Peter Alexander Christerer Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.

Meine Erinnerungen an ein erfülltes und oftmals spannendes Leben

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Kapitel: 1 - 1960-70 2 - 1971-72 3 - 1973-75 4 - 1975-78 5 - 1978-84 6 - 1984-96 7 - 1996-2004 8 - xx-xx 9 - xx-xx 10 - xx-xx

Kapitel 1 Familie & erste Freunde 1960 - 1970 Alle als ---> mp3

Vorwort
Einführung
Ein bedeutender Tag
Onkel Hugo der Spaßvogel
Onkel Hugo und der Auszug
Die Lohmeiers
Die Lohmeiers und der Herr Steinacher
Kindergarten und Schulbeginn
Ludwig "Wiggerl" Christerer
#Prolog mp3

Autobiografien oder Memoiren wie sie derzeit häufig die „Bestsellerlisten“ anführen, haben mit dem ursprünglichen Ziel einer Autobiografie meistens nicht mehr viel Gemeinsamkeiten.
Die Autobiografie sollte den Versuch darstellen, den Verlauf des eigenen Lebens zu reflektieren, Rechenschaft abzulegen, gute und schlechte Eigenschaften abzuwägen und Bekenntnis vor sich und vielleicht vor einem nicht weltlichen Richter abzulegen.

Der Kirchenfürst Aurelius Augustinus (350 - 430 n.Chr.) war diesbezüglich Weg weisend.
Fernab von den heute gängigen effektheischenden und Marketing relevanten Schönfärbereien und wenig tiefgängigen Romanen anstatt Biografien, zeigte eine Autobiografie über Jahrhunderte dramatische Ereignisse, spontane Lebensumbrüche und vollständige Neuorientierungen des Autors auf.

Ich möchte keinen Roman schreiben, sondern im Sinne (vielleicht etwas weniger gewaltig ;-) des französischen Schriftstellers Jean-Jacques Rosseau (1712 - 1778) vorgehen.

Die ersten Sätze seiner Autobiografie „Les Confessions“ (Bekenntnisse) stellen ein wahres Fanal dar:

„Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird.
Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen und dieser Mensch werde ich sein.
Ich allein. Ich lese in meinem Herzen…"

Doch keine Sorge, wer jetzt eine der vielen ausschweifenden und schöngefärbten Autobiografien oder gar Memoiren -wie sie immer noch zuhauf verbreitet werden- erwartet, könnte enttäuscht werden.
Es soll meine Offenbarung und meine Bestandsaufnahme für mich werden. Es soll mein Lebensarchiv werden, das im Laufe der Zeit immer weiter aus- und umgebaut werden kann. Da ich weder prominent, für die Allgemeinheit „wichtig“ und auch nicht gebildet bin, kann ich frei, „wie mir der Schnabel gewachsen ist“, loslegen.
Sollte sich jemand erkennen und sich beleidigt fühlen, im falschen Licht dargestellt sehen oder sonst irgendwie nicht einverstanden sein, dann tut mir das leid. Es ist nicht meine Absicht jemanden zu beleidigen oder zu nahe zu treten, aber es ist mein Leben und ich gebe wieder, wie ich alles empfunden habe und empfinde.

Wichtig:
Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass ich manche der aufgeführten Personen nicht anonymisieren kann und ich möchte auch nicht abstrakt über diese wichtigen Menschen schreiben, bei den eher „temporären“ aber oft ebenso wichtigen anderen Personen, werde ich nicht den richtigen Namen verwenden, sondern ein Pseudonym benutzen.
Leider darf ich nicht über meinen Arbeitgeber im „Klartext“ schreiben und manche Vorgänge unterliegen immer noch der Geheimhaltung. Das ist schade, denn die Tätigkeit für diesen „Verein“ ist maßgebend für den überwiegenden Teil meines Lebens. Oder wie Ice Cube sagen würde: "Gangster Rap made me do it". Aber so sind nun mal die gesetzlichen Vorschriften und ich vermute, dass DIESE Behörde hier keine „Meinungs- und Mitteilungsfreiheit“ gelten lässt.


Mein Name ist Peter Alexander Christerer und das sind Erinnerungen aus meinem Leben. Die Idee markante Situationen aus meinem Leben aufzuschreiben, entstand während einer "charming" Afghanistan Dienstreise im Jahr 2004.
Nach meiner Rückkehr saßen wir (Günter N., Günter R. und ich) auf einer Bank an der Forstenrieder Allee in München und tranken ein Bierchen.

Mein innerer Akku war dermaßen leer, dass ich nur noch auf Pause stellen wollte. Da erwähnte ich zum ersten Mal, ein Buch mit dem Titel "Ein ganz normales Leben oder doch der Weg in die Schizophrenie" schreiben zu wollen. Die Entgegnung von Günter R. ist mir noch sehr gut in Erinnerung: "Bäääda du bekommst von mir einen Blankoscheck, trag ein was du möchtest, aber dieses Buch will ich lesen. Auch wenn ich danach kotzen muss." Und er meinte kotzen wahrscheinlich nicht wegen meiner schlechten Grammatik.
Zuerst ging ich frohen Mutes daran und dachte lass die kleinen grauen Zellen mal ein bisschen arbeiten, dann fällt dir bestimmt alles wieder ein. Ob mir alles einfiel weiß ich natürlich nicht, aber es fiel mir viel zu viel ein, schlicht weil ein großer Teil völlig belanglos ist. Dann stellte ich fest, dass zudem keine Struktur vorhanden ist und es wie „Kraut und Rüben“ durcheinander geht.

Also was tun sprach Zeus, die Götter sind besoffen. Letztendlich blieb nichts anderes übrig, als mein bisheriges Leben in Zeitabschnitte einzuteilen und diesen Abschnitten dann ein paar Themen oder Episoden zu zuordnen. Dazu wurden auf dem guten alten Papierblock Notizen verfasst und dann wurde durchgestrichen was das Zeug hielt. Dabei fielen dem Rotstrich manche Komplexe wie Sport -ja ja sogar den habe ich mal betrieben- oder Kartenspiele (Herbert du hast nie das Bonanza Rad gewonnen!) zum Opfer. Selbst die riesigen Themengebiete wie Freizeitheim Fürstenried West, Holzleg, Strasser Stüberl, Maxhof Casino oder in der Neuzeit die Berliner Nachtclubszene, afrikanische Freundinnen u.v.a.m. werden gar nicht oder nur mit 1, 2 kleinen „Gschichterln“ erwähnt.

Ich möchte hier nichts unterschlagen, es handelt sich dabei häufig schlicht und ergreifend um unschöne Dinge. Zum Teil höchst kriminell, beleidigend, sexistisch, brutal, rassistisch, gewalttätig, diskriminierend und einfach nur schwer zu ertragen. Und doch gab und gibt es gute Seiten an mir, auch wenn diese vielleicht nicht so markant zum Vorschein kommen.

Ich möchte hier nichts beschönigen oder mich besser darstellen als ich bin.

Ich weiß alles was ich tat und meistens auch warum. Die Straftaten sind verjährt und mit den moralischen Verfehlungen kann ich leben, darüber soll irgendwann ein höherer Richter Urteil sprechen. Doch wer immer das liest kann sich kein Gesamtbild machen und das wäre zwingend erforderlich, um mich zu bewerten.
Keinem werde ich widersprechen, der behauptet ich sei ein schlechter Mensch. Keinem werde ich widersprechen, der behauptet er sei ein besserer Mensch als ich. Doch sollten alle Menschen, die glauben mich beurteilen zu müssen, damit umgehen können, dass ich all Jenen ein herzhaftes und lautes „I don’t care, I don’t give a fuck, I don’t give a damn“ zur Antwort geben könnte.

Ich habe meinen Frieden gefunden und für mich gilt: „I am me and I am okay!“

Was bleibt sind die Stationen und Ereignisse, welche mein Herz erreichten, belasten oder erheitern und Situationen die entweder genial eingefädelt (Herbert und der Kühlschrank) oder einfach nur kurios und/oder lustig waren.
Noch ein Tipp für all diejenigen, die das Dokument lesen und hinterher kein gutes Haar daran lassen. Ob die Kritik wegen inhaltlichen, stilistischen oder sonstigen Gründen erfolgt, diesen netten Zeitgenossen sei gesagt: Ihr müsst es nicht lesen. Einfach aufhören zu lesen und sich besseren und schöneren Dingen widmen.
Lieber Leser, was immer du dir denkst, z. B: über mich, über dein Leben, über alles was so geschieht auf der Welt, für mich ist eines ganz gewiss:

"Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Doch leben muss man es vorwärts."

Alles Gute wünscht euch da Bäääda


Der 10. April 1960 war aus mehreren Gründen ein bedeutender Tag: Auf der 7. Deutschen Camping-Ausstellung in Essen wird mitgeteilt, dass eine wesentlich gestiegene Nachfrage für Wohnwagen zu verzeichnen ist; es herrscht im Norden Deutschlands die größte Trockenperiode seit Menschengedenken; es ist Palmsonntag, es ist Vollmond und ich wurde als 3. Sohn von Marianne Christerer, geb. Reichardt und Otto Christerer, wohnhaft in der Hochbrückenstraße 8 im Tal, also direkt neben dem Münchner Marienplatz, um 22:25h geboren.

Naturgemäß habe ich an die ersten Jahre wenig Erinnerung. An der Ahnenforschung, sprich Historie unserer Familie war und bin ich nicht sonderlich interessiert, insbesondere da außer meinem um 7 Jahre älteren Bruder Otto alle meine älteren direkten Verwandten bereits verstorben sind.
Gut erinnern kann ich mich noch an Luise „Reichardt“ Oma, welche bis zu meinem 13. Lebensjahr eine bedeutende Rolle eingenommen hat. Und an die „Schrott“ Großeltern, wobei Opa eigentlich mein Stiefopa war. Die sehr lebenslustige Maria „Schrott“ Oma gebar ZWEI uneheliche Kinder, darunter meinen Vater Otto. Deshalb mein Name CHRISTERER, entsprechend dem Geburtsnamen meiner Oma. Und mal ehrlich: Christerer klingt doch eh viel schöner als Schrott!

Reichardt Oma war Jahrgang 1899 und ihr Mann Friedrich verstarb wohl während des 2. Weltkrieges. Schrott Oma war Jahrgang 1901 und beide Elternteile von mir wurden 1931 geboren. Mein „echter“ Großvater war zumindest vor ein paar Jahren noch am Leben, ich lernte ihn jedoch nie kennen. Als ich Oma -die zudem streng katholisch erzogen wurde und sehr die Regeln der Kirche beachtete- einmal fragte warum sie denn keinen der Erzeuger ihrer Kinder heiratete, schließlich war ein uneheliches Kind zur damaligen Zeit ja eine große Schande, antwortete sie: „Weißt du Peter, der hat immer zu mir gesagt: „Maria wenn sich zwei Herzen lieben, dann ist auch in der kleinsten Hütte Platz für sie. Doch ich wollte doch schon immer ein großes Haus besitzen“.
Damit wollte sie wohl andeuten, dass sie nicht überzeugt war, dass der Vater ihrer Kinder eine Familie ernähren könnte.

Nachträgliche Korrektur:
Dankenswerterweise fertigte mein Bruder Otto die nachfolgende Zeichnung an, um zu zeigen wie die Wohnverhältnisse damals waren. Und selbst wenn unser Vater oft nur am Wochenende hier wohnte, war es ohne besonders empfindlich sein zu wollen, für 6 / 7 Personen schon etwas beengt, meine ich.

Offensichtlich waren die Platzverhältnisse in der Hochbrücken Straße etwas beengt, denn 1963 bezogen wir eine 5 Zimmer Wohnung einer Neubausiedlung in Fürstenried West. Diese Wohnhäuser waren öffentlich gefördert und hatten eine soziale Mietpreisbindung.
Heutzutage erscheinen 5 Zimmer riesig und unbezahlbar, die zweite Eigenschaft könnte stimmen, aber die erste relativiert sich, wenn man bedenkt, dass neben den Eltern mit drei Kindern auch noch Reichardt Oma und Onkel Hugo -der Bruder meiner Mutter- mit einzogen.
Somit war völlig logisch, dass die drei Buben im Alter von Otto „Burschi“ 10, Ludwig „Wiggerl“ 7 und Peter 3 in einem Zimmer untergebracht wurden. 1963 waren die Babyboomer noch aktiv und 3 Kinder pro Familie war der Standard.
Auch damals gab es Ausnahmen von der Regel und „unser“ Hauseingang war auf der linken Seite mit den eher kinderarmen Familien bestückt, als da von EG bis 3.OG mit je einem Kind die Familien Uebler, Grill, Brandner und Pietsch (2K) wohnten.
Die rechte Seite von EG bis 3.OG war mit Christerer (3K), Michelet (2K), Schwab (3K) und Voit (7K) besetzt. Benno das Kind von Pietsch war schwerstbehindert und somit nicht involviert, die restlichen 19 Kinder reichten allemal um ordentlich Rabatz zu schlagen.


Onkel Hugo war genau das, was kleine Kinder lieben. Single und somit mit viel verfügbarer Zeit, kinderlieb und mit einem Herz so groß wie ein Bergwerk ausgestattet, zumindest aus Sicht eines 3-jährigen. Selbst unglaublich verspielt, brachte er häufig kleine Geschenke mit nach Hause. Oft jedoch solche, die den Eltern nicht gerade Freude bereiteten.

Einmal brachte er mir eine absolute Neuheit in Form eines Fallschirmspringers der per Schleuder in die Luft geschleudert wurde und am höchsten Punkt dann den Fallschirm öffnete und sanft zu Boden gleitete. Was heute noch nicht einmal ein Gähnen verursacht, war 1964 herausragend.
Doch wie so oft geschah ein kleines Missgeschick mit einem Geschenk von Onkel Hugo. Er selbst katapultierte kraftvoll den Springer nach oben und dieser landete in einem der vorm Haus befindlichen Bäume. Kein Problem dachte sich Onkelchen und benutzte die Schleuder als Steinschleuder um den Springer zu befreien. Hätte möglicherweise funktionieren können, wenn nicht vorher eine Fensterscheibe von der Familie Voit im 3. OG kaputt gegangen wäre.
Noch ein Unterschied von damals zu heute: Nachdem der Sachverhalt mit den Voits geklärt war, wurde der arme M02-hugo-spassvogel.mp3ann mit vereinten Kräften in einer abenteuerlichen Aktion mit Hilfe eines verlängerten Besenstils aus seinem Baumgefängnis befreit.
Geändert am 09.04.2019
Mein Bruder Otto war - nach seinen eigenen Angaben :-) - der Junge mit dem Messer.
Es betraf auch nicht Tante Zenta, sondern eine Frau Holzner, eine Freundin von Oma.
Ebenso stellt das Bild nicht Tante Zenta, sondern Tante Fanny dar, das entferne ich dennoch nicht, weil von Tante Zenta habe ich keines. Auch das MP3 File ändere ich nicht, dafür wäre mir der Aufwand zu groß.


Aber Onkel Hugo konnte auch unangenehm werden und zwar dann, wenn er nicht pünktlich sein Abendessen bekam. Reichardt Oma bereitete ihm das zu und Hugo war nach dem Essen und einer Maß Bier wieder der friedlichste Mensch.

Hier die richtige "Messergeschichte", dankenswerter Weise von meinem Bruder Otto zur Verfügung gestellt.
Die Geschichte mit dem Messer habe ich in anderer Erinnerung. Die betraf nicht Tante Zenta und dich, sondern Frau Holzner und mich. Frau Holzner war eine Freundin von Oma aus der Pfarrei Heilig Geist, wo Oma ja sehr aktiv war und auch nach dem Kriegsende sehr viel beim Wiederaufbau getan hatte. Der alte Stadtpfarrer und später Prälat und "päpstlicher Geheimkämmerer" Monsignore Konrad Miller ging ja bei uns ein und aus, und er war auch einer der wenigen, der sich sehr lange gegen die Reform wehrte, bei der Messe zum Volk zu sehen. Deshalb spielte sich das Ganze in der Küche der Hochbrückenstr. ab, wo Onkel Hugo in einem "Alkoven, eine abgetrennte Nische eines Zimmers, mit kammerähnlichem Charakter" (Wiki) residierte. Den konnte man mit einem Vorhang von der Küche verschließen. Jedenfalls kam besagte Frau Holzner immer wieder zu Besuch und ging und ging und ging nicht. Einmal schickte er mich mit einem (stumpfen!) Marmeladenmesser von seinem Zimmer aus zur Diele wo sich Oma und Frau Holzner im Gespräch vertieft befanden. Ich sollte zu Frau Holzner gehen und mit erhobenen Messer „abstechen, abstechen“ sagen.
Glücklicherweise war sie schwerhörig und die undeutliche Aussprache verstand sie nicht. Aber Oma verstand sehr wohl und kannte auch den Verursacher, was im Anschluss zu heftigen Diskussionen zwischen den beiden führte.



Tante Zenta war mir und ich denke auch meinem Bruder Wiggerl (Ludwig) sehr unheimlich. Sie roch „muffig“ und trug immer eher schäbige, alte Kleidung, war wohl auch sehr geizig und bevorratete sich bei solchen Besuchen immer mit Lebensmittel aus dem Hause Christerer. Wie so oft kann das täuschen, sie war eine durchaus vermögende Person.
So hat sie u.a. in ihrem Testament verfügt, dass 1200 DM (war viel Geld damals) zur Korrektur meiner vorstehenden Zähne im Oberkiefer verwendet werden sollten. Warum meine Eltern das nicht taten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hätte mir das später viel Spott und die Spitznamen „Hase, Hasenzahn“ erspart.

Das absolute Highlight war allerdings ein Weihnachtsgeschenk von Onkel Hugo. Ein großes Feuerwehrauto, mit Blaulicht und Sirene, Feuerwehrleuten und einem funktionierenden Löschtank! Nun nachdem die Feiertage vorüber und alle im Alltag zurück waren, kam meine Zeit. Ich wollte einmal als Held dar stehen und die Familie, ach was, das ganze Haus retten. Also brach in meiner Phantasie ein großer Zimmerbrand in unserem Wohnzimmer aus und ich war zur Stelle! Yooo ich löschte eine komplette Wandseite auf ungefähr 50cm Höhe. Was ein kleiner Junge nicht wissen konnte, war, dass sich Tapeten ablösen können. Und ich muss gestehen, so richtig schick sah es anschließend nicht mehr aus im Wohnzimmer.
Das war das Ende meines Feuerwehrwagens und für Onkel Hugo die strenge Auflage von derartigen Geschenken künftig Abstand zu nehmen.

Eine wirkliche Katastrophe passierte als irgendwann 1966 Onkel Hugo aus unserer Wohnung auszog und eine eigene in der Appenzeller Straße bezog. Wir wohnten in der Tessiner Straße 163 und es war nicht wirklich weit weg. Doch für einen kleinen Jungen nahezu unerreichbar! Klar war es erforderlich, denn Otto war schon 13 Jahre alt und zu dritt in einem Zimmer war nicht wirklich prickelnd.
Ebenso klar war, dass sich die Besuche verringerten und somit einfach ein schwerer Einschnitt im Leben eines 6-jährigen geschah. Insbesondere als 1966 auch die verhasste Schule für mich begann und Onkel Hugo sicher eine zumindest moralische Unterstützung gewesen wäre.

So richtig glücklich mit diesen Umständen, denke ich, war wohl niemand so recht. Und als Onkel Hugo im Jahr 1967 mit nur 36 Jahren verstarb, woran weiß ich nicht mehr, war wohl evtl. auch eine Portion gebrochenen Herzens dabei. R.I.P. Onkel Hugo, vielleicht treffen wir uns ja irgendwann im Nirwana wieder.


Wie gesagt gab es in unserem Hauseingang eine ganze Reihe von Kindern. Natürlich wurden auch Freundschaften geschlossen und für mich kamen altersmäßig eigentlich nur der Brandner Manfred und die Schwab Brüder Stefan und Christian in Frage. Das funktionierte auch zeitweise, doch wirkliche Freundschaft schloss ich mit den „Lohmeiers“ wohnhaft im Nebeneingang also Tessiner Straße 161. Zuerst waren nur Hannes Baujahr 1958 und Herbert geboren 1959 da, später kam noch Heidemarie genannt Heidi hinzu.

Der Kontakt besteht heute noch und die Freundschaft zu Herbert hält jetzt seit sage und schreibe 55 Jahren und wird wohl auch die restliche Zeit bis zum Abflug bestehen bleiben. Und ich denke, alle Schandtaten die wir gemeinsam verübten, würden zumindest ein kleines Büchlein füllen.

Natürlich waren die Lohmeiers auch dabei, als ich zur „Sensationsfahrradfahrt“ als 4 jähriger ansetzte. Stolzer Besitzer eines braunen Mini Fahrrades bog ich aus der Unterwalden Straße kommend nach links in die Tessiner Straße ein. Das wäre jetzt nicht unbedingt so berauschend gewesen, obwohl mir Oma selbstverständlich das Fahren auf der Straße verboten hatte.
Doch die Sensation dabei war, dass ich angekündigt hatte, die Kurve mit geschlossenen Augen und freihändig zu bewältigen. Yoooo es funktionierte, das einzige Problem tauchte in Form eines grünen VW Käfers auf und bevor ich mich versah, landete ich ziemlich unsanft auf dessen Motorhaube. Verletzt wurde ich dabei überhaupt nicht, doch es empfahl sich in solchen Situationen ein herzhaftes, sehr lautes und Mitleid erregendes Geschrei von sich zu geben.
Die arme Frau (eigentlich erstaunlich 1964 Frau am Steuer) war laut Herbert völlig konsterniert und gab immer „Ich verstehe gar nicht, wie mich der Bub übersehen konnte.“ von sich. Nun ausnahmsweise hielten alle dicht und es gab keine Bestrafung für den kleinen Peter.
Übrigens wurde ich tatsächlich „da kloane Bäda“ (der kleine Peter) genannt - obwohl ich von der Körpergröße ausgehend eher zu hoch gewachsen für mein Alter war -, weil der Name Peter damals außerordentlich populär war und in unmittelbarer Umgebung, weitere DREI Ältere und somit größere Peter lebten.

Ausnahmsweise dicht gehalten deshalb, denn die folgende Geschichte mit den Lohmeier brothers verlief ganz anders und sorgte wie so häufig für einigen Ärger.


Das Jahr 1966 und Onkel Hugo war bereits ausgezogen. Hannes, Herbert und ich spielten im Umfeld unseres Häuserblocks. Dabei fielen uns am Hinterausgang des Katra Marktes, geführt von Herrn Steinacher drei lange Neonröhren auf, welche unverpackt an die Mülltonnen angelehnt waren. Die erste Science-Fiction Serie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ war gerade im deutschen Fernsehen ausgestrahlt worden und natürlich waren wir drei Universum Helden. Sofort bezogen wir gegenüber in den Gebüschen Stellung und bewarfen die Neonröhren mit kleinen Steinchen. Irgendwann reichte es Hannes, todesmutig rannte er über Straße und zerstörte mit einem großen Stein mindestens eine der Neonröhren. Nun das Geschepper verursachte Lärm und so was bedeutete für uns Rabauken schon immer: Flucht ergreifen!

Logisch hatten wir ein schlechtes Gewissen und dann geschah das Fatale: Herbert die Pflaume lief wie immer, wenn er was angestellt hatte, nach Hause und legte sich ins Bett. Somit war für Frau Lohmeier klar, irgendetwas hat er angestellt, denn am helllichten Tag legte sich damals kein Junge ins Bett.
Ich rannte um das Haus und warf mich bei der Hausnummer 165 in der Tessiner Straße ins Gras hinter einem Steinvorsprung. Nur Hannes die Pfeife, der Verursacher des Schlamassels, wurde von Herrn Steinacher erwischt.
Doch was macht Hannes? Er übt Verrat und sagt „es war der Christerer Peter“ und zeigte auch noch mein Versteck. Ok Hr. Steinacher behauptete ALLE 3 Röhren wären kaputt und sie waren neu! Eine sollte angeblich 12 DM gekostet haben. Also was tun. Da kam der glorreiche Peter auf die Idee nach Hause zu gehen und Oma zu erklären, dass Onkel HUGO noch Schulden bei Hr. S. in Höhe von 36 DM hatte.

Oma zweifelte stark an dieser Geschichte, gab mir trotzdem das Geld und ich marschierte stolz wie Oskar zu S. und bezahlte. Schon war alles geritzt. Allerdings nur bis zum nächsten Tag. Als nämlich Oma zum Einkaufen ging, sprach sie natürlich die vermeintlichen Schulden von Onkel Hugo an und das war das Ende von Raumschiff Orion samt Besatzung. Ich denke die Summe wurde mit den Lohmeiers geteilt und ich möchte hier nicht ausführen, welche dramatischen Folgen dies für die Länge meiner Ohren und die Kürzung meines Taschengeldes bedeutete.

Im nachhinein stellen sich bei mir allerdings starke Zweifel an der Korrektheit von Herrn Steinacher ein. Ob die Neonröhren wirklich neu waren und ob wirklich alle drei kaputt gegangen sind, das erscheint mir zumindest sehr fragwürdig.


Kindergarten und Schulbeginn, bzw. die gesamte Schullaufbahn sind eher ziemlich dunkle Kapitel in meinem Leben. Bereits die Ankündigung demnächst täglich am Vormittag den Kindergarten zu besuchen und somit meine geliebte Oma und Umgebung verlassen zu müssen, verursachte Panikattacken.

Doch es half nichts ich wurde gezwungen den katholischen Kindergarten St. Matthias zu besuchen um mich auf den Ernst des Lebens, sprich Schule vorzubereiten. Schon da dämmerte es mir, dass das mit Schule und mir nicht das Optimale werden wird. Und es kam wie es kommen musste: Die ersten Wochen war ich nur mit mehr oder weniger Gewalt, begleitet von ziemlichen Geweine und Gezeter, in den Kindergarten zu verfrachten.

Im Kindergarten selbst - auch das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben - fiel ich durch meine „Steifheit“ und Ungeschicklichkeit auf und das konnte ich nur durch Härte gegenüber den anderen Kindern oder Frechheiten den Kindergärtnerinnen gegenüber, kompensieren. Zu der Zeit im Kindergarten habe ich seltsamerweise keinerlei Erinnerung zu irgendwelchen besonders herausragenden Vorfällen, im Gegensatz zu den ersten Schuljahren.
Aktualisierung am 30.05.2019:
Dank Herbert Bilder von der Schule im Mai 2019. Viel geändert hat sich aber schon überhaupt nicht!

Schulbeginn in der Grundschule an der Walliser Str. war im September 1966 und die Neugierde war schon sehr groß, was ich für neue Menschen kennenlernen würde und - wie man heute sagt - was so abgeht. Natürlich gab es eine riesige Schultüte und ein paar Geschenke. Doch die Ernüchterung folgte sehr schnell! Stundenlanges stillsitzen, stundenlanges leise sein, ständig nach etwas gefragt zu werden, was man doch gar nicht weiß. Ich dachte damals, dass Lehrer gescheite Leute wären, also warum fragten sie dann andauernd?
Wenigstens der Schulsport war erträglich, denn durch meine Kraft, war ich im Tauziehen immer ganz vorne mit dabei, ebenso bei Ballspielen mit der Hand wie Völkerball. Und noch etwas war eine feine Sache: Die Typen welche jenseits der Graubündner Straße ( war so etwas wie eine Grenze) wohnten, lernte man jetzt kennen und da waren schon ein paar coole Typen dabei.

Neben mir saß geraume Zeit Peter Grosser, der Sohn von Peter Grosser, dem Kapitän des TSV 1860 München, dem deutschen Fußballmeister von 1966. Yep das war schon was. Grossers waren übrigens extrem nette Menschen ohne jegliche Starallüren und Frau Grosser hatte immer etwas für uns parat, wenn wir mal bei Peter zuhause waren. Leider hat die Familie schwere Schicksalsschläge ertragen müssen. Beide Söhne verstarben früh. Peter als 19jähriger 1979 bei einem Verkehrsunfall und Thomas der exakt 5 Jahre jünger war als ich, verstarb kurz vor Vollendung seines 43. Geburtstages während eines Hallentrainings in Unterhaching.

Ein weiterer riesiger Vorteil war, dass meine älteren Brüder auch an der Schule waren. Ok, Otto war nicht so relevant, er war einfach zu alt. Aber Wiggerl, das war herausragend! Als 6-jähriger einen Bruder zu haben, der 4 Jahre älter ist und zudem so eine Art „Anführer“ darstellte, denn ob er damals schon seine legendäre „Wiggerl Clique“ anführte, das weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls wurde ich mehr oder weniger unantastbar, speziell von den 2. und 3. Klässlern, die uns Zwerge natürlich terrorisierten. In meiner Klassengemeinschaft war das ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Der nächste Beitrag ist zwar kurz, aber beschreibt zugleich einen der drei traurigsten Abschnitte meines Lebens. Selbst jetzt, beim Schreiben was vor fast 50 Jahren geschah, sind Tränen in meinen Augen und ich denke an den Song von Pink Floyd „wish you were here“. Es folgt die Geschichte von Ludwig „Wiggerl“ Christerer aus der Sicht eines damals 10-jährigen Kindes.


Mein Bruder Ludwig „Wiggerl“ Christerer wurde am 30.10.1956 in München geboren.
Wiggerl litt an schwerem Asthma. Ob von Geburt an oder ob sich die Krankheit erst später entwickelt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. In den 1960er Jahren war Asthma noch nicht so erforscht und Medikamente zum Einnehmen kamen erst Anfang der 1970er auf den Markt.

Wiggerl litt sehr unter den Anfällen, die durchaus lebensbedrohlich werden konnten. In meiner Erinnerung fanden diese hauptsächlich nachts statt und Wiggerl rannte dann ( warum auch immer ) aus dem Zimmer zur Toilette und schrie dabei um Hilfe. Dies führt natürlich bei Atemnot nicht unbedingt zur Besserung, könnte aber durch die häufig auftretenden Angstzustände bei Asthmaanfällen zu erklären sein. Irgendeiner der anwesenden Erwachsenen versuchte ihm dann zu helfen.

Für mich war das schwer zu begreifen, da von gar nichts bis zu lebensbedrohlich oft nur Minuten vergingen. Manchmal war ich sogar eifersüchtig, denn logischerweise wurde Wiggerl besonderes Augenmerk zuteil. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich sogar freute, dass Wiggerl diese Krankheit hatte, denn dadurch entging ich bei der Einschulung der obligatorischen Pockenschutzimpfung und meine Angst vor Spritzen war auch mit 6 Jahren schon ausgeprägt.

Ansonsten war Wiggerl im gesamten Viertel außerordentlich beliebt. Irgendwann entstand eine Jugendbande und als Wiggerl zum Anführer erwählt worden war, hieß sie nur noch die „Wiggerl Clique“. Bereits damals herrschten in den Bezirken gut gepflegte Feindschaften und gegen eine Rauferei hatte damals niemand etwas einzuwenden. So waren eine Gang im Maxhof angesiedelt, eine weitere unter Führung von „Bautze“ in Forstenried und in Fürstenried Ost waren die Spitzers von Rang und Namen. So lächerlich es heute für eine Erwachsenen auch klingen mag, aber für kleine Jungs wie mich bedeutete das - zumindest in Fürstenried West - durchaus eine gewisse Sicherheit der Bruder von Wiggerl zu sein.

Dann kam die Nacht, die sich wie Säure in mein Gehirn und mein Herz geätzt hat. Wiggerl und ich hatten noch ein gemeinsames Zimmer, während Otto in das ehemalige Zimmer von Onkel Hugo gezogen und schon in der Lehrausbildung war.
In der Nacht vom 10. zum 11.11.1970 hatte Wiggerl einen Anfall, sprang wie immer aus dem Bett und lief um Hilfe schreiend zur Toilette. Doch dieses Mal dauerte es nicht lange und er verstummte, denn so ein Anfall konnte auch ganz spontan beendet sein. Leider war es sein letzter Anfall. Früh am Morgen als Vater wie üblich aufstand um in seine Metzgerei zu fahren, konnte er nicht auf die Toilette, denn sie war verschlossen und auf sein Klopfen antwortete niemand.

Man konnte die Türe von außen mit einem Geldstück oder Schraubendreher öffnen und als mein Vater dies tat, saß Wiggerl leblos auf der geschlossenen Toilettenschüssel. Natürlich entstand ein lauter Tumult und davon geweckt, trat auch ich aus meinem Zimmer und sah frontal auf den sitzenden, toten Bruder. Dieser Anblick und seine vorherigen Schreie werden wohl bis zu meinem Ende nahezu täglich zur Erinnerung kommen. Heutzutage denke ich wäre diese Erkrankung durchaus einfacher zu händeln, aber das Leben hält nun mal nicht nur Pralinen parat.

R. I. P. Wiggerl du warst mein Held!

Damit beende ich das erste Kapitel und der nächste Lebensabschnitt, den ich für mich als wichtigsten bezeichnen möchte, beginnt. All die Vorkommnisse und die darin involvierten Menschen - so denke wenigstens ich - ließen mich zumindest bis 1995 so agieren wie es nun einmal geschah.