Was ich alles zu hören bekam, sie vergaß ihre katholische Erziehung und nannte mich tatsächlich einen Hurenbock und dass die Leute annehmen mussten, dass das jetzt ein Puff sei und so weiter und so fort. Das Ende vom Lied war, dass sie mir allen Ernstes mit Rauswurf drohte, wenn ich noch einmal ein Mädchen mitbringen würde.

Nun das war ein worst case Szenario! Doch es kam ganz anders und nahm eine überraschende Wendung. Wie ich bereits einmal erwähnte, besuchte mich Freitagsabend häufig Rainer „Edi“ E. Rainer ist nicht sehr hoch gewachsen, breitschultrig, mit schulterlangem pechschwarzem Haar und einer tiefen Bassstimme ausgestattet.
Als Edi kam war es schon etwas dunkel. Oma wollte wohl überprüfen ob ich mich an ihre Vorgaben hielt, stand oben und hatte ihr Fenster leicht geöffnet. Als Edi und ich gerade die Garagen passiert hatten und sozusagen in freier Sichtbahn standen, schrie Oma mit voller Entrüstung von oben herab: „Bäääda ich hab es dir gesagt, wenn du wieder ein Weibsbild reinschleppst, dann schmeiße ich dich raus!“

Edi, schlagfertig wie er nun einmal war, drehte sich in ihre Richtung und rief mit seiner sehr tiefen Stimme „Guten Abend Frau Schrott!“ nach oben. Das war zu viel für sie. Blitzartig schloss sie das Fenster und ward nicht mehr gesehen. Am nächsten Tag kam sie, immer noch völlig konsterniert, und wollte wissen, ob ich es jetzt auch noch mit Männern „treibe“. Erst als ich sie überzeugt hatte, dass ich meiner hetero sexuellen Veranlagung ganz sicher treu bleibe, dass sie Edi kennt und ihn schon öfters im Garten angetroffen hätte, war sie beruhigt und Mädelsbesuche wurden nie wieder thematisiert.

Aber Oma lieferte mehr solche Stückchen. Herausragend war z. B: das Ding mit dem Melissengeist. Eines Nachts -ich wohnte bereits mit Familie in der Elsenheimer Str.- rief sie gegen 01:00h an. Ihre Stimme war sehr schwach und sie klagte: „Bäääda ich sterbe, mir geht es so schlecht, ich muss sterben.“ Dann folgten einige Anweisungen was ich in diesem Fall zu tun hätte. Natürlich war erstmal geschockt -sie klang wirklich nicht gut- und ich war etwas sprachlos. Doch was mir häufig als mangelnde Empathie vorgeworfen wird, sehe ich als Sachlichkeit und Pragmatismus und so leicht bricht bei mir keine Panik aus. Nach einer kurzen Schockphase fragte ich was denn eigentlich los sei.

Zuerst stammelte sie weiter, dass ich unbedingt kommen muss und dass ich für eine „schöne Leich“ (Beerdigung) zu sorgen hätte und, und, und… Erst als ich massiv und etwas autoritärer nachfragte, fing sie an den Vorfall zu schildern: Sie suchte -wie häufiger- etwas in ihrer Küche und öffnete dabei alle Schranktüren. Dann ist sie anscheinend mit ziemlichen Schwung von am Boden knieend aufgestanden und hat dabei vergessen, dass die Türe des oberen Schränkchen geöffnet war.
Mit voller Wucht knallte sie mit ihrem Kopf gegen die Ecke der Türe und zwar so heftig, dass sie sich auf dem Boden wiederfand und auch noch blutete. Nachdem die Blutung gestillt war, wuchs ihr eine mächtige Beule. Klar, dass ich nachhackte und fragte was sie unternommen hat. Sie meinte, sie hätte ein mit Melissengeist getränktes Taschentuch darauf gedrückt, um die Schwellung zu stoppen.

Yooo eisern war sie! Ich möchte nicht wissen, wie hochprozentiger Alkohol in einer offenen Wunde brennt. Daraufhin entstand folgender Dialog:
Ich: „Ja und was hast du dann gemacht“
Sie: „Das hat ja nichts geholfen, ich dachte ich muss ein Stamperl trinken, vielleicht hilft es ja von innen heraus. Klosterfrau Melissengeist hilft immer“
„Ja hat es denn geholfen?“
„Nein, überhaupt nicht!“
„Ja und dann?“
„Dann habe ich halt noch ein Stamperl getrunken.“
Am Ende ergab sich, dass sie nahezu die gesamte 0,75l Flasche leer getrunken hatte und einfach nur sturz betrunken war. Hörbar erleichtert, als sie das hörte und somit nicht sterben musste, sagte sie nur noch: „Na gut, dann gehe ich halt jetzt ins Bett und schlafe meinen Rausch aus“. Sie legte einfach auf und das Thema Melissengeist wurde fortan ignoriert.


Nun bei allem, was ich hier zu den Jahren 1975 - 1978 etwas flapsig vielleicht sogar humorvoll aufführe, darfst du eines nicht vergessen: Das war ziemlich aufreibend! Selbst für einen Heranwachsenden, der zudem den anstrengenden Beruf des Metzgers lernte, ging dieses „ruhelose“ Leben schon auch an die Substanz.
Zwar war ich oft schon gegen 11:00h mit meiner Arbeit fertig, aber meist schlief ich dann eben nicht. Mein Lehrmeister und Vater verlangte außerdem, dass ich gegen 17:30h im Laden beim Putzen half. Dies sorgte für erheblichen Ärger, denn das machte kein Metzgerlehrling, das war „Weiberarbeit“ und war ich der Meinung, das müsste Liane machen.

Das Jahr 1977 war auf jeden Fall ein sehr spannendes und ereignisreiches. Zuerst begann für mich endlich das 3. und letzte Lehrjahr und am 02. September wurde meine Schwester Kathrin geboren. Auch wenn das mehr Arbeit im Betrieb für mich bedeutete, Kathrin KONNTE ein Engel sein und das entschädigte mich.
Dann, und es muss im September geschehen sein, passierte die Katastrophe. Wie immer war ich hoffnungslos übernächtigt und somit auch sehr unkonzentriert. Vater war im Laden und ich sollte in der Wurstküche im Keller, Fleisch auslösen. Was dann geschah, sehe ich heute noch glasklar vor meinen Augen, vom Beginn bis zum Ende, obwohl mehr als 40 Jahre seither vergangen sind.
Weil ich -wie fast immer- zu faul war um mein Auslösemesser „abzuziehen“ (schärfen) musste ich halt mehr Kraft aufwenden, um den Knochen vom Fleisch zu trennen. Beim Auslösen eines Schweineschlegels ist ganz unten am Schloßbein ein Knorpel. Normal kein Problem für ein scharfes Messer. Ich kam allerdings nicht durch und wandte ziemlich Kraft auf. Dann rutschte ich ab und rammte mir mit aller Kraft die 13cm lange Klinge des Messers in den rechten Oberschenkel.

Im nächsten Moment drehte ich das Messer 1x im Kreis, zog es raus und schleuderte es weg. (Was immer dir irgendwelche Schlaumeier erzählen, von wegen stecken lassen und so. Glaube mir, so cool ist niemand und du bist in diesem Moment nicht mehr Herr deiner Sinne!) Dann wusch ich mir die Hände und dachte mir: „Ich glaube jetzt hast du dich gestochen“.
Ich spürte ein Brennen, und irgendwie tat das Bein weh. Doch die Lackschürze verhinderte, dass das Blut nach außen drang. Erst als ich ein paar Schritte ging und mir das „knatschige“ Geräusch in den Gummistiefeln fremd vorkam, nahm ich die Schürze ab. Der Metzgermantel war vom Oberschenkel abwärts bis zum Fuß völlig mit Blut durchtränkt und als ich diesen auszog, schoss eine Fontäne aus meinem Bein wie aus einem C-Rohr der Feuerwehr.
Nur dass es kein Wasser war was da rauskam, sondern mein Blut. Inzwischen dürfte ich davon, der Sauerei nach zu urteilen die angerichtet hatte, schon ca. 2 Liter verloren haben und auch aus dem Stiefel schwappte es über. Mir wurde leicht schwindelig und es wurde mir schlagartig bewusst, dass ich das Problem nicht alleine lösen konnte und Hilfe brauchte.

Also bewegte ich mich aus der Wurstküche aber schaffte nur noch die 2 Stufen des ersten Absatzes. Die restlichen 10-15 Stufen waren nicht möglich. Ich lehnte mich an die Mauer und rief immer so laut ich noch konnte „Vati“. Doch der hörte verständlicherweise nichts im Laden. Irgendwann rief ich einmal „Hilfe“ und dann kam doch tatsächlich aus dem Anbau vom Gartenhaus ein „Zimmerherr“ (Oma vermietete einzelne Zimmer auf dem Anwesen) im Bademantel um die Ecke, sieht mich und dann sagt der Volltrottel: „Ich dachte mir schon warum du so schreist, aber du hast ja nach deinem Vater geschrien“. Grrrrrr!!!
Selbst dann musste ICH ihn anschreien, er soll endlich in den Laden und Vater zu Hilfe holen, was er dann auch tat. Diese Aussicht auf Hilfe gab mir soviel Mut und Kraft, dass ich die Hälfte der Stufen gehen konnte, bis endlich Vater rauskam und die Beiden mich in den Vorraum (inkl. Küche und Sitzgelegenheiten) vom Laden brachten. Dort setzten(!) sie mich auf einen Stuhl und ich war schon fast bewusstlos.

Doch dann erlaubte sich mein sonst so cooler Vater drei Dinge, die mich heute jedes Mal, wenn ich daran denke, laut zum Lachen bringen. Vater stand derart unter Schock, dass er zwar wusste was zu tun ist, nur die Umsetzung, die war spannend, wenn nicht gar schneidig!

Als erstes wollte er mein Bein abbinden, denn da sprudelte es munter weiter. Nur wollte er es mit einem Wurstbindfaden machen, mit dem die Aufschnittwürste abgebunden werden. Das ist ein dünner aber sehr widerstandfähiger Bindfaden, mit dem er mein Bein eher abgeschnitten statt abgebunden hätte. Ich nahm dann den Gürtel vom Bademantel des Zimmerherrn. Nur hatte ich keine Kraft mehr um es wirklich zu stoppen und der Typ verzog sich, weil ihm schlecht wurde.

Als zweites wollte Vati dann den Notarzt verständigen. Ist ja richtig. Nur rief er nicht bei der Feuerwehr an, sondern bei der Polizei. Und sagte dann ziemlich eindringlich: „Schnell, schnell da ist eine MESSERSTECHEREI in unserer Metzgerei“. Yooo ein paar Minuten später kamen vom „19er“ Revier zwei Streifenwagen und zumindest zwei Polizisten kamen mit gezückter Pistole in den Raum. Von da an wurde es professionell. Einer der beiden legte mich auf den Boden und zog den Gürtel richtig zu und der Andere -nehme ich an- verständigte per Funk den Notarzt. Dieser kam dann auch richtig zügig.

Als drittes kam Vater in den Sinn, den „Saustall“ in der Küche sauber machen zu lassen. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass er die ganze Zeit über im Laden weiterverkaufte, bzw. sich dort aufhielt und nicht bei mir war. Jedenfalls griff er wieder zum Telefon, rief Oma an und sagte wörtlich: „Kumm runter und wisch as Bluat zam“. Dann legte er auf. Oma selbst lange Zeit Metzgerfrau, dachte sich: Na ja die machten wohl Leber- und Blutwürste und dann wird halt ein Eimer Blut umgekippt sein. Sie nahm einen Kübel und ein Schrupper und kam von ihrer Wohnung über den Vordereingang ins Geschäft. Sie wunderte sich über den Notarzt- und Polizeiwagen mit Festbeleuchtung, aber dachte nicht wirklich an einen Verletzten.
Vater sagte NICHTS zu ihr, machte nur eine Handbewegung Richtung Vorraum und Oma betrat den Raum, mit Kopftuch, Schrupper und Eimer bewaffnet. Joa da standen dann 1 Polizist, und zwei Männer mit hochgehaltenen Plastikflaschen gebeugt über eine am Boden liegende Person. Das war natürlich ich. Blutverschmiert weil ich den kalten Schweiß aus meinem Gesicht haben wollte und mit den blutigen Händen übers Gesicht wischte.
Neugierig wie sie war drängte sie den Polizisten zur Seite und wollte sehen, wer da liegt. Sie blickte mir in meine halb geöffneten Augen und gab ein ziemlich langgezogenes „ Bääääääääda“ von sich. Und dann kippte sie um.

Wer jetzt denkt, von nun an lief das in geregelten Bahnen weiter, der sollte auf „Faulheit wird bestraft, Teil 2“ warten, denn aus meiner Sicht ging es Bäääda typisch ziemlich schräg weiter.


Also wie im Teil 1 beschrieben, meinte Oma sich ein bisschen auf den Boden legen zu müssen und zu schlafen. Klaro, dass mich der Notarzt links liegen lies und sich erstmal um Oma kümmerte. Als ich dann endlich auf der Trage lag, stellte der Notarzt fest, dass der Abtransport durch den Laden nicht möglich war. Man trug mich um das Haus und zerstörte dabei ein Blumenbeet. Oma machte mir dies später allen Ernstes zum Vorwurf. Mir hingegen war das alles völlig egal, denn ich war nur so entsetzlich müde. So müde, dass im Notarztwagen Wiederbelebungsmaßnahmen erfolgten, denn offensichtlich hatte sich mein Kreislauf ins Nirvana verabschiedet.

Nachdem ich wieder im Diesseits war, war ganz schnell Schluss mit der Freundschaft von Notarzt und mir. Der faselte nämlich etwas von „ich solle an etwas Tolles denken, wie z. B. den Sieg des FC Bayern München am Wochenende“, grrrrr!

Das Unfallkrankenhaus Rinecker am Isarkanal in Thalkirchen gelegen, hatte 1977 keinen guten Ruf und das -aus meiner Sicht- völlig zu Recht. Angekommen, gab es gleich mal ein Kompetenzgerangel zwischen dem Notarzt und dem „Erstaufnahmearzt“. Denn nach Abnahme des Pressverbandes, sprudelte mein Blut nicht mehr heraus, sondern es kam nur noch ein kleines Rinnsal hervor.
Der Ambulanzarzt vertrat im Gegensatz zum Notarzt die Meinung, dass es sich nicht um eine Arterienverletzung handelte. Er setzte sich durch und das sollte fatale Folgen haben. Mit einem (von Oberschenkelanfang bis zum Knie) schicken, stramm angebrachten Pressverband kam ich auf Station und hatte erstmal Schmerzen. Mehrfach verlangte ich immer noch mehr Schmerzmittel und konnte mir dann von einer Schwester anhören, dass die größten und stärksten Männer immer richtige Weicheier sind. Aber verdammt noch mal, es tat verflucht weh!

Gegen 18:30h kam Vater zu Besuch. Inzwischen von dem Schock erholt, war er wie immer in solchen Situationen, rau aber herzlich. Er betrachtete das gut eingewickelte, in einem schräg nach oben verlaufenden Gestell befindliche, Bein mit Besorgnis und fragte nach meinem Befinden. Ich klagte über die grausamen Schmerzen UND Schwestern und sagte, dass Schmerzmittel nicht helfen.
Vater fragte mich ob ich denke, dass die Schmerzen ein „Stichschmerz“ oder eher etwas anderes sind. Als meine Antwort war, dass etwas im Bein zerplatzt, kam eine typische „Vati-Reaktion“. Er fing an den Verband zu lösen um nachzusehen was da vorging. Nach kurzer Zeit war mein Knie freigelegt und das so etwas absonderlich aus. Es war ein paar Zentimeter höher als sonst und hatte ein blau/lila Verfärbung.

Yooo dann ging der Punk ab! Vater, ein ca. 180cm hoher, kräftig gebauter Mann, mutierte in Sekunden zum wütenden Grizzly Bär. Er stürmte auf den Gang, knurrte eine Schwester an wo hier ein Arzt sei und kam kurz darauf mit einem „Weißkittel“ wieder ins Zimmer. Diesen armen Mann hatte er im Nacken an seinem Mantelkragen gepackt und schleifte ihn vor mein Bett und stellte ihn wie ein Raubtier seine Beute dort ab. Dann wiederholte er dreimal in einem lauten, aggressiven Tonfall die Worte: „Schau dir des an. Is des normal, sag“?
Es war natürlich nicht normal und der Arzt vergaß wegen dem was er sah schlagartig den schon fast tätlichen Angriff, wurde kreidebleich, rief der Schwester sie solle SOFORT den Oberarzt herbeiholen. Dieser war schnell zur Stelle, wurde ebenso kreidebleich und gab der Schwester die Anweisungen, sofort den Chefarzt der Chirurgie Dr. Danek zuhause zu verständigen und ihn in die Klinik zurückholen. Ebenso wies er an, dass ein Operationsaal für eine länger dauernde Notoperation vorbereitet werden sollte. Jetzt war klar, dass eine Hauptader verletzt war.
Ehe ich mich versah, lag ich auf dem OP-Tisch und es folgte die erste von insgesamt drei Operationen wegen meiner Stichverletzung. Mit absteigender Zeitdauer. Die 1. 5,5Stunden, die 2. 4,5 Stunden und die 3. 2 Stunden allerdings 1980 in einem BW Krankenhaus. Die Details erspare ich mir jetzt, nur soviel: Die 13cm tiefe Wunde wurde auf 13cm breit erweitert. Es wurde septisch (eitrig), deshalb wurde auf der rechten Seite ein ca 7cm langer Schnitt hinzugefügt und ein Tunnel zur Hauptwunde geschaffen. 1980 wurde diese Stelle nach korrigiert.

Endlich in „meinem“ Zimmer angekommen, es war ein Dreibettraum, allerdings wurde das erste Bett für „Spezialfälle“ nur immer temporär belegt. Am Fenster lag ein ca. 50jähriger Mann der Ludwig genannt „Luggi“ und in die Mitte kam ich. Luggi war ein super Typ, der echt Pech mit seiner Verletzung, einem offenen Schienbeinbruch, hatte und schon ziemlich genau 6 Monate im Rinecker lag.
Ab jetzt wurde es zünftig, allerdings noch nicht sofort, denn mein Bein lag ziemlich steif in dieser schrägen Ebene und ich hatte logischerweise strikte Bettruhe. Es gab nur das Problem mit dem Gang zur Toilette. Fürs kleine Geschäft hatte ich ja die „Ente“, doch ich erklärte eindeutig und unmissverständlich, dass ich die größere Aktion definitiv nicht auf einer Blechschüssel verrichten werde. Es kam wie es kommen musste. Nach 7 Tage Verweigerung kam die Ansage entweder Schüssel oder Einlauf.
Jetzt war Plan B gefragt und der war ganz simpel: Luggi leihte mir seine Krücken und so bewaffnet marschierte ich auf die Toilette. Dieses Gefühl der Erleichterung war der Wahnsinn. Nicht bedacht hatte ich, dass selbst ein gut trainierter, starker 17-jähriger, nach zwei großen Operationen und etlichen Tagen Bettruhe weder Kraft noch einen stabilen Kreislauf hatte. Beim Rückweg merkte ich schon beim Hände waschen, dass das Karussell im Kopf immer schneller wurde. Doch wie häufig in meinem Leben, half mir der Zufall. Just als ich die Toilette verlies öffnete sich zu meiner Linken die Zimmertür und herein kam die Schwester mit einem Tablett, voll mit dem Mittagessen. Wir blickten uns ziemlich verblüfft in die Augen und ich sagte zu ihr: „Mir ist schwindelig“. Dann ließ ich die Krücken los und fiel senkrecht in ihre Richtung. Geistesgegenwärtig ließ sie das Tablett fallen und nahm mich, laut um Hilfe schreiend, in ihre Arme.

Wie ich ins Bett kam und das Bein wieder ins Gestell, das weiß ich nicht, denn ich träumte einen süßen Traum. Als ich aufwachte stand der Stationsarzt am Bettende und wollte wohl gerade zu einer Strafpredigt ansetzen, als ich ihm grinsend mitteilte, dass er sich den Einlauf sparen könne, ich hatte Stuhlgang.
Die nächsten 5 Wochen waren der absolute Wahnsinn in diesem Krankenhaus. Sex, drugs and Rock’n Roll! Zuerst etwas zu dem „Spezialbett“. Einmal hatten wir einen ca. 40-jährigen Mann in einem kleinen Gitterbett. Dieser Mann hatte eigentlich keine organische Krankheit, sondern hatte schlicht und ergreifend keinen Lebenswillen mehr. Das war damals extrem schockierend für mich, heute kann ich das nachvollziehen. Er wog nur noch ca. 43 Kilo und verstarb noch während meiner Zeit in der Klinik.
Ein anderer Mann war alkoholkrank im letzten Stadium. Er bekam tatsächlich jeden Tag einen Kasten Bier ans Bett gestellt. Nun Luggi und ich unterstützten ihn tatkräftig bei der Vernichtung des Bieres, schließlich brachte Vati öfters Wurstwaren vorbei. Und was ist eine g‘scheide Brotzeit ohne Bier. Das Problem mit dem Typen waren seine Halluzinationen. Yooo, da war action angesagt! Doch eines Nacht wurde es zu viel. Ich im Tiefschlaf, er im Kampf gegen Spinnen, welche vom Nachbarzimmer oben über die Decke in unser Zimmer kamen.
Warum er plötzlich meinte mein Hals sei auch eine Spinne, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls rettete mich Luggi mit einem gezielten Schlag seiner Krücke auf den Kopf des Spinnenvernichters. Das war das Ende vom Alkoholmann in unserem Zimmer, leider auch mit dem Freibier.

Sex, drugs & Rock’n Roll deshalb, weil selbst im Krankenhaus die sexuelle Revolution 1977 noch voll im Gange war und im 5. Stock fröhliche Ringelpiz Partys mit anfassen gespielt wurden. Yep das war der schnellste Weg zur Gesundung. Aber davon abgesehen muss ich als 17jähriger ein schnieker Bursche gewesen sein. Eines Tages kommt Frau R. ca. 30 Jahre alt zu Besuch von Luggi, dessen Nichte sie war. Frau R. war eine verheiratete Frau und zudem eine Kundin von uns.
Sie war überrascht mich zu sehen und als Luggi zum Baden musste, blieb sie noch etwas und sah sich mein Bein an, erkundigte sich was geschehen sei, lies sich die Position der Einstiegstelle zeigen und greift mir zwischen die Beine und sagt: „Nur gut, dass du nicht da getroffen hast“. Hätte mein Gesicht nicht im Spiegel sehen mögen. Jedenfalls hat sie noch 2X im Geschäft bestellt und es sich von mir nach Hause liefern lassen.

Doch das war nicht die einzige Überraschung. Urplötzlich geht die Türe auf und eine weitere Kundschaft mit Tochter kam mich besuchen. Die frühreife 13-jährige Evi B. und ihre noch sexier aussehende Mutter standen vor mir und meinten sie hätten mich nicht mehr gesehen und sich deshalb bei Vater erkundigt. Joa nach der Entlassung kam Evi zu mir ins Gartenhaus und ich besuchte dafür die Mutter und hatte als Alibi den Schäferhund einer älteren Frau, die gegenüber der Familie B. wohnte und den ich spazieren führte. So konnte ich ein Zeichen erhalten, wenn Madame B. Wert auf Gesellschaft legte.

Das Beste im Rinecker waren jedoch meine nächtlichen Ausflüge zum Wienerwald kurz vor Auffahrt zum Greiner(?) Berg. Der Laden hatte bis 0100h auf und kein Problem zwei Spinner in Nachtkleidung mit übergezogenen Jacken zu bewirtschaften. Der Andere war ein etwa 40-jähriger Mann mit einem zersplitterten Ellenbogen. So saßen wir dort, schimpften auf Gott und die Welt und ließen die Maßen in unsere Kehlen rinnen. Sturzbetrunken machten wir uns dann auf den Weg zurück und gelangten über die Notarzt Zufahrt in das verschlossene Haus. Einmal lag tatsächlich einer auf der Trage und wurde behandelt. Der Kollege, dessen Namen ich nicht mal mehr ansatzweise weiß, sagte ganz cool „Guten Abend“ und wir gingen am völlig verblüfften Ambulanzarzt vorbei. Der dachte bestimmt an eine Fata Morgana und nicht an 2 betrunkene Patienten.

Nur leider habe ich es vermasselt und das kam so. Wir waren wieder auf Tour, meine Entlassung war nicht mehr weit und es war leicht glatt. Beim Rückweg rutschte ich aus und knallte derart heftig auf den Boden, dass ich allein nicht mehr gehen konnte und sogar dachte die Wunde sei aufgeplatzt. Klar half mir mein Mitstreiter und stützte mich beim Weg durchs Treppenhaus, der Aufzug war nicht möglich, sonst hätten wir am Schwesternzimmer vorbei gemusst.
Nachdem er mich an der Zimmertür abgeliefert hatte, dachte ich er geht wieder zurück, runter und im Mittelaufgang wieder hoch. Doch er war wohl zu betrunken und müde. Er begab sich in tiefste Gangart und wollte am Schwesternzimmer vorbei robben. Doch die bemerkten es und es gab einen riesen Heckmeck, der mit der Entlassung des armen Mannes endete. Doch damals hatten die Kerle noch Charakter und er hielt durch und verpfiff mich nicht.
Kurz darauf wurde ich nach 7 Wochen, 2 Operationen, unzähligen Quälereien (Dr. Danek war ohne Spaß ein Sadist!) und noch mehr Blutabnahmen und Spritzen nach Hause. Es dürfte wohl Mitte-Ende November gewesen sein und als nächstes folgt der letzte Teil des 4. Kapitel und dabei handelt es sich um eine Geschichte, mit eine der für mich traurigsten und grausamsten Erfahrungen in meinem Leben.


Leicht hatte es mein Lehrmeister nicht gerade mit mir. Zuerst die langwierige Geschichte mit dem Arm, dann noch länger dauernd das Bein. Und ganz dunkel erinnere ich mich an etwas mit Nachholen der Zwischenprüfung, also auch wieder Stress. Oder die Berufsgenossenschaft wegen der Stechschutzschürze, die mir mein Lehrmeister zur Verfügung hätte stellen müssen. Natürlich war nach dem Unfall eine vorhanden. Meine Begründung wie ich mich dennoch stechen konnte, war mehr als abenteuerlich.
Doch das eigentliche Problem war der Konflikt zwischen Vater und mir. Auf der einen Seite hatte sich Liane (aus heutiger Sicht ist mir das nicht erklärbar) zu meinem Feindbild entwickelt. Möglicherweise weil ich sie nicht nur als Stiefmutter betrachtete, sondern als Metzgereiangestellte, die den -mir verhassten- „Ladendienst“ nicht so ausfüllte, wie ICH es gerne gehabt hätte.

Zudem bearbeitete ich Oma ziemlich massiv, ein neues Testament zu verfassen. Oma, so glaube ich, mochte mich trotz aller Auseinandersetzungen und Streitigkeiten, die wir hatten, sehr, sehr gerne. Einmal warf sie mich tatsächlich aus dem Haus oder ich sagte in der Wut zu ihr: „Dann schlafe ich halt unter einer Isarbrücke“. Ich verbrachte einige Tage bei Rainer E. und wenn ich mich recht erinnere, veranlasste sie sogar meinen Bruder Otto dazu, nach mir zu suchen.
Jedenfalls änderte sie tatsächlich das Testament so, dass nach ihrem Tod Vater nur ein besserer Verwalter gewesen wäre und keines der Grundstücke hätte veräußern können. Der gesamte Erbanteil von Vater wäre dann an die Enkel von Oma vererbt worden. Dass es anders kam ist unerheblich, auf alle Fälle trug dies (verständlicherweise) nicht zu einem besseren Verhältnis zwischen Vater und mir bei. Aber natürlich war jetzt Oma auch noch in diese Auseinandersetzung involviert.

Auf der anderen Seite wurden die Spannungen aufgrund meiner nächtlichen Eskapaden immer heftiger. Denn häufig wachte ich morgens einfach nicht mehr auf, um Vater in den Schlachthof zu begleiten oder in der Wurstküche zu arbeiten. Anfangs versuchte Vater mich lautstark zum aufstehen zu bewegen, doch dann resignierte er. Die verbalen Auseinandersetzungen wurden immer schlimmer und ich möchte sagen es war schon nahezu Feindschaft zwischen uns. Noch heute sehe ich diese unglaubliche Enttäuschung im Gesicht meines Vaters und das schmerzt schon enorm.
Klar war er als Lehrmeister völlig im Recht, doch wie gesagt der Konflikt hatte andere Ursachen und heute denke ich -und das ist keinesfalls als Entschuldigung meines Verhaltens zu sehen- es waren einfach die Auswirkungen der Ereignisse seit dem Tod von Wiggerl. It was just too much!

Eines Tages eskalierte die Sache. Wir standen in der Wurstküche und gifteten uns an. Nicht lautstark, sondern mit scharfen, bösen Worten. Ich weiß nicht mehr was das auslösende Moment war, jedenfalls standen wir uns beide plötzlich auf einem Meter Abstand gegenüber und wir beide hielten ein Auslösemesser in der Hand. Die Entscheidung war eine Sache von Sekundenbruchteilen, doch glücklicherweise drehte sich Vater um und begab sich in den Laden.
Von diesem Moment an, sprachen wir über ein Jahr kein Wort mehr miteinander, obwohl wir uns nahezu täglich begegneten. Wenn wir uns im Garten oder vor dem Laden sahen, war eine unglaubliche Kälte zu spüren und natürlich vergiftete das auch die Atmosphäre bei den anderen Familienmitgliedern. Besonders Oma war arg betroffen und versuchte häufig mich in meinem Zimmer davon zu überzeugen, dass ich mich versöhnen soll. Stellte mir aber auch z. B: ihre Waschmaschine zur Verfügung und gab mir Geld, denn natürlich war meine Lehre schlagartig beendet und der Geldfluss gestoppt. Nichts desto trotz legte ich die Gesellenprüfung ab und fing am 01.09.1978 bei der Firma Tengelmann als Metzger an.

Die Versöhnung begann anlässlich des 2. Geburtstages am 02.09.1979 meiner Schwester Kathrin. Ich hatte für sie eine Winterjacke gekauft und Oma gebeten, diese weiter zu geben. Daraufhin wurde ich zum Kaffee oder Abendessen, so genau weiß ich das nicht mehr, eingeladen und es begann langsam eine Annäherung.
Wenn man „mein“ Gartenhaus betrat, war über der Türe ein Bild mit einer Frau und einem Mann in würdevoller Darbietung angebracht. Am unteren Ende des Bildes stand der Spruch: „Kind, wenn du noch Eltern hast, so halte sie hoch in Ehren“.
Keine Ahnung ob junge Menschen diese Erinnerungen lesen, doch sollte dies der Fall sein, dann nehmt den Rat von einem alten Mann an: Lasst es niemals so weit kommen, wie ich es mit meinem Vater tat. Es verfolgt dich dein ganzes Leben lang, denn wenn man ein Band zerschneidet, kann man es zwar wieder zusammenbinden, doch es bleibt ein Knoten.
Du weißt nicht wieviel Zeit dir mit deinen Liebsten gegeben ist und hätte ich 1978 auch nur annähernd geahnt wie meine Lebensgeschichte fort geschrieben wird, wer weiß ob ich mich nicht etwas beherrscht hätte.

Ebenso kann es sein, dass diese Auseinandersetzungen das Immunsystem meines Vaters geschwächt hat und er später nicht mehr die Kraft hatte „seinen“ Krebs zu besiegen. Ohne dem Jahr 2019 vorgreifen zu wollen, kann ich aus eigener Erfahrung (wie die meisten meiner Leser ohnehin wissen) sagen, dass mir die psychische Verfassung UND die Unterstützung von Familie und Freunden sehr geholfen haben, um mit der Diagnose „Dickdarmkrebs“ fertig zu werden und die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Ob diese richtig oder falsch waren, wird sich zeigen, doch es war einfach die Kraft zu kämpfen vorhanden.
Also alle die, die im Gegensatz zu mir noch Eltern haben, versucht ein bisschen respektvoll mit ihnen umzugehen. Und ab jetzt starte ich mit Kapitel 5 „Die große Freiheit, oder auch nicht!“