Peter Alexander Christerer Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.

Meine Erinnerungen an ein erfülltes und oftmals spannendes Leben

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Kapitel: 1 - 1960-70 2 - 1971-72 3 - 1973-75 4 - 1975-78 5 - 1978-84 6 - 1984-96 7 - 1996-2004 8 - xx-xx 9 - xx-xx 10 - xx-xx

Kapitel 2 Sturm & Drang 1971 - 1972 Alle als ---> mp3

Schulrektor Schmidt
Herbert und die Beule
Das Jahr 1971 Teil 1
Das Jahr 1971 Teil 2
Peter und die Realschule
Marianne Christerer
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Nachdem ich die ersten 4 Jahre Grundschule einigermaßen passabel über die Runden gebracht hatte, dachte ich mir schlimmer kann es nicht mehr kommen, sondern ein Lichtblick am fernen Horizont zeichnet sich ab. Insbesondere da sich ein Wechsel ans Gymnasium in keinster Weise andeutete. Ein Lichtblick war z. B., dass die damals in der Grundschule noch üblichen Schriftnoten wegfielen.
Dazu muss man wissen, dass es meinem Vater bei der Zeugnisausgabe auf zwei Bewertungen, nämlich die Schriftnote und die Bemerkung der Lehrkraft oben im Zeugnis ankam. Mit beiden konnte ich nicht wirklich brillieren und meinen Vater keinesfalls zu Jubelausbrüchen ermuntern. Später kamen noch Religion und Mathematik (hier allerdings mehr das Grund- und Kopfrechnen, wichtig im Geschäft!) hinzu.

Doch was soll ich sagen? Es kam schlimmer! Erstens in Form von vielen neuen Fächern und damit verbunden längeren Schulzeiten. Dies schränkte meine ohnehin knappen Ressourcen im Bereich sinnvoller und kreativer Freizeitgestaltung – s.a. nächsten Beitrag – noch stärker ein.
Zweitens in Form des Klassenlehrers: Rektor Schmidt, das war eindeutig der Super GAU! Ich kann bis heute nicht verstehen, wie man einen derart autoritären, fast schon bösartigen Menschen auf Kinder im Alter von 10-11 Jahren loslassen konnte.
Die Begriffe Liebe und Hass verwende ich nur selten, da es sich um sehr starke Worte handelt, welche nicht inflationär gebraucht werden sollten. Doch wenn an unserer Schule jemand gehasst wurde, dann war es zweifelsohne Rektor Schmidt. Dies führte soweit, dass zwei ehemalige Schüler (Karlie und Jackie) zwei tote Ratten an einem fachgerecht geknüpften Galgenstrick mit dem deutlichen Hinweis: „Der nächste bist du, Schmidt“ am Haupteingang der Schule befestigten.
Dies führte zu massiven Untersuchungen einschließlich Befragungen der Hauptverdächtigen durch die Polizei. Weswegen ich befragt wurde, ist mir auf ganzer Linie schleierhaft. Natürlich hielten die paar Wenigen denen die Täter bekannt waren dicht und so verlief die Sache im Sande.

Einmal jedoch zeigte Rektor Schmidt mir gegenüber so etwas wie Empathie. Und zwar im Zusammenhang mit Wiggerl. Wochenlang schon terrorisierte und sekkierte mich Schmidt mit einen aus Streichhölzern zu bauendem Holzhäuschen. Ich war definitiv ein ADHS (Aufmerksamkeits - Defizit - Hyperaktivität - Syndrom) Kind, nur damals kannte diese Krankheit bzw. Fehlfunktionen niemand. Kinder wie mich nannte man einfach Tollpatsch, Zappelphilipp und Klassenclown. Jedenfalls war es feinmotorisch unmöglich für mich, so ein dämliches Haus zu bauen und das wusste Herr Schmidt auch. Also wollte er mich, wie so oft, der Klasse vorführen und das exakt am 11.11.1970. Natürlich wollte ich ihm diese Freude nicht gönnen und als ich mein Kunstwerk der Klasse präsentieren sollte, sagte ich einfach, ich hätte es zu Hause vergessen. Dass ich noch nicht einmal mit der Fertigung begonnen hatte, musste er ja nicht unbedingt erfahren.

Selbstverständlich wollte mich Rektor Schmidt dann so richtig fertigmachen und das begann immer sehr harmlos und endete immer mit einer fürchterlichen Erniedrigung. Nach meiner Aussage kam in leicht spöttischem Tonfall die Frage von ihm: „Na warum hast es denn vergessen?“ Worauf ich kurz und knapp antwortete: „Weil heute Nacht mein Bruder gestorben ist.“ Selten in meinem Leben habe ich einen derart fassungslosen und schockierten Gesichtsausdruck gesehen, als hier bei Rektor Schmidt. Er konnte es nicht glauben, fragte nach und nach meiner Bestätigung lies er sich auf seinen Stuhl nieder und mit feuchten Augen und belegter Stimme schickte er mich sofort nach Hause und gab mir auch noch einen Mitschüler zur Begleitung mit.
Das Häuschen war nie wieder ein Thema und ich hatte den Eindruck, dass sich sein Verhalten mir gegenüber danach etwas veränderte ohne es genau definieren zu können.


Freizeitgestaltung war zu meiner Kindheit noch sehr kreativ und spielte sich nach Möglichkeit im Freien ab. Unser Revier war sehr groß und in den ersten Jahren hatten wir noch reichlich Felder und Baustellen zur Verfügung. Der wirkliche Großteil der Siedlung wurde von 1968 – 1974 erbaut. Der Wald jenseits der Forst-Kasten-Allee gehörte ebenso zu großen Teilen den „Fürstenried Westlern“, die Neurieder und Großhadener wurden nicht ernst genommen.
Nach der Schule ging es nach Hause, es wurde gegessen und Hausaufgaben erledigt. Oma war hier doch eher streng. Danach ging es nach draußen und irgendeinen Hawara traf man schon. Handy und so ein Zeugs gab es nicht, deshalb wurden Vereinbarungen meist in der Schule getroffen oder man ging zu seinem Freund. Oft antwortete die Mutter auf die Frage ob der oder der raus darf mit strengem Blick und fester Stimme: „Dass iHerbert und die Beulehr mir ja nichts anstellt!“.
So oder so ähnlich wird es wohl gewesen sein, als Herbert und ich im näheren Umfeld unserer Wohnung unterwegs waren um mit unseren Erbsenpistolen eine kleine Schlacht auszutragen. Erbsenpistolen waren kleine Pistolen welche ursprünglich mit silbernen Kügelchen gefüllt wurden, die aber käuflich erworben werden mussten. Chronisch knapp bei Kasse stahlen wir lieber Erbsen aus dem Vorratsschrank oder im Kaufhaus (shame on me!), manchmal nahmen wir auch kleine Vogelbeeren, welche hässliche gelbe Flecken auf der Kleidung verursachten.

Herbert wollte es dieses Mal besonders gut machen und mich vernichtend schlagen. Zu diesem Zweck kletterte er auf eines der Garagendächer in der Glarus Straße. Er vermutete mich zu Recht im Bereich der Garagen oder in den gegenüberliegenden Hecken. Er schlich sich leise rückwärtsgehend in Richtung Tessiner Straße, natürlich jederzeit bereit eine Salve Erbsen auf mich abzufeuern, falls ich in seinen Blickwinkel kommen sollte.

Guter Plan, nur zwei ganz entscheidende Fehler machte Herbert! Er unterschätzte seine Standfestigkeit auf einem schrägen Dach und vergaß zudem, dass das Dach irgendwann zu Ende war. Als er es bemerkte war es zu spät! Er fiel rücklings aus ca. 2,8m Höhe vom Dach in den Innenhof und hatte unglaubliches Glück. Herr Steinacher hatte seinen schweineteureren Opel Admiral nicht in die Garage gefahren, sondern genau davor geparkt.

Mit einem gewaltigen Bums und dementsprechenden Lärm krachte Herbert auf die Motorhaube des Kfz. Diese hatte sogleich eine tiefe Delle und Herbert eine große Beule am Kopf. Was dann geschah war Routine. Was machte Peter? Riiiiiiichtig Lärm bedeutet Flucht, weglaufen. Was machte Herbert? Riiiiiiichtig nach Hause gehen und ab ins Bett. Was machte Herr Steinacher? Riiiiiiichtig zu Lohmeiers gehen und sich den Schaden bezahlen lassen. Doch ich denke inzwischen hatten alle Familienoberhäupter für ihre Sprösslinge Haftpflichtversicherungen abgeschlossen.

Fazit: 1. Glück gehabt! Ein Sturz aus dieser Höhe auf den harten Asphalt hätte wahrscheinlich deutlich schlimmere Auswirkungen auf Herberts Gesundheit gehabt. 2. Selbst danach verstand Herbert immer noch nicht, dass es keine gute Idee ist, sich mit mir anzulegen.


Irgendwie muss das Jahr 1971 (neben einigen anderen) in meinem Oberstübchen besonders verdrahtet sein. Obwohl mir nur zwei außergewöhnliche Ereignisse gut erinnerlich sind. Nach dem unfassbar schrecklichen Ende, mit dem Tod von Wiggerl, des Jahres 1970, war der Beginn des Jahres 1971 selbst für einen 10 jährigen eher traurig zu nennen. Wiggerl fehlte mir einfach. Und ich muss auch noch mal zurück gehen, nämlich an den Tag der Beerdigung, denn was sich da ereignete prägte zum Teil auch meine Entwicklung und somit späteres Leben.

Vor der Aussegnungshalle befand sich ein Teich, sozusagen ein Biotop mit Fischen, Fröschen und Enten. Der überwiegende Teil war von Bäumen und Wiesen eingegrenzt, nur genau gegenüber der Halle war eine niedrige Steinmauer angebracht. Dort saß ich ziemlich traurig und beobachtete die unglaubliche Anzahl von Menschen, welche der Beerdigung von Wiggerl beiwohnen wollten.

Plötzlich gesellten sich der Werner Stoiber und der Wolfgang Kolbeck (oder auch Dappert) zu mir. Ich kannte beide gut, aber sie waren eben die Altersklasse von Wiggerl und somit ca. 3-4 Jahre älter als ich. Beide waren ziemliche Raufbolde (sie entwickelten sich weiter zu gefürchteten Schlägern) und sie sahen mich sehr ernst an und versprachen dann feierlich, dass die Clique beschlossen hatte mich als ihr Maskottchen trotz meines Alters aufzunehmen.
Ebenso hätte jeder geschworen mir zu helfen und mich zu beschützen, wenn es nötig sei. Natürlich relativierte sich das später, doch der harte Kern gehörte fortan zu meinen Freunden und das sollte später durchaus Auswirkungen haben.

Zurück zu 1971. Wiggerl wurde im Münchner Waldfriedhof neuer Teil bestattet. Dort befanden sich auch die Gräber der beiden noch nicht lange verstorbenen Tante Zenta und Onkel Hugo. Die Gräber mussten im Sommer gegossen werden. So blieb es nicht aus, dass ich mit dem Rad dorthin zu fahren hatte und ein paar Gießkannen Wasser verteilen sollte.
Immer den drohenden Zeigefinger der Eltern vor Augen, das Rad am Eingang stehen zu lassen, denn im Friedhof ist das Radfahren bei hoher Strafandrohung durch die Friedhofsleitung untersagt.
Ich fürchtete mehr den Zorn meines manchmal autoritären Vaters als die Strafe der Friedhofswächter, wollte aber keinesfalls den ganzen Weg zu Fuß gehen. Um es einmal ganz klar zu sagen: Auch wenn meine Eltern manchmal nach heutigen Maßstäben autoritär und streng waren und hin und wieder auch mal eine Ohrfeige verteilten, sie gaben mir genug Wärme und Zuneigung, so dass ich sie und natürlich auch Oma sehr liebte.

An einem heißen Sommertag musste ich nach Schule und Hausaufgaben wieder einmal die Gräber gießen und bat Stefan Schwab mich zu begleiten. So radelten wir zum Friedhof, „vergaßen“ wie immer die Räder abzustellen und fuhren mit hoher Geschwindigkeit über den sehr breiten Kiesweg Richtung Grabstätte von Wiggerl. Wir kamen mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit aus einer langgezogenen Kurve und das Drama begann wegen eines ca. 400m entfernt stehenden Friedhofwächters mit großer beeindruckender Schirmmütze.


Ob er uns gesehen hatte wussten wir nicht. Jedenfalls spielten sich in meinem Kopfkino beunruhigende Szenen ab was am Abend zuhause wohl geschehen würde. Möglicherweise war in meinem Unterbewusstsein der Berufswunsch „Stuntman“ vergraben und kam jetzt zum Vorschein. Blitzartig fasste ich den Entschluss in voller Fahrt vom Rad zu springen, neben dem Rad laufend dieses abzubremsen und es dann, was ja erlaubt war, zu schieben.

Yoooohhh hat bis auf eine winzige Kleinigkeit funktioniert! Leider vergaß ich dabei die am Lenker befindliche Gießkanne zu berücksichtigen. Diese verhinderte dass ich senkrecht auf dem Boden landete, sondern stattdessen in der Waagrechten mit voller Geschwindigkeit quer über den breiten mit scharfkantigen kleinen Kieselsteinchen ausgestatteten Weg schlitterte und irgendwann im Grünstreifen landete.

Was soll ich sagen? Es war eine äußerst schmerzhafte, horrormäßige Blut Show und die Fleischfetzen hingen an meinem Knie wie ein Türvorhang, der in 1000 Streifen geschnitten war. Wie ich (mit Rad!) heimgekommen und von Oma zur Hausärztin Dr. Paul gebracht wurde, weiß ich nicht mehr. Die Ärztin erkannte sofort den Ernst der Lage, versorgte mich notdürftig und ließ mich per Rettungswagen in die Haunersche Kinderklinik am Goethe Platz bringen.

Nach einer schwierigen Operation stand es sehr lange auf der Kippe, ob das Bein unterhalb des Knies zu retten sei oder ob amputiert werden musste. Glücklicherweise blieb mir das Bein, sowie ein mehrwöchiger Klinikaufenthalt mit anschließenden 6 Wochen Gips zuhause und eine schöne rechtwinklige Narbe, welche das gesamte Knie überzieht.

Deshalb war ich an dem zweiten wichtigen Ereignis des Jahres 1971 (glücklicherweise) nicht beteiligt. An einem heißen Sommertag streiften Peter S, Günter und Reinhold (Ritter) N, Herbert L und Klaus E durch das Erweiterungsgelände im Waldfriedhof. Das war sehr groß, bestehend aus Wald und feldartigen Wiesen. Peter S zeigte das Kunststück wie er mit Daumen und Zeigefinger ein Streichholz an der Schachtel entzünden konnte und dieses im Salto brennend zu Boden fiel. Am Boden wurde dann das Feuer ausgetreten.

Irgendwann wollten die Jungs (besonders auf Druck von Peter S) das Feuer etwas größer werden lassen, bevor sie es löschten. Es kam wie es kommen musste! Das strohtrockene Gras geriet auf einmal so schnell in Brand, dass ein Löschen nicht mehr möglich war und breitete sich rasend schnell aus.
Klar gaben die 5 Gauner sofort Fersengeld und flüchteten Richtung Ausgang Tischler Straße. Das Feuer entwickelte sich so stark, dass die lodernden Flammen weithin zu sehen waren. Reinhold hielt - was mich im Nachhinein, da ich viel mit Reinhold erlebte, sehr erstaunt – einen LKW an und bat den Fahrer, dieser möge die Feuerwehr verständigen.

Jedenfalls war wohl das Aussehen und Auftreten von Reinhold so verdächtig, dass der LKW-Fahrer Reinhold festhielt bzw. seine Identität klärte. Das Feuer wuchs inzwischen zu einem Höllenfeuer heran und musste von einem Großaufgebot der Münchner Feuerwehr gelöscht werden. Klar war, dass die Familien der „Brandstifter“ für den Schaden aufkommen mussten und wie das untereinander geregelt wurde, ist mir nicht bekannt.

Fazit: Manchmal ist eine Knieverletzung nicht ausschließlich schlecht, denn normalerweise wäre ich bestimmt bei dieser Aktion mit im Boot gewesen.


Wie gesagt hatte 1971 bis auf die zwei beschriebenen Ereignisse in meiner Erinnerung wenig zu bieten und das Jahr 1972 begann ähnlich stabil. Und dennoch muss irgendetwas geschehen sein, urplötzlich schien sich mein schulisches Engagement zu bessern. So gut, dass nach Ende des 6. Schuljahres der Übertritt zur Otto-Hahn-Realschule bevorstand.

Im Nachhinein denke ich, dass es damals der Druck auf die Allgemeinschule war. In der Zeit war es einfach schick, wenn schon nicht aufs Gymnasium, dann zumindest auf die „Mittelschule“ zu gehen. In einigen Stadtteilen gab es gar keine Hauptschule mehr.
Für mich war es jedoch völlig unerheblich, denn bereits damals stand zu 100% fest, dass ich -im Gegensatz zu meinem Bruder Otto, der ihn zwangsweise ausübte- den Beruf meines Vaters, nämlich Metzger erlernen wollte. Wozu dann Realschule?

Also begab sich der „kloane Bäääda“ an die Otto-Hahn-Realschule an der Drygalksi Allee. Viel ist mir dazu nicht mehr erinnerlich, denn der Besuch war -wohl eher wegen meines Benehmens als wegen den Schulnoten- nur von kurzer Dauer.
Die Schulzeiten waren gewöhnungsbedürftig, nämlich 3x vormittags und 2x nachmittags. Dies führte dazu, dass ich häufiger bei meiner alten Schule an der Walliser Straße auftauchte und ziemlich üblen Schabernack trieb, denn „meine“ alte Klasse befand sich im alten Schulgebäude im Erdgeschoss.

Von den Mitschülern sind nur 3 erwähnenswert. Martin H, ein übles asoziales Subjekt und brutaler Schläger. Durch ihn lernte ich in einem extremen Faustkampf, dass es manchmal gut ist, sich nicht an die Regeln der Fairness zu halten. So verspürte er und nicht ich die Schmerzen. Er verstarb noch in jungen Jahren, ich vermute an einer Überdosis Heroin.

Dann war da Jirco B-K. Durch diesen Kerl kam ich zum ersten Mal mit „weichen“ Drogen in Form von Haschisch und Marihuana in Berührung. Auf dem Bild ist ein kleines Restaurant zu sehen. Das war in den siebziger Jahren eine „Teestube“. Im hinteren Bereich wurde allerdings gekifft was das Zeugs hielt. Nun in der Zeit von Hardrock und beginnenden Heavy / Death Metal war das völlig normal.

Last but not least befand sich zu meiner Freude Reinhold „Ritter“ N in der Klasse und natürlich saßen wir nebeneinander in der letzten Reihe und beschäftigten uns mit vielem, allerdings eher weniger mit schulischen Angelegenheiten.
Reinhold hatte manchmal etwas komisch anmutende Verhaltensweisen. So nahm er ein Lineal und Zirkel zur Hand und fabrizierte einen kleinen Spalt im Schultisch. Die Aufteilung war 2/3 zu einem 1/3. Dann gab er mir zu verstehen, dass die 2/3 sein Platz sind und sollte mein Ellenbogen auf „seinen“ Bereich kommen, würde er mir mit seinem „Totschläger“ (eine ca. 20cm lange mit Leder umwickelte runde Eisenstange von etwa 2cm Durchmesser) eine drüber ziehen.

Tatsächlich führte er diese für mich schmerzhafte Prozedur mehrfach aus. Schlagartig stoppte er diese Vorgehensweise als er urplötzlich, mit seinem Stuhl wippend, das Gleichgewicht verlor, sich auf dem Boden wiederfand und ich auf ihm saß. Dabei erklärte ich ihm, dass ich zwar keinen „Totschläger“ besitze, dafür aber ziemlich harte Fäuste.
Es kam, wie es kommen musste. Freundlich aber bestimmt wurde meinen Eltern mitgeteilt, dass der Besuch der Realschule noch etwas zu früh für mich kommt und ich es ja nächstes Jahr noch einmal probieren könnte. Ich denke nach all den Verweisen und Arresten in der kurzen Zeit, vermuteten meine Eltern ohnehin, dass dieses Experiment bald beendet sein dürfte.

Riiiichtig ungerecht empfand ich nur, dass Reinhold noch mit ins Skilager fahren durfte, bevor auch er wieder in der Walliser Schule auftauchte. Möglicherweise vermuteten die Lehrkräfte dass wir beide zusammen diese Schulveranstaltung in eine völlig andere Richtung führen würden als geplant und trafen dann einfach einen Losentscheid.


Meine Mutter Marianne Christerer, geb. Reichardt wurde am 23.05.1931 in München geboren.

Nach dem Desaster mit der Realschule, meldete mich meine Mutter wieder an der Hauptschule an der Walliser Straße an. Ich konnte sie an diesem Tag wegen Unpässlichkeit nicht begleiten. Nie werde ich vergessen, als sie zurück kam und mir mitteilte, dass ich ab sofort die Klasse mit der Lehrkraft Frau Draxler besuchen sollte.
Das war genau die Dame welche ich, wenn ich an der Otto-Hahn-Schule nachmittags Unterricht hatte, bis zur Weißglut von außen reizte. Da kam bei mir nicht wirklich Freude auf. Sie war es auch, die die entsetzliche Bemerkung in meinem Zwischenzeugnis (siehe Rektor Schmidt) machte. Nun ich bin ganz sicher nicht stolz auf dieses Benehmen von damals, doch heute denke ich, dass das vollkommen verständlich war. Auch die späteren Verhaltensmuster sind mir völlig klar, ohne dass man ein Psychologe sein muss. Ich hatte und habe schlicht und ergreifend die Todesfälle in der Familie als Kind nie verarbeiten können und war/bin vollkommen traumatisiert deswegen.

Zurück zu meiner Mutter. Sie war genauso wie meine Oma (von mütterlicher Seite) ein unglaublich warmherziger Mensch. Selbst wenn sie wütend war, konnte ich ihr bei aller Schimpfe nicht böse sein. Ich sah ihr an, dass es ihr sehr unangenehm war mich zu maßregeln. Und meist folgte kurz nach der Bestrafung auch eine Belohnung. Sie war einfach meine Mutti und ich liebte sie sehr und sie mich auch!

Den frühen Tod von Wiggerl hat sie jedoch nach meiner Meinung nicht verkraftet. Das hat sie doch sehr verändert und ich habe leider nie erfahren warum sie definitiv ins Krankenhaus kam und Spekulationen und Gerüchten möchte ich mich nicht hingeben.

Jedenfalls kam meine Mutter im Dezember 1972 ins Krankenhaus und es hieß es sei nur für ein paar Tage, an Weihnachten ist sie auf jeden Fall wieder zuhause. Möglicherweise ist mir der Ablauf der Geschehnisse, die jetzt aufgeführt werden, nicht mehr zu 100% geläufig, denn wenn ich nur daran denke, dann schneit es in meinem Kopf.

An Weihnachten war sie jedenfalls nicht zu Hause und die Stimmung war nicht die allerbeste, denn mit Mutti fehlte einfach die Seele des Hauses. Dennoch deutete nichts auf die Katastrophe hin, welche mir seither das Weihnachtsfest zutiefst vermiest, auch wenn schon fast 50 Jahre vorüber sind.

Nach den Feiertagen am 28.12. mussten mein Vater und Bruder Otto gegen 04:00h wieder in die Metzgerei, denn zwischen den Feiertagen sind mit die umsatzstärksten Tage des Jahres. Am frühen Morgen klingelte es ziemlich heftig an der Türe und ich hörte wie Oma versuchte vom Bett aufzustehen, um zu öffnen. Als das Klingeln nicht aufhörte, stand ich auf und öffnete im Schlafanzug die Türe. Ich war sehr erstaunt als ich zwei uniformierte Polizisten sah, wo ich doch ausnahmsweise gar nichts angestellt hatte.
Doch sie fragten ob mein Vater zuhause sei. Ich verneinte und mit einem Hauch schlechten Gewissens wollte ich wissen, warum. Einer der beiden schaute mich von oben herab ernst an und sagte dann einem 12jährigen ins Gesicht: „Weil heute Nacht im Krankenhaus die Frau Christerer verstorben ist“. Im Schock gab ich ihnen die Geschäftsadresse und sie waren schon länger weg als ich die Tür schloss und mich wieder an Oma erinnerte.

Der nächste Schock erwartete mich als ich das Zimmer von Oma betrat. Sie lag wimmernd am Boden, denn als sie versuchte aus dem Bett zu kommen, stürzte sie und brach sich den Ober- schenkelhalsknochen. Von da an habe ich einen Filmriß, ich weiß nicht mehr wie es weiterging, völlige Leere in meinem Kopf. Vorstellen kann ich mir nur, dass ich die Nachbarin Frau Übler zu Hilfe holte, aber wie gesagt „darkness there and nothing more“.
Bei Oma wurde zusätzlich sehr hoher Zuckergehalt im Blut festgestellt und nach dem Tod von Mutti war klar, dass sie mit ihren Gebrechen (1972!) nicht allein bei uns in der Wohnung sein konnte. Sie zog nach Hohenwart bei Burghausen, zur Familie ihrer Tochter Frieda.
Somit verlor ich an Weihnachten 1972 die zwei liebsten Menschen die ich hatte, auf einen Schlag.

Seither ist die Zeit um Weihnachten und Jahreswechsel die grausamste und traurigste für mich und ich werde das wahrscheinlich nicht mehr ändern können. Ich möchte es auch gar nicht, denn Trauer gehört zum Leben und deshalb sind wir Menschen. Zwar versuche ich nach außen meine Traurigkeit zu verbergen, doch je älter ich werde desto schlimmer wird es. Ich freue mich für die anderen wenn sie schöne Geschenke austauschen und zu Recht fröhlich und herzlich sind, aber für mich ist seit dem 27.12.1972 leider Schluss damit.

R.I.P.Mutti, du bist fest in meinem Herzen verankert.