Peter Alexander Christerer Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.

Meine Erinnerungen an ein erfülltes und oftmals spannendes Leben

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Kapitel: 1 - 1960-70 2 - 1971-72 3 - 1973-75 4 - 1975-78 5 - 1978-84 6 - 1984-96 7 - 1996-2004 8 - xx-xx 9 - xx-xx 10 - xx-xx

Kapitel 3 school's out for ever 1973 - 1975 Alle als ---> mp3

Die neue Frau
Der arme Max
Max und die Magie (Gastbeitrag)
Frösche fangen
Freizeitheim Fürstenried West
Der Abenteuerspielplatz
Hohenwart
Urlaub 1974
Religionslehrer Brummer
Rudolf Schrott
Schulende
#K03-01 - Die neue Fraump3

Um das Leben zu beschreiben, genügen drei Worte: „Es geht weiter“. Ja es ging weiter, obwohl ich das Gefühl hatte, dass unter mir kein Boden mehr existiert. Der Absturz erfolgte rapide. Ich wurde zu einem üblen Raufbold und eigentlich von niemanden mehr zu kontrollieren. Mein Vater musste von früh bis spät in seinem Geschäft arbeiten, mein Bruder Otto war schon 19 Jahre alt, mit anderen Dingen beschäftigt und sonst war niemand mehr zugegen.

Sogar ein Schulpsychologe wurde bemüht, als ich wieder einmal einen Klassenkameraden verprügelte und dabei eine riesige Fensterscheibe zu Bruch ging. Meine Freizeit verbrachte ich meist mit üblen Gestalten im Freizeitheim Fürstenried und wurde dort geschult, was Drogenhandel, Schlägereien, Ladendiebstahl und andere kriminelle Handlungen anging. Mir fiel eigentlich gar nicht auf, dass mein Vater zu der Zeit manchmal nach dem Geschäft gar nicht heimkam oder häufig heimkam, sich umzog und wieder länger fortging.

Mein Vater war bestimmt ebenso traumatisiert nach all diesen schrecklichen Ereignissen, wie auch mein Bruder und ich. Doch für mich war das nicht so schlimm, wenn er nicht da war, da konnte ich (12-13 Jahre alt!) nachts an Aktionen wie „das grüne Manderl“ oder Freizeitheimpartys teilnehmen. Diese endeten jedoch oft so, dass die „Großen“ mich als „Benjamin“ vorschickten, um einen Gast einer anderen Gang zu provozieren. Dieser ließ sich das verständlicherweise nicht gefallen und so bekam ich in der Regel doch noch etwas ab, bevor mir geholfen wurde.


Irgendwann wurden die „Ausflüge“ meines Vaters klar für mich. Er hatte eine neue Frau kennengelernt. Liane A. geschieden mit einem 3 Jahre alten Sohn. Und so kam es, dass bereits im August 1973 Hochzeit gefeiert wurde. Ob mein Vater das so forcierte, weil er erkannte, dass ich unweigerlich auf dem absteigenden Ast war oder warum auch immer, das habe ich nie erfahren. Jedenfalls war zumindest „Schrott“ Oma sehr dagegen.

Jedenfalls hatte ich dann eine Stiefmutter und einen Stiefbruder. Allerdings beging mein Vater einen schweren Fehler! Er wollte mich zwingen zu Liane „Mutti“ oder Mutter zu sagen. Für mich war das undenkbar und nur mit größten Widerwillen sagte ich dann notgedrungen „Mama“ zu ihr.
Heute denke ich, dass sich das Verhältnis zwischen mir und Liane wesentlich besser entwickelt hätte und auch dieser entsetzliche Streit (kommt später als eigener Beitrag) zwischen meinem Vater und mir nicht so hart geworden wäre.

Heute sage ich, dass Liane das Beste war, was mir passieren konnte. Ohne sie und ihre sehr kluge und vorsichtige Erziehung hätte ich den Absprung nicht mehr geschafft und hätte wohl dieselbe „Karriere“ wie einige der kriminellsten Fürstenrieder eingeschlagen. Schade, dass auch hier mein bereits zitierter Spruch
Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Doch leben muss man es vorwärts. “ voll zutrifft. Liane hätte in den ersten Jahren unserer Bekanntschaft viel mehr Respekt verdient.


Wie gesagt, es kam nicht nur eine neue Frau ins Haus, sondern mit im Boot befand sich auch noch ein dreijähriger Junge namens Maximilian, „da Maxi“. Nun, mir passte, auf dem Weg zum Vorstadtgangster, Max so gar nicht in den Kram.
Es war schon schlimm genug, dass mit Liane eine Aufsichtsperson permanent installiert wurde. Aber auch noch so ein Zwerg, der mich möglicherweise verpfeifen würde, das ging ja wohl gar nicht.

Schließlich begann ich gerade zu rauchen und manchmal nicht nur Zigaretten. Vater -obwohl selbst Raucher- verstand in dieser Sache bei mir keinen Spaß und wurde so richtig wütend, wenn er mich erwischte. Dazu ein kleiner Abstecher, weil es einfach nur witzig (im Nachhinein) war.
Mein Bruder Otto rauchte auch, nur leider wechselte der seine Marken, wie andere Leute ihre Unterwäsche. Lediglich an die Marke „Le Mans“ kann ich mich noch erinnern, während ich eigentlich Rothändle ohne Filter bevorzugte. Ich musste mich aber anpassen, denn sollten bei mir im Zimmer Zigaretten entdeckt werden, konnte ich auf Otto verweisen.

Otto mit seinen 20 Jahren war nahezu jeden Abend unterwegs. Ich ging in sein Zimmer, setzte mich auf sein Bett, zog die fetten Kopfhörer über, dröhnte mir die Ohren mit heftigen Hardrock zu und dann hieß es die Pobacken zukneifen und den Lungentorpedo reinziehen, bis es dir schwindlig wird.
Bei all meiner Klugheit machte ich an einem schönen, warmen Sommertag einen schweren Fehler. Prozedur wie oben beschrieben, Fenster weit geöffnet damit der Rauch nicht in die Wohnung zieht, und fleißig Luftgitarre spielen.
Urplötzlich stand, ohne dass ich es bemerkte, Vater mit in die Hüften gestemmten Fäusten hinter mir und brüllte rum. Der Schreck fuhr mir von der damals noch vorhandenen Haarpracht, bis in das entfernteste Hühnerauge. Warum ich aufflog? Ganz einfach, ich habe den Wind nicht mit ins Kalkül genommen.

Kräftig blies ich den Rauch aus Ottos Fenster, dieser machte die Biege in Form einer schönen Kurve und zog wie eine dicke Nebelschwade in das daneben liegende Wohnzimmer wieder ein. Ein Blick aus dem Fenster zeigte meinem Vater die Quelle des übelriechenden Nebels und er dürfte auch überrascht gewesen sein, denn schließlich war Otto ja gar nicht zuhause. Okay, das war das Ende mit cooler Musik, Luftgitarre und der Gute Nacht Zigarette in Ottos Zimmer.

Zurück zu Max. Also die Befürchtung, dass Max mich verpfeifen könnte war groß, denn Freitagnachmittag war ich mit ihm allein, Liane musste im Geschäft mithelfen. Manchmal hatte ich Besuch, doch meistens wollte ich raus und ins Freizeitheim. Bei der Fürsorge von Liane und Vater wäre ein Tsunami über mich hereingebrochen, wenn die erfahren hätten, dass ich Max ohne Aufsicht in der Wohnung lies.
Ich sperrte Max mit seinen 3, 4 Jahren in sein Zimmer und machte ihm klar, dass Verrat nicht geduldet wird. Ohne noch genaue Erinnerungen zu haben wie das ablief, kann ich mir lebhaft vorstellen, dass ich ganz bestimmt nicht zimperlich in der Wahl der Mittel war, um ihn einzuschüchtern.
Heute tut mir das zutiefst leid, denn wenn es einen komplett Unschuldigen an den damaligen Ereignissen und Entwicklungen gab, dann war das Max. Ebenso weiß ich nicht mehr wie lange das so ging, es ist für mich echt erstaunlich wie viele Lücken in meinem Gedächtnis in der Zeit nach dem Tod meiner Mutter bis zum Beginn meiner Lehrzeit sind. Darkness there and nothing more!

Und da ich seit Kurzem von Max weiß, dass er meine Erinnerung liest UND hört und diese ihm nach seiner schriftlichen (grins, grins) Aussage sogar gefallen, sage ich auf diesem Weg für meine Übeltaten aus tiefstem Herzen: Sorry for that!


Vorwort
Der nachfolgende Text stammt nicht von mir, sondern von Max, denn ich habe keinerlei Erinnerung mehr an diese obskuren Vorgänge. Und mal ganz ehrlich: Würde MIR irgendjemand derartige Boshaftigkeiten zutrauen. Na also, ich auch nicht!
Aber da Max ein ehrlicher, grundsolider Mann ist, will ich mal meine Zweifel beiseite stellen und auf seine Erinnerungen vertrauen und wünsche euch viel Spaß beim Lesen von „Max und die Magie“.

Gott sei Dank bin ich nicht nachtragend und lebensbejahend. Das muss man auch sein, wenn man unfreiwillig in eine Familie eingeheiratet wird, dessen „Jüngster“ Spross der Fürstenrieder Unterwelt angehört. Aber Peter hatte und hat auch seine guten Seiten.
Sehr beeindruckt hat er mich als vierjähriger Knirps mit seinen Zauberkunststücken. Da war der Trick mit den Münzen. Er rieb vor versammelter Familie ein 10 Pfenning Stück am Körper. Auf magische Weise verschwand es. Und noch faszinierender war, dass es anderen Orts auftauchte. Völlig verblüfft forderte ich eine Zugabe. Nachdem er den Zauber ein drittes Mal wiederholt hatte, funktionierte er nicht mehr. Peter meinte, dass dieser Trick sehr anstrengend ist und seine Kraft nur für drei Vorführungen reicht.

Sein größter und für mich wertvollster Trick war der mit Schokolade. Wir wohnten damals im Erdgeschoß, aber eigentlich war es Hochparterre. Somit hatten wir keine Terrasse, sondern einen Balkon. Auf diesem zeigte mir Peter den Trick mit dem magischen Eimer an der Schnur. Er hat einen Eimer an eine Schnur gebunden und diesem unter beschwörendem Gemurmel die Brüstung heruntergelassen. Als er den Eimer wieder nach oben zog, lag eine Tafel Schokolade im Eimer. Welch ein Wahnsinn! Natürlich wollte ich dass Peter ihn wiederholt. Dabei schaute ich genau hin, was unten mit dem Eimer geschah, konnte jedoch nichts Verdächtiges entdecken. Auch diesmal konnte Peter nur Kraft für drei Schokoladentafeln aufbringen.
Außerdem bezeichnete er mich als Vielfraß, als ich eine vierte Schokoladentafel forderte. Als jedoch nach 3 Minuten Herbert Lohmeier klingelte, war mir klar, dass hier Herbert-Magie am Werk gewesen war. Zu meiner Ernüchterung hielt mir Peter dann vor Herbert einen Vortrag über soziales Verhalten und dass es großes Unglück bringt, wenn man solche magischen Geschenke nicht teilt. Somit gab es für mich doch „nur“ eine Tafel meines damaligen und - ja Peter - auch heutigen Lieblingsnahrungsmittels.

Mit Speck fängt man Mäuse und den kleinen Maxi mit Schokolade. Es war an einem schönen Tag im April 1977. Mir war nicht klar, dass es der erste April war und die Sitten und Gebräuche waren mir als wahrheitsliebenden und gutgläubigen Menschen um dieses Datum fremd. Peter kam auf mich zu und meinte, er hätte gerade die Schrott Oma vom Einkaufen kommen sehen und er soll mir ausrichten, dass ich mir bei ihr IM ZWEITEN STOCK – mir war es bis dato unbegreiflich, wie man vom Garten in den zweiten Stock kommt, ohne im ersten Stock eine Rast einzulegen – eine Tafel Schokolade abholen darf.
In rekordverdächtigen zwei Minuten stürzte ich hinauf und war umso verwunderter, als Oma sagte, sie wäre noch nicht beim Einkaufen gewesen und Schokolade habe Sie auch keine. Wutentbrannt rannte ich in einer ähnlichen Zeit zurück zu Peter. Lachend entschuldigte er sich und versicherte mir, dass ich in dem von mir verhassten und gruseligem dunklem Keller von Oma eine Tafel finden würde. Natürlich war auch dort keine. Voller Hass und sehr lautstark kehrte ich zu Peter zurück, der mich – Achtung Regelmäßigkeit – ein drittes Mal zur Schokolade schickte. Dieses Mal zu seinem Kühlschrank im Gartenhaus. Dort befand sich logischer Weise ebenfalls keine Schokolade.

Das Wort HASS, traf den Gefühlszustand von mir gegenüber Peter nicht mehr im Geringsten. Ich tobte herum, da war dagegen das damals wohlbekannte HB-Männchen ein mit Valium betäubter Komapatient. Und das in einer Lautstärke, die die damaligen Sirenenübungen spielend übertraf. Ich hörte mich damals Dinge sagen wie: „Obgstocha kehrst“ Die bayerische Kurzform von: „Hoffentlich kommt mal einer mit einem Messer, der Dich von oben bis unten aufschlitzt.“ Damals war mir allerdings die Bedeutung dieses Satzes unbekannt. Das Wort „abstecha“ war, in Metzgerfamilien wie unserer, durchaus gebräuchlich. Ja, sorry Peter, das war im Affekt und eigentlich nicht so gemeint. Vielleicht hätte ich diesen Wunsch NICHT in mein Gute Nacht Gebet einschließen sollen. Aber wer kann denn ahnen, dass ein Messer später noch eine erhebliche Bedeutung bekommen sollte.


Nun Geschichten über die Schule und darauf aufbauende Freizeiterlebnisse gäbe es ziemliche viele, doch das würde zu weit führen. Es gab durchaus spannende Ereignisse, wie z. B: die Schlossmauer vom Schloß Fürstenried mit ihrem verrückten Gärtner. Diese Mauer war ca 3 Meter hoch und wir erklommen sie mit Hilfe eines Baumes. Oben angekommen ärgerten wir nahezu täglich den Gärtner und seinen deutschen Schäferhund. Der Mann flippte derart aus, dass er u.a. das Blech oben mit einer klebrigen Flüssigkeit einstrich oder mit einer Mistgabel nach uns warf. Vor Schreck -denn das Ding flog beängstigend schnell in meine Richtung- fiel ich deswegen einmal von der Mauer und zog mir eine äußerst schmerzhafte Rippenprellung zu. Und es gab unzählige Vorkommnisse rund die Schloßmauer.

Buchfüllend wären auch die Storys rund um den Fürstenrieder Wald. Da kam es schon vor, dass der kranke Bauer die Strohhütte anzündete, während wir drinnen unsere ersten Feldversuche an Mädels durchführten. Ebenso schmerzt meine Backe immer noch von der Ohrfeige, die mir mein Vater gab, weil ich ihn wochenlang anlog nur um Peter S. nicht zu verraten, welcher mir mit einem Speer eine tiefe Fleischwunde in der Wade zugefügt hatte. Dass mein Bruder Otto es meinem Vater verraten hatte, wusste ich natürlich nicht.

Eine ganz besondere Marke aber stellte Mario G. dar. Als Sprössling einer Schausteller Familie kam er nur in unsere Schule, wenn Aktivitäten wie Frühlings- oder Oktoberfest in München stattfanden. Nachdem die Rangreihenfolge der Klasse zwischen ihm und mir geklärt war, wurde es richtig spaßig mit ihm und dem Schabernack den er veranstaltete.
Wie alle Schulklassen, hatten wir auch in unserer Klasse einige unangenehme Zicken, da ereilte uns eine geniale Idee. Mir war durch meine früheren nächtlichen Aktivitäten bekannt, dass im Teich des Münchner Waldfriedhofs ziemlich viel Getier lebte. Schließlich war ich dort oft genug mit Karli A. und Jackie U. nachts beim Fischen gewesen.

Also beschlossen Mario und ich, unseren lieben Mädchen in der Klasse kleine Geschenke in Form von Kröten und Fröschen zu machen. Zu diesem Zweck kam Mario morgens gegen 02:30h zu mir, ich hüpfte aus meinem Fenster im Erdgeschoß und wir zogen in den stockdunklen Friedhof. Ziemlich sicher wäre es hilfreich gewesen eine Taschenlampe zu benutzen. Doch leider Fehlanzeige! So stolperten wir blind wie die Maulwürfe, nur darauf bedacht nicht in den Teich zu fallen, rund um die Grünfläche. Wahrscheinlich lachten sich die Frösche halbtot über die zwei Tollpatsche, jedenfalls wir fingen Null Komma Nichts!

Heute bin ich auch nicht mehr so ganz überzeugt, ob es eine gute Idee gewesen wäre, unsere Beute in den Blusen bzw. unter den Röcken der Zickenterroristen zu platzieren. Hätte wahrscheinlich für Ärger gesorgt.

Der Ärger kam in anderer Form, aber nicht weniger heftig. Als wir zurückkamen und in die Tessiner Straße einbogen, war schlagartig Festbeleuchtung angesagt. Dafür sorgten zwei Streifenwagen und ein Sanitätsfahrzeug. Wer von der Familie mein Verschwinden mitbekommen hatte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls brach anscheind so was wie Panik aus, wohl auch wegen der nicht lange zurückliegenden, schrecklichen Ereignisse.
Nachdem alles geklärt war rückten die Offiziellen wieder ab, Mario war längst verschwunden und ich verstand schlagartig das nur in Bayern verbreitete 11. Gebot: „Du sollst dich nicht erwischen lassen!“ Die härteste Strafe war jedoch, dass ich bei den hochnotpeinlichen Kreuzverhören irgendwann verriet, dass eben Mario mit von der Partie war. Und was macht Liane? Riiiichtig, sie schleppt mich in den Maxhof wo Mario wohnte und petzte alles seiner Mutter. Peinlicher geht’s nicht!
Jedenfalls herrscht seither abgrundtiefe Feindschaft zwischen Fröschen, Kröten und mir.


Fürstenried West war damals ein kinderreicher Stadtteil und man versuchte der Jugend etwas zu bieten. Irgendwann in den 1960ern stellte man dann den Freizeittreff Fürstenried West zur Verfügung. Viel ist mir von den pädagogischen Angeboten nicht in Erinnerung geblieben. Die fanden zwar statt, aber mich interessierte entweder Kickern oder mit den „Großen“ rumhängen.

Wenn ich mich richtig erinnere hatten Jugendliche bis höchstens 17 Jahre Zutritt, obwohl die Volljährigkeit ab 18 erst 1975 eingeführt wurde. Am Samstag gab es öfters am Abend eine Party, natürlich eigentlich nicht für Kinder in meinem Alter. Ich begann mit 11 also kurz nach Wiggerls Tod dort häufiger aufzutauchen und meine „Paten“ sorgten schon dafür, dass die Heimleitung keinen Stress machte. Von diesen sind mir nur noch „Raspe“ und Günter mit dem Gerstenkorn in Erinnerung.

Das Freizeitheim stellte alles Mögliche dar, war aber sicher nicht pädagogisch wertvoll für die „harten“ Fürstenrieder Gangmitglieder. Im Gegenteil, dort wurde so ziemlich alles geplant was nicht unbedingt legal war, schön beschützt von Sozialpädagogen. Und es war alles vertreten. Vom dummen Schläger wie Richard „Ritschi“ S. der nur durch Brutalität überzeugen konnte, ansonsten eher ein Hänfling war, über Allroundkriminelle wie Karli und Jackie, hin zu hardcore dealern wie Tachi.
Aktualisierung am 30.05.2019:
Dank Herbert Bilder vom Freitzeitheim im Mai 2019. Viel geändert hat sich aber schon überhaupt nicht!
Und nicht zuletzt waren oft andere Banden wie die Blumenauer, die Aubinger, das Valley und einige andere mehr vertreten. Es wurden genauso oft Allianzen geschlossen, wie massive Schlägereien stattfanden. Hin und wieder wurde ich als Jüngster zu einem „hochrangigen“ Gang Mitglied der Konkurrenz geschickt um ihn „anzubohren“. Wenn der aggressiv wurde und mir eine „einschenkte“, kamen die „Alten“ Fürstenrieder wie Werner S., Bernhard G oder andere und halfen mir. Sofort war eine Riesenschlägerei im Gange. Schuld waren dann natürlich die anderen, weil sie den „Kleinen“ angegriffen hatten.

Es wurden aber auch lustige Aktionen veranstaltet, wie im nächsten Beitrag mit der Geschichte vom „Grünen Manderl“ kurz angerissen wird. Ein highlight war es für mich, auch mal in Discos wie das Atlantis (Schiff) in Gröbenzell oder das Forum in Germering mitgenommen zu werden. Als Fazit bleibt: Meist war es ganz okay, aber häufig auch kriminell im Freizeitheim Fürstenried.


Natürlich gehörte Anfang der 1970er im Sog der 68er Pazifisten und den Studentenunruhen neben vielen anderen Themen wie Vietnam (make love, not war), Emanzipation (freie Liebe für alle) auch wieder einmal (erste Ansätze gab es bereits seit 1920) die „antiautoritäre Erziehung“ zum neuen Zeitgeist.
Yooo schlaue Pädagogen oder andere Lebenskünstler dachten sich dann, die Grünfläche zwischen Waldfriedhof und Forst-Kasten-Allee eignet sich bestens für einen „Abenteuerspielplatz“ und schafften ein paar Holzbretter und anderes Material heran und die Kids durften sich frei entfalten.

Hahaha wir entfalteten uns, doch möglicherweise anders als sie die Verantwortlichen dachten. Ideal genau gegenüber vom Freizeitheim gelegen, allerdings keinerlei Aufsicht und er stand auch nachts zur Verfügung was weidlich genutzt wurde. Sodom und Gonorrhoe wie Else Kling sagen würde. Mit das Interessanteste für mich war jedoch, als ich feststellen musste, dass Karli A. nicht nur Mädels sondern auch Jungs für seine sexuellen Spielchen nutzte. Ziemlich krass für das -trotz sexueller Revolution - eher homophobe Bayern. Walter W. hieß sein Opfer, Opfer denn ich denke nicht, dass es ihm wirklich Spaß machte, aber viele Möglichkeiten hatte er nicht und er wollte einfach dazu gehören.
Auf Walter W. traf 100% zu was Ludwig Hirsch mal sang: „… Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf die Welt und der Sandmann streut ihnen Reisnägel in die Augen …“

Als Stützpunkt für unsere „Grüne Manderl“ Aktion war der Spielplatz allerdings optimal. Beim grünen Manderl handelte es sich um einen - im Nachhinein betrachtet sehr gefährlichen - Schabernack, der es in sich hatte. Basierend auf einer gruseligen Geisterbahnmaske mit langen weißen Haaren und einer riesigen Portion Kaltblütigkeit war der Zweck Passanten und später andere Gangs so riiiichtig zu erschrecken. Ideal war der Platz, weil wir die Vorgänge im Friedhof beobachten konnten und der Hauptstützpunkt, das Freizeitheim, einfach zu erreichen war.
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Manchmal war es dort so spannend, dass ich die Zeit vergas. Deshalb kam ich sogar zum WM Finale 1974 als Deutschland gegen Holland in München spielte nicht rechtzeitig nach Hause und verpasste das bis heute schnellste Finaltor einer Fußball WM. Nach 1,5 Minuten erzielten die Holländer per Foulelfmeter das 1:0. Mein Vater war stinksauer, dass ich zu spät kam und die Holländer führten. Glücklicherweise aus meiner Sicht gewannen die Deutschen am Ende 2:1 und die Welt war wieder in Ordnung.


In Hohenwart wohnte Tante Frieda, die Schwester meiner Mutter und meine Taufpatin, zusammen mit Onkel Walter und meinen Cousinen Gigi (Brigitte) und Moni, sowie meinen Cousins Rudi und Bernhard.
Ich weiß nicht mehr wie oft ich dort einen Teil der Sommerferien verbringen durfte, aber ein Aufenthalt ist mir gut in Erinnerung geblieben. Während Tante Frieda ein sehr warmherziger, gutmütiger Mensch war, hatte ich vor Onkel Walter ein kleinwenig „Angst“. Denn er führte ein strenges Regiment und war eher ein intellektueller Mensch, was auf mich nicht so sehr zutraf. Das alles aus Sicht eines Kindes, wie es sich wirklich gestaltete kann ich nicht beurteilen, dafür war ich zu weit weg.

Von jeher war ich mehr auf Rudi fixiert, obwohl ich die anderen drei gleichermaßen mochte. Aber Rudi entsprach am meisten meinem Naturell und hatte auch gute Kontakte zu Sepp Satzke der ganz in der Nähe, nur durch eine Straße getrennt, einen Bauernhof führte. Dazu unten mehr.

Das angrenzende Grundstück in Richtung Hauptstraße einschließlich Tankstelle, wurde von einer eher gewöhnungsbedürftigen Familie bewohnt. Soweit mir erinnerlich führten sie undurchsichtige, leicht verrückte Machenschaften aus, ich jedoch hatte ein Erlebnis der dritten Art mit diesen Leuten/Laden.

Eines Tages verspürte ich eine unheimliche Lust auf einen Negerkuss oder auch Mohrenkopf, so hieß es damals, beides Begriffe die heute meist nicht mehr verwendet werden. Jetzt heißt es politisch korrekt Schokokuss oder ironisch „Schaumkuss mit Migrationshintergrund“. Jedenfalls rannte ich zur Tankstelle, kaufte mir für 10 Pfennig so ein Teil und stopfte es in meiner bekannten Gier auf einmal in den Mund. Damals war die Lebensmittelindustrie noch weit entfernt davon, Süßigkeiten mit dem „Blub“ Effekt herzustellen.
Doch schon kurz nachdem meine Kiefer den Schokokuss zermalmt hatten, quirlte und prickelte es in meinem Mund, als hätte ich 3 Tütchen Brausepulver auf einmal rein geschüttet. Ich empfand das als außerordentlich suspekt und nach einer sehr kurzen Überlegungsphase, spuckte ich das Zeugs aus. Yep, zwischen Schaummasse und Schokoladenüberzug befand sich auch eine Handvoll Ameisen, welche das Teilchen von unten, durch die Oblate geentert hatten und ihren Zuckerbedarf stillen wollten.
Yooo das war das Ende der Liebe zu Schokoküssen und hatte den Vorteil, dass ich lernte bei derartigen Köstlichkeiten nicht mehr ganz so gierig zu sein.

Nun zum Bauer Satzke. Manchmal nahm mich Rudi in den frühen Abendstunden mit, wir saßen in der Stube und ich fand es einfach großartig. Meistens hatte ich als absolutes Stadtkind keine Ahnung, worüber sich Rudi und Sepp unterhielten. Ich mochte Sepp und auch Benno(?), den Hofhund, einen riesigen Neufundländer.
Ich denke Benno mochte mich auch, denn er legte sich hin und wieder zu meinen bzw. auf meine Füße und schlief dort. Das mochte ich weniger, denn a) hatte ich schon etwas Angst vor diesem Riesentier und b) vernahm ich bei der geringsten Bewegung meinerseits ein sehr tiefes, bedrohliches Brummen von unten, was mich augenblicklich zur absoluten Regungslosigkeit veranlasste.

Irgendwann bekam ich mit, dass der Sepp wohl Ärger mit Nachbarn oder wen auch immer hatte und diese Menschen ihn der wegen allem Möglichen, vielleicht sogar der Wilderei beschuldigten. So wurde ein Plan geschmiedet (ohne dass ich etwas mitbekommen habe) wie dieser Vorwurf ein für allemal aus der Welt geräumt werden konnte. Eines abends fragte mich Rudi, ob ich Lust hätte einen kleinen Ausflug auf dem Moped zu machen. Was für eine Frage?!? Mich verblüffte außerordentlich, dass Rudi ein Gerät zum Abfeuern irgendwelcher Krachmacher mitnahm und wir in ein Maisfeld nicht allzu weit vom Bauernhof fuhren.
Plötzlich blieb Rudi stehen, nahm das Ding und feuerte 2x in die Luft. Sofort verschwanden wir OHNE Licht und fuhren auf Umwegen zurück zum Bauernhof, aus der anderen Richtung kommend.

Klar gab es - wie gewünscht - wieder einen riesen Heckmeck und es wurden erneut Beschuldigungen gegen den Satzke Sepp vorgebracht. Doch das war wohl ein Eigentor. Denn Sepp hatte das beste Alibi überhaupt, er war zu dieser Zeit bei einer Stadtratssitzung (oder ähnlichem) und hatte genug honorige Zeugen. Was für ein Zufall aber auch ;-). Wie sich die Geschichte weiter entwickelte kann ich nicht sagen, für mich war es jedenfalls ein riiiichtig spannendes Abenteuer.


Verständlicherweise wollte Liane, die neue Gattin meines Vaters, nicht den Urlaub an dem selben Platz verbringen, wo wir jahrelang als Familie den Urlaub verbrachten und freundschaftliche Beziehungen zu den Wirtsleuten pflegten.

So kam es, dass wir in Mühlbach, nahe Zell am See in Österreich landeten. Für einen 14jährigen (wobei ich mir nicht sicher bin, ob es nicht sogar schon 1973 stattfand), meiner Kategorie alles andere als das Traumziel, denn Wanderungen etc. zählten nicht zu meiner bevorzugten Freizeitbeschäftigung.

Warum es trotzdem gar nicht soooo übel für mich war, hing in erster Linie an zwei Personen. Die erste war ein 15 jähriges Lehrmädchen in dieser Pension, deren Namen ich vergessen habe und an einem auch 15 jährigen Jungen mit Namen Manfred irgendwo aus Düsseldorf oder Umgebung.
Das Mädchen und so sehe ich es selbst heute noch, war eine Granate! Auf ihrer kleinen Stube zeigte sie mir deutlich, dass es verdammt viele Dinge gibt, die Jungs in meinem Alter noch nicht kannten und das obwohl mir ein Mädchenkörper nicht ganz unbekannt war. Dass es nicht zum Geschlechtsverkehr kam (Gott sei Dank, das wäre sicher peinlich für mich geworden), lag ausschließlich an ihr.
Doch wir schworen uns ewige Treue und würden das sicher im nächsten Urlaub fortsetzen, denn für mich war klar, dass dies ähnlich wie vorher Mondsee auf Jahre das Urlaubsziel der Familie sein würde. Und wir kamen tatsächlich 1 Jahr später wieder und die lady war auch noch da. Doch das Entsetzen packte mich, als ich sie sah! Sie hatte sich zu einem Germknödel (Hefeklos) entwickelt oder wie der bösartige Wiener sagen würde: „Wos für a blade Kuh“. Jedenfalls war es das mit großer Liebe und ewiger Treue, ich verzichtete freiwillig.

Manfred hingegen, das war eine andere Nummer. Was wir dort alles anstellten, das war schon Preis verdächtig und ohne, dass wir bei irgendetwas erwischt wurden. Das Erwähnenswerteste war allerdings, als mir Manfred vielleicht das Leben rettete, mich mindestens aber vor einer üblen Verletzung bewahrte und das kam so:
In unmittelbarer Nähe zum Hotel befand sich ein kleiner beschrankter Bahnübergang, der ein paarmal am Tag von Regionalbahnen frequentiert wurde. Auch ein „Bummelzug“ fuhr dort. Die ersten paar Waggons vom Bummelzug waren dem Personenverkehr vorbehalten und dann kamen einige meist leere Anhänger, also ohne Behälter darauf. Ob Manfred oder ich die Idee hatten, eben auf diese leeren Waggons auf zu springen und dann bis Mittersill (ca. 8km) mit zu fahren und auf demselben Weg wieder zurück zu kommen, weiß ich nicht mehr.

Natürlich drosselte der Zug trotz geschlossener Schranke seine Geschwindigkeit extrem und fuhr vielleicht noch 20km/h. Dennoch war es eine ziemliche Herausforderung und Manfred verstauchte sich einmal beim Abspringen den Fuß. Doch der Hammer war als wir - idiotischer Weise kopierten wir irgendwelche Westernfilme, wo die Schauspieler genauso aufsprangen, was aber eigentlich unsinnig ist - wieder einmal ganz flach direkt am Kiesbett genau an den Gleisen lagen und auf den Zug warteten.

Wie so oft konnte ich meine Ungeduld und Neugierde nicht bändigen und hob meinen Kopf, um nach dem Zug zu sehen, damit ich nur ja nicht das aufstehen und aufspringen verpasste. Genau in diesem Moment rauschte der Zug heran und was zumindest ich nicht vorher wusste war, dass bei den Personenwaggons ein Trittbett angebracht war und dieses ca 30cm über die Gleise ragte. Glücklicherweise erkannte Manfred die Gefahr und drückte meinen Kopf ziemlich rasch und massiv wieder ins Kiesbett. Keine 2 Sekunden später rauschte der Zug vorbei und ich bin mir sicher, dass dieser Aufprall an meinem Hals/Kopf nicht glimpflich abgegangen wäre.

Zumindest „verfeinerten“ wir dann unsere Technik und warteten stehend und begannen bereits zu laufen, wenn der Zug noch ein paar Meter entfernt war. Seither schmunzle ich immer, wenn ich einen alten Western mit der „liegenden“ Technik sehe.


In Bayern war selbst in den 1970er Jahren trotz Woodstock, 68er Generation, Emanzipation, freie Liebe usw. eines unumstößlich: An oberster Stelle steht ganz klar mit weitem Vorsprung die CSU, gefolgt von der katholischen Kirche und erst dann der TSV 1860 München, die Löwen halt.
Somit war es nur logisch, dass wir selbst in der 8. Schulklasse noch Religionsunterricht hatten. Doch dieser Lehrer war eine ganz besondere Marke. Er hieß Brummer und nach meiner Erinnerung war er wie ein Brummer -> groß, kräftig und stämmig. Trotz beginnender Liberalisierung der Lehrmethoden und erster Versuche von antiautoritärer Erziehung war Herr Brummer eher ein Verfechter von konservativem Unterricht: Die Schüler haben still zu sitzen, den Finger zu heben um was zu sagen und 1. Gebot der Lehrer hat immer recht!

Für mich galt es jetzt zwei schwierige Probleme zu lösen.
1. Mein Vater legte -obwohl selbst kein Kirchgänger - wie schon mehrfach erwähnt ziemlich viel Wert auf eine gute Note in Religion.
2. Alle Jungs und einige ganz besonders stark waren deutlich mehr an Biologie anstatt Religion interessiert. Insbesondere was die Erforschung des weiblichen Körpers anbelangte.
Doch noch viel mehr als auf nicht schwätzen legte dieser alte Mann (55-60J) wie ein Geier sein Augenmerk auf strikte körperliche Trennung von Jungs und Mädels. Nur zur Vervollständigung sei erwähnt, dass Herr Brummer die Jahre 1933-1945 nicht als so schlimm empfand, wie sie immer dargestellt wurden.

Dennoch wollte Herr Brummer beweisen, dass er ein moderner Lehrer ist und brachte hin und wieder einen alten Diaprojektor (1974!) und ein uraltes Tonbandgerät der Marke Uher mit in den Unterricht. Zum ersten funktionierte meistens die Synchronisation nicht, also z. B: zeigte das Dia ein Bild von -bei strahlendem Sonnenschein - badenden Menschen und das Tonband gab von sich: „Wie jedes Jahr im Winter“….. und zum zweiten waren es irgendwelche Bilder aus der Nazi Zeit oder Kirchenangelegenheiten. Das hat nicht einmal den letzten Schnarchzapfen in der Klasse interessiert.

Einmal passierte allerdings etwas Dramatisches, leider wieder einmal mit mir in der Hauptrolle. Und das kam so: Herr Brummer brachte irgendeine langweilige Diashow mit und nervte uns schon vorab mit langatmigen Erklärungen. Der Zufall ergab, dass ich neben einer ganz besonders scharfen Braut saß und unser allerliebster Lehrer hegte vermutlich schon einen Verdacht.
Das einzig Schöne an diesen Vorträgen war die Dunkelheit im Raum. Urplötzlich und ich weiß nicht mehr wieso ich es bemerkte, oder ob ich gewarnt wurde, jedenfalls sah ich in den Augenwinkeln die monströse Gestalt von B. heraneilen. Er hatte etwas in seinen erhobenen Händen und war gerade im Begriff war, dieses Teil auf meinen Kopf landen zu lassen.
Geistesgegenwärtig drehte ich meinen Kopf zur Seite und hob um mich zu schützen, mit dem Ellenbogen nach oben meinen rechten Arm. Was folgte war ein lautes, krachendes Geräusch, mir schmerzte der Arm und der Deckel des Tonbandgerätes hatte über die gesamte Diagonale einen massiven Sprung. All das nur deswegen, weil dieser dämliche Mensch meine Hand unter der Bluse meiner Sitznachbarin und meine Zunge in ihrem Mund völlig falsch interpretierte.

Ürigens wurde von keiner Seite die Frage diskutiert (Rektor, Religionslehrer, ich) ob Herr Brummer evtl. überreagiert hat, nööö die Frage war ob meine Eltern oder ich für den Schaden an dem Deckel aufkommen sollten.
Das Hauptproblem mit der Note löste sich dafür ganz simpel: Ich (bzw. von mir zwangsverpflichtete Klassenkollegen) erledigte den Auftrag von B., 1500 Flyer mit CSU Werbung in Fürstenried zu verteilen, mit Bravour.
Das Equipment an dieser Schule war zudem nicht das Stabilste. So hatten wir ein super modernes Sprachlabor. Simple hohe Holzkabinen, links und rechts furnierte Sperrholzplatten, welche in der Mitte mit zwei Querbrettern für das Mischpult und zur Ablage für Unterlagen verbunden war. Geil war unser „Sprachlaborlehrer“, ein waschechter Texaner mit Faible für Hardrock.
Die ersten 15 Minuten gehörten Deep Purple, Led Zeppelin, Uriah Heep & co. Yep die Füße in die Ablage und den Kopf an die dahinter liegende Kabine lehnen, echt chillig. Wäre wohl auch ewig gut gegangen, hätte nicht irgendwann Rainer „Edi“ E. gemeint, mich ziemlich kräftig stoßen zu müssen. Bei dem Versuch zu verhindern mitsamt dem Stuhl umzukippen -was mir nicht gelang -, übte ich anscheinend ziemlich Druck auf die Ablage aus, und mit lautem Getöse brach das Ding samt Seitenwänden über mir zusammen.

Yooo ich bekam einen Zettel zum unterschreiben mit nach Hause gehen, auf diesem stand wortwörtlich: „Piter Christerer hat heute das Sprachlabor zerstört. Leider ist der Wisch auf unerklärliche Art und Weise verschwunden und der Texaner hat es wohl im Cannabis Rausch vergessen.


Mein Stief-Opa hieß Rudolf Schrott, denn wie ich schon schrieb, wurde mein Vater unehelich geboren, deshalb mein Name Christerer. An meinen Stief-Großvater habe ich nur wenige und keine so guten Erinnerungen, aber mehr aus der Sicht eines Kindes.

Er war ein kleiner, stämmiger, sehr kräftiger Mann. Als ihn Oma kennenlernte war er wohl Vorarbeiter in einer großen Metzgerei und hatte mehr als 40 Metzger unter sich, erzählte zumindest Oma über ihn. Er war unglaublich sparsam, wenn nicht sogar geizig und sehr penibel bei der Arbeit.

In der „Parkstadt“ Solln, betrieb er eine Fleischerei auf einem großen Grundstück. Dort befand sich auch „mein“ Gartenhaus, in welchem ich von 1976 - 1981 wohnen durfte.
Weswegen ich ihn in meinen Erinnerungen überhaupt aufführe ist nur dem Umstand geschuldet, dass er neben Fleisch und Wurst auch „Steckerl“-Eis im Laden verkaufte. Dies wiederum hieß für mich, da ich an chronischem Geldmangel litt, jedes Mal große Überwindung mit dem Rad von Fürstenried West nach Solln (vielleicht 5 km) zu fahren, um Opa ein Eis abzuschwatzen. Denn bei Opa gab es nichts umsonst und das Eis musste sich erarbeitet werden.

Das bedeutete, Gartenarbeit, Hof kehren oder sein uralt Fahrrad zu putzen, bis es glänzte wie ein Schweinchenarsch. Einmal erinnere ich mich, habe ich mehr als 2 Stunden benötigt, die Speichen zu polieren, um seinen Ansprüchen gerecht zu werden. Und wofür? Für ein Capri Wassereis zum Verkaufspreis von 30 Pfennige.
Nur selten konnte ich Herbert oder einen anderen Freund davon zu überzeugen, mich dorthin zu begleiten. Doch ein Gutes hatte es: Bei all meinen schlechten Eigenschaften, geizig bin ich nicht. Doch wer jetzt denkt, dass Herr Schrott ein einfältiger, arbeitsbesessener Mensch war, der täuscht sich gewaltig.

Nicht nur, dass er ein ziemliches Vermögen auch in Immobilien ansammelte, nööö er beherrschte neben Aktiengeschäften auch einige steuerliche Finanztricks. Das besagte Gartenhaus besaß einen Dachboden, in welchem neben Mäusen auch einige Aktenordner mit Geschäftsunterlagen zu finden waren. Als ich ein paar davon durchblätterte dachte ich mir, dass Opa bei den - neben andern horrenden -angegebenen Kühlhauskosten wohl gesamt München gekühlt hat.

Wie dem auch sei, ich denke 1974 erkrankte Opa plötzlich schwer und ich kann mich noch erinnern, dass es mit Oma deswegen Ärger gab, weil Vater seinen wohlverdienten Familienurlaub (siehe Beitrag Urlaub 1974) nicht absagte.
Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube Opa lebte noch als wir zurück kamen und verstarb kurze Zeit später, soweit ich mich erinnere an einem Krebsleiden im Krankenhaus.

R.I.P.Opa und bitte unterlasse es, den big chief da oben mit Steuertricks zu versorgen.


Endlich war es soweit! 1975 das Jahr der Befreiung, school‘s out forever! Viel gibt es nicht zu sagen zu diesem meinem letzten Schuljahr, höchstens dass ich vorüber gehend gezähmt wurde. Bei der Zuteilung der Lehrer für die insgesamt 3 neunte Klassen an der Walliser Schule, erwischte es mich natürlich mit dem vermeintlichen worst case.

Frau Jakob hieß die alte Dame und sie war sehr gefürchtet. Mir war klar, dass mein Lehrer aus der 8. alles daransetzen würde, mich nicht in der Abschlussklasse zu haben, aber es hätte ja auch der Dritte im Bunde sein können. Bereits bei der ersten Begegnung schepperte es gewaltig, aber im Gegensatz zu den bisherigen Lehrern deeskalierte sie und machte keinen Druck.

Innerhalb kürzester Zeit baute sie mich auf und mir wurde klar, dass das Leben vielleicht nicht nur Pralinen für mich parat hält und ein halbwegs passabler Abschluss ganz nützlich werden könnte. Den Quali zu machen, war damals gar nicht so einfach, es wurden noch echte Kriterien angesetzt. Und es machte mich schon etwas stolz, als eine kleine Gruppe Schüler vor dem Prüfungssaal saß, mein Ex-Lehrer aus der 8. vorbeikam und mich verblüfft fragte: „Wie hast du dich denn hierher verirrt?“. Frau Jacob fuhr ihm sofort in die Parade und giftete ihn an: „Was soll denn das? Peter ist mein bestes Pferd im Stall!“ Dass es rein aus Motivationsgründen war denke ich nicht, dafür war sie einfach zu ehrlich.

Yep mein Leben sollte tatsächlich einen ganz anderen Verlauf nehmen, als ich geplant hatte und ich denke, damit bin ich keine Ausnahme. Ob ich wirklich den qualifizierenden Abschluss gebraucht hätte oder nicht, kann ich im Nachhinein nicht beurteilen, aber klar ist damals wie heute: Einen Schulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung ist das, was in Deutschland zählt.
Im Übrigen wage ich zu behaupten, dass Schulabgänger mit Quali aus Bayern zu dieser Zeit mehr Bildung und Fertigkeiten vermittelt bekommen haben, als heutige Abiturenten in Berlin. Wir konnten noch Mathe ohne Tab und auch in Deutsch brachten wir mehr zusammen als: „Ey Alda, du sein Opfer, hä?

So das dritte Kapitel meiner Geschichte ist abgeschlossen, im 4. Kapitel folgt die Zeit von 1975 - 1978. Kurz aber oho :-)